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Das Unbedingte der Freiheit kann nicht aus dem
Menschen selbst kommen
In unserem Alltag fühlen wir uns meist von Aufgaben bestimmt,
die wir für andere bzw. aus Sorge für unsere Gesundheit
und unseren Lebensunterhalt erledigen müssen. Wenn wir morgens
aufwachen, haben wir daher selten ein Gefühl der Freiheit,
sondern des Müssens, denn uns fällt ein, was wir heute
alles erledigen müssen. Aber in allem, was uns von außen
zu tun aufgetragen scheint, gibt es aber immer die Überlegung:
Müssen wir das eigentlich tun? In dem Überlegen, ob wir
wirklich „müssen“, meldet sich unsere Freiheit.
Wenn wir uns fragen „Kann man das von uns fordern?“ vergleichen
wir die Forderung mit unserer Lebensrichtung. Bringen uns die Forderungen
nicht von unserem Lebensweg ab? Wenn wir so fragen, erscheint die
Freiheit, denn diese verlangt von uns, daß wir den Kurs unseres
Lebensschiffes nicht von anderen bestimmen lassen. Die Freiheit
verlangt, daß wir selbst entscheiden, was wir mit unserem
Leben wollen und anstreben. Wir dürfen das nicht an andere
delegieren, weder an unsere Eltern noch an unseren Lehrer, an einen
Priester oder einen Guru eines esoterischen Zirkels. Denn wenn
wir es anderen überlassen, den Kurs unseres Lebens zu bestimmen,
dann ist in dieser Entscheidung bereits unsere Freiheit im Spiel.
Wir entscheiden, mehr oder weniger frei, daß ein anderer
entscheiden soll. Das sollen wir aber nicht, denn auch wenn andere
entscheiden, können wir nicht über unser Gewissen hinweggehen,
das uns abverlangt, nichts Böses zu tun. In Krimis und Reportagen
wird dieser Anspruch immer wieder verdeutlicht, wenn Menschen sich
zu einem Verbrechen oder mit Geldangeboten zur Prostitution überreden
lassen.
In der Freiheit liegt der Anspruch, unsere Verantwortung nicht
an andere zu delegieren, sondern selbst unser Leben in die Hand
zu nehmen. Dieser Anspruch der Freiheit ist unerbittlich.
Die Unbedingtheit der Freiheit
Wir sind zu vielem frei und in Gedanken können wir uns noch
mehr vorstellen, was wir tun könnten. So können dem Spruch
unseres Gewissens folgen oder auch nicht. In Bezug auf unsere Freiheit
sind wir nicht frei. Selbst wenn wir unsere Freiheit aufgeben,
indem wir andere über uns entscheiden lassen, auch in diesem
Lassen war unsere Freiheit im Spiel. Als kleines Kind erproben
wir die Freiheit bereits im Trotzalter, in der Pubertät wird
sie uns voll bewußt. Dieser Anspruch der Freiheit ist unbedingt.
Das bedeutet, daß die Freiheit keine Bedingung gelten läßt,
die uns offen läßt, ob wir die Verantwortung für
unser Leben übernehmen oder nicht. Denn wenn sie uns entscheiden
ließe, ob wir frei sein wollen oder nicht, wäre das
schon wieder eine freie Entscheidung. Aber die Freiheit will ohne
Wenn und Aber, daß wir uns als freie Menschen entfalten,
d.h. eine Ausbildung und einen Beruf wählen, uns für
oder gegen eine Partnerschaft, für oder gegen Kinder entscheiden.
Wir sollen uns auch für bestimmte Werte entscheiden, an denen
wir unsere weiteren Entscheidungen ausrichten. Diese Werte können
Einsatz für den Frieden, soziales Engagement, beruflicher
Erfolg, interessante Urlaube, körperliche Leistungsfähigkeit
u.a. sein.
Das „Ohne Wenn und Aber“ der Freiheit ist nicht etwas
bloß Gedachtes. Es ragt vielmehr in unser Leben hinein und
wir müssen uns dem unbedingten Anspruch der Freiheit stellen.
Wo kommt dieser Anspruch her? Wir haben unsere Freiheit nicht von
unseren Eltern noch vom Staat geschenkt bekommen. Sie kann auch
nicht aus der Evolution kommen, denn diese ist nach dem Prinzip
des Zufalls organisiert. Zufällig entstehen Mutationen und
im Kampf ums Überleben zeigt sich, was eine gute Mutation
war. Aus Zufall kann aber nichts Notwendiges entstehen, zumal der
Mensch auch in sich nicht notwendig ist. Er könnte ja auch
nicht sein. Das Unbedingte ohne Wenn und Aber meldet sich in einem
aus Zufall entstandenen Wesen, das auch nicht sein könnte.
Woher hat der Mensch seine Freiheit, die ja in sich alles andere
als beliebig ist, sondern den Menschen unter einen unbedingten
Anspruch stellt? Er muß diese Freiheit von einer anderen
Freiheit haben. Diese Macht, woher die Freiheit mit ihrem unbedingten
Anspruch kommt, muß die Freiheit des Menschen wollen. Dieses
Wollen der menschlichen Freiheit zeigt sich deutlich in dem der
Freiheit mitgegebenen Anspruch, nämlich seine Freiheit auch
auszuüben. Eigentlich könnten wir weiter folgern, daß die
Freiheit von dem herkommt, der den Menschen als geistiges Wesen
geschaffen hat. Aber der Schöpfer wird als Rivale der menschlichen
Freiheit verdächtigt.
Gott, Feind oder Freund der menschlichen Freiheit?
Wenn Kinder, die im Glauben an Gott aufgewachsen sind, in die Pubertät
kommen, verändert sich auch ihre Beziehung zu Gott grundlegend.
War Gott bisher der große Schutzherr, der die Bösen
bestraft und die Guten belohnt, tritt er in der Pubertät als
Garant der sittlichen Gebote auf. Stammen die Zehn Gebote nicht
von Gott und pocht er nicht unerbittlich auf deren Einhaltung.
Zudem stand Gott bisher hinter den Autoritäten, ob Eltern,
Kindergarten, Schule oder Polizei. Für das Kind ist es unproblematisch,
daß diese Autoritäten im Auftrag Gottes handeln. Wer
aber seine Freiheit entdeckt, stößt ständig an
Grenzen und sei es nur im Kampf mit den Eltern, um 22 Uhr abends
zu Hause zu sein. Für den französischen Philosophen Jean
Paul Sartre und viele andere bilden Freiheit und Gott einen unversöhnlichen
Gegensatz. Wer sich für die eigene Freiheit entscheidet, der
muß sich von Gott abwenden. Sartre geht sogar davon aus,
daß der Mensch die Freiheit von Gott hat, aber er muß sich
von Gott abwenden, wenn er die eigene Freiheit leben will.
Nun sind die menschlichen Gebote, gegen die man in der Pubertät
rebelliert, nicht das Thema der Freiheit, auch wenn es unsere Freiheit
ist, die uns die Übertretung der Gebote ermöglicht. Das
Thema unserer Freiheit liegt hinter den Geboten, denn diese weisen
mich nicht an, welchen Beruf ich wählen, für welchen
Partner, Partnerin ich mich entscheiden soll. Der Kurs meines Lebensschiffes
muß nur deshalb die Gebote im Auge behalten, weil sie meine
Freiheit schützen. Denn die Gebote, „du sollst nicht
töten“, „du sollst nicht falsches Zeugnis geben“ schlagen
auf meine Freiheit zurück. Wenn z.B. andere es für unproblematisch
halten, mich zu bestehlen oder meine Partnerin zu verführen,
bin ich faktisch unfrei. Deshalb ist die Frage berechtigt: Warum
sollte die Macht, die uns unsere Freiheit geschenkt und die Einlösung
der Freiheit fordert, uns unsere Freiheit neiden? Einige Textauszüge
aus einem Theaterstück Sartres zeigen, daß man einen
Gott zeichnen muß, dessen Bild überrascht.
Zitate
Sartre hat in seinem Drama die Fliegen die Frage nach der Freiheit
behandelt. Er verlegt das Drama in die griechische Antike. Der
Sohn Orest kommt in die Stadt seiner Eltern. Die Mutter, Klytämnestra
hat, da sie sich einem anderen Mann, Ägist, zugewandt hatte,
den Vater Orests, ihren Mann Agamemnon ermordet. Jean Paul Sartre, „Die
Fliegen“; Schmutzige Hände“, Zwei Dramen, Hamburg
1991:
„
Wenn einmal die Freiheit in einer Menschenseele aufgebrochen ist,
können die Götter nichts mehr gegen diese Menschen. Denn
das ist eine Menschenangelegenheit, und es ist Sache der anderen
Menschen – und nur ihre –, ihn laufen zu lassen oder
ihn zu erwürgen.“ Szene 5 im 2. Akt.
„Wenn einmal die Freiheit in einer Menschenseele aufgebrochen
ist, können die Götter nichts mehr gegen diesen Menschen.
Denn das ist eine Menschenangelegenheit, und es ist Sache der anderen
Menschen – und nur ihre –, ihn laufen zu lassen oder
ihn zu erwürgen.“ Szene 5 im 2. Akt.
„Ich bin weder Herr noch Knecht, Jupiter, ich bin meine
Freiheit! Kaum hast du mich erschaffen, so habe ich auch schon
aufgehört, dein eigen zu sein; ........... plötzlich
ist die Freiheit auf mich herabgestürzt, und ich erstarrte,
die Natur tat einen Sprung zurück, und ich hatte kein Alter
mehr, und ich habe mich ganz alleine gefühlt, inmitten deiner
kleinen, harmlosen Welt, wie einer, der seinen Schatten verloren
hat, und es war nichts mehr am Himmel, weder Gut noch Böse,
noch irgendeiner, um mir Befehle zu geben.“
2. Szene im 3. Akt
Reflexion zur
Alternative „menschliche
Freiheit oder Gott“
Sartre zeichnet einen Gott, der den Menschen mit einer Freiheit
so ausgestattet hat, daß diese Freiheit mit Notwendigkeit
dazu führt, daß der Mensch sich von seinem Schöpfer
verabschiedet. Dann wäre dieser Gott aber nicht mehr in
sich das höchste Gut, wenn die Freiheit den Menschen dazu
zwingt, sich von diesem Gott loszusagen. Denn das Lossagen müßte
durch ein Gut motiviert sein, das höher ist als Gott. Das wäre
dann ein anderer Gott oder ein anderes höchstes
Gut müßte existieren, auf das sich der Mensch ausrichtet.
Oder, das wäre auch eine weitere Konsequenz, die Freiheit
wäre selbst das höchste Gut. Wenn aber die Freiheit
des Menschen das höchste Gut wäre, dann müßte
Gott, insofern er das Gute will, sich der Freiheit des Menschen
unterwerfen.
Diese Konsequenz hat Nietzsche mit seiner „Gott ist tot“ -These
durchdacht. Er hat eine menschliche Freiheit erdacht, die nicht
mehr dem höchsten Guten verpflichtet ist, sondern ihrem „Willen
zur Macht“. Es ist aber so, daß die Freiheit nur in sich
frei bleibt, wenn sie sich auf das höchste
Gute ausrichtet.
Zitate
„
Der Mensch verliert seine Freiheit, wenn es kein ihn überschreitendes
Unbedingtes gibt. Abhängig ist er in jedem Fall, und das Unbedingte
schlechthin ist er auch nicht. Wenn es ein solches überhaupt
nicht gibt, dann regieren und herrschen nur relative Größen,
Abhängigkeiten und Verflechtungen dieser Welt. Das Unbedingte
allein kann dem Menschen eine gewisse, aber entscheidende Überlegenheit
und damit Freiheit garantieren. Nur das in sich vollkommen Unbeschränkte
kann eine relative, endliche Unbeschränktheit gewähren
und begründen. Mit dem Bezug zu diesem Unbedingten, oder anders
gesagt: mit der Präsenz dieses Unbedingten im eigenen Inneren,
steht und fällt die Freiheit des Menschen.“
Josef Schmidt, Philosophische Theologie, Stuttgart 2003, S. 165
Eckhard Bieger
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