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Die
Stimme, die im Inneren des Menschen spricht
Im Gewissen werden wir
von innen angesprochen. Es spricht allerdings nicht unsere Stimme
zu uns, sondern die der sittlichen Verpflichtung.
Das Gewissen stellt an uns Forderungen, in bestimmter Weise zu
handeln. Diese Forderungen beziehen sich nicht darauf, daß wir
unseren Vorteil optimal ausnutzen, sondern widerstreiten gerade
dem, was wir als vorteilhaft oder angenehm erstreben. Im Gewissen
meldet sich eine Norm, die uns auf andere hin und auf deren Vorteil
orientiert. Das Gewissen fordert uns unbedingt, also „Ohne
Wenn und Aber“. Mit dem Gewissen ist auch erst die Voraussetzung
gegeben, daß wir uns schuldig fühlen können. Denn
eigentlich müßten wir mit uns zufrieden sein, wenn wir
z.B. jemanden erfolgreich betrogen haben. Wir waren ja erfolgreich.
Wenn wir aber trotz des äußeren Erfolges nicht zufrieden
sind, weil wir uns im Unrecht fühlen, dann beurteilen wir
unsere Handlung nicht nur unter dem Gesichtspunkt des Erfolges,
sondern auch danach, ob sie ethisch gerechtfertigt ist. Dieses
Wissen um ethische Werte konkretisiert sich im Gewissen auf die
Beurteilung einzelner Handlungen. Wir kennen nicht nur die sittlichen
Vorschriften, wie sie z.B. in den 10 Geboten zusammengestellt sind,
sondern „wissen“ auch um den ethischen Wert bzw. Unwert
einer Tat. Das Gewissen hat eine urteilende Funktion, es beurteilt
unsere Überlegungen, wenn wir etwas vorhaben und fällt
auch ein Urteil über die durchgeführte Handlung. Da uns
der Spruch des Gewissens wie von außen fordert und uns auch
keine Wahl läßt, weil er uns unbedingt verpflichtet,
sehen nicht wenige Philosophen im Gewissen die am deutlichsten
erkennbare Gegenwart Gottes, die dem Menschen zugänglich ist.
Johann Gottlieb Fichte
„
Die Stimme des Gewissens, die jedem seine besondere Pflicht auflegt,
ist der Strahl, an welchem wir aus dem Unendlichen ausgehen, und
als einzelne und besondere Wesen hingestellt werden; sie zieht
die Grenzen unserer Persönlichkeit; sie also ist unserer wahrer
Urbestandteil, der Grund und Stoff alles Lebens, welches wir leben.
Die absolute Freiheit des Willens, die wir gleichfalls aus dem
Unendlichen mit herab nehmen in die Welt der Zeit, ist als Prinzip
dieses unseres Lebens.“
Die Bestimmung des Menschen, Berlin 1800, S. 139f
„Wir sind in seiner Hand, und bleiben in derselben, und
niemand kann uns daraus reißen. Wir sind ewig, weil Er es
ist. Erhabener lebendiger Wille, den kein Name nennt und kein Begriff
umfaßt, wohl darf ich mein Gemüt zu dir erheben: denn
du und ich sind nicht getrennt. Deine Stimme ertönt in mir,
die meinige tönt in dir wieder; und alle meine Gedanken, wenn
sie nur wahr und gut sind, sind in dir gedacht. – In dir,
dem Unbegreiflichen, werde ich mir selbst, und wird mir die Welt
vollkommen begreiflich, alle Rätsel meines Daseins werden
gelöst, und die vollendete Harmonie entsteht in meinem Geiste.“ ebd.
S. 143f; zitiert nach Philosophische Bibliothek, Hamburg 2000
Friedrich Wilhelm Schelling
„
Wir haben in uns einen einzigen offenen Punkt, durch den der Himmel
hereinscheint. Dieser ist unser Herz oder, richtiger zu reden,
unser Gewissen. Wir finden in diesem ein Gesetz und eine Bestimmung,
die nicht von dieser Welt sein kann, mit der sie vielmehr gewöhnlich
im Kampf ist, und so dient es uns zu dem Unterpfand einer höheren
Welt, und erhebt den, der ihm folgen gelernt hat, zu dem trostreichen
Gedanken der Unsterblichkeit.“
Ü
ber den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt, 1810, Sämtliche
Werke Bd. 1,S. 17, zitiert nach Philosophische Bibliothek, Hamburg
1992
John Henry Newman hat in seien Schrift „An Essay in Aid of
a Grammar of Assent“ aus dem Jahre 1870 am deutlichsten die
Stimme des Gewissens als Hinweis auf Gott herausgearbeitet; deutsch: „Entwurf
einer Zustimmungslehre“, Mainz 1961
„
Das Gewissen aber ruht nicht in sich selbst, sondern langt in vager
Weise vor zu etwas jenseits seiner selbst und erkennt undeutlich
eine Billigung seiner Entscheidungen, die höher ist als es
selbst und bewiesen ist in jenem scharfen Sinn für Verpflichtung
und Verantwortung, der sie trägt. Daher kommt es, daß wir
gewohnt sind, vom Gewissen zu sprechen als von einer Stimme – ein
Ausdruck, den auf den Sinn für das Schöne anzuwenden,
uns niemals einfallen würde. Und überdies ist es eine
Stimme oder das Echo einer Stimme, herrisch und nötigend wie
kein anderer Befehl im ganzen Bereich unserer Erfahrung.“ S.75
„
Wenn wir, wie es ja der Fall ist, uns verantwortlich fühlen,
beschämt sind, erschreckt sind bei einer Verfehlung gegen
die Stimme des Gewissens, so schließt das ein, daß hier
Einer ist, dem wir verantwortlich sind; vor dem wir beschämt
sind, dessen Ansprüche an uns wir fürchten....
Wenn die Ursachen dieser Gemütsbewegungen nicht dieser sichtbaren
Welt angehören, so muß der Gegensand, auf den seine
Wahrnehmung gerichtet ist, übernatürlich und göttlich
sein. So ist das Phänomen des Gewissens als das eines Befehls
dazu geeignet, dem Geist das Bild eines höchsten Herrschers
einzuprägen, eines Richters, heilig, gerecht, mächtig,
allsehend, vergeltend. Es ist das schöpferische Prinzip der
Religion, wie der Sinn für das Sittliche das Prinzip der Ethik
ist.“ S. 77
Die Einwände
der Tiefenpsychologe
So unbestreitbar das Gewissen im einzelnen Menschen spricht, so
wenig deutlich kann es sein, daß im Gewissen sich die Stimme
Gottes meldet. Siegmund Freud ist bei der Erforschung des Unbewußten
darauf gestoßen, daß Menschen in sich ständig
die Stimme ihrer Eltern oder ihrer Umwelt hören. Freud ordnet
das Gewissen daher nicht dem Personkern des Menschen zu, sondern
seinem Über-Ich. Das Über-Ich ist eine Instanz im Menschen,
aber sie ist von außen verinnerlicht. Der Mensch hört
die Stimmen, die ihm von außen Vorschriften machen, ihn
in eine bestimmte Richtung drängen wollen, in sich sprechen.
Da diese Stimmen Schuldgefühle einflößen, sind
die Anhänger von Freud sofort skeptisch, wenn es um Schuldgefühle
geht. Diese leiten sie erst einmal vom Über-Ich her, also
von einer Instanz, die der Mensch zu seinem Schaden verinnerlicht
hat.
Daß Gewissen aber nicht einfach die stimme der Eltern ist,
zeigen die Menschen, die sich gegen die Meinungstrends ihrer Umwelt
ein eigenes Urteil erhalten haben und sich z.B. in der Zeit des
Nationalsozialismus der Rassenideologie widersetzt haben. Nicht
wenige haben ihren Widerstand mit dem Leben bezahlt.
Es zeigt sich, daß eine Stimme, die der einzelne in sich
hört, nicht unbesehen mit der Stimme des Gewissens identifiziert
werden kann. Das ist zudem eine alte Erfahrung der christlichen
Spiritualität, daß der Mensch verschiedene Stimmen in
seinem Inneren hört und manche Stimmen Einflüsterungen
des bösen Geistes sind. Deshalb gehört es zum Grundbestand
einer christlichen Spiritualität, die Unterscheidung der Geister
einzuüben.
Daß neben der Stimme des Gewissens sich auch andere im Menschen
melden, zeigt weiter die Notwendigkeit, eine äußere
Norm zu finden, an der der einzelne überprüfen kann,
ob eine Eingebung vom guten oder bösen Geist kommt. Die sittlichen
Werte, die in den 10 Geboten oder in den Menschenrechten zusammengestellt
sind, dienen als ein solcher Maßstab. Der Vorteil besteht
darin, daß diese Normen nicht allein intuitiv erfaßt
und begründet werden können, sondern der Argumentation
zugänglich sind. Diese Argumentation leistet die philosophische
Ethik.
Wenn auf der einen Seite die Stimme Gottes im Gewissen zu vernehmen
ist, auf der anderen Seite aber der Mensch auch andere Stimmen
hört, zeigt sich der Gottesbeweis, der aus dem Gewissen erschlossen
wird, als ein gangbarer Weg, der jedoch der Ergänzung bedarf.
Diese findet sich in der Analyse der Freiheit. Da das Gewissen
nur auf Grund der Freiheit überhaupt möglich ist, ist
ein enger Zusammenhang von Gewissen und Freiheit gegeben, wenn
der Mensch sich seiner Herkunft von Gott vergewissern will.
Eckhard Bieger
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