Philosophie&Theologie

Begriff anklicken

Alleinseligmachende Kirche
Arianismus
Auferstehung Jesu
Böse, das - der Drache
Böse, das - der Brudermord
Böse, das - Begehren die Wurzel des Bösen
Böse, das - seine Darstellung
Böse, das - und das Gute
Böse, das - und Gottes Schöpfung
Böse, das - Überwindung
Christologische Streitigkeiten
Corpus Mysticum
Erbsünde und Augustinus
Erlöser
Freiheit
Freiheit und Entscheidung
Freiheit und Gott
Gegenwart Jesu
Glauben und Wissen
Gottesbeweise
Gottesbeweis aus der Freiheit
Gottesbeweis aus dem Gewissen
Gottesbeweis aus dem höchsten Gut
Gottesbeweis, kosmologischer
Gottesbeweis, ontologischer nach Gödel
Gottesbeweis aus der religiösen Erfahrung
Gottesbeweis aus der Wahrheit
Gottesknecht
Gottessohn
Hypostatische Union
Inkarnation
Jesus, der Sündenbock
Jesu Tod im Islam
Kirche-evangelisch-katholisch
Leib Jesu
Menschensohn
Menschwerdung Jesu
Messias - Christus
Monophysiten
Monotheletismus-Monergetismus
Nestorianer
Ontologischer Gottesbeweis
Person
Realpräsenz
Sohn Gottes
Theodizee
Zweinaturenlehre

 

 

 

 

 

Gottesbeweis aus der Freiheit

Das Unbedingte der Freiheit kann nicht aus dem Menschen selbst kommen

In unserem Alltag fühlen wir uns meist von Aufgaben bestimmt, die wir für andere bzw. aus Sorge für unsere Gesundheit und unseren Lebensunterhalt erledigen müssen. Wenn wir morgens aufwachen, haben wir daher selten ein Gefühl der Freiheit, sondern des Müssens, denn uns fällt ein, was wir heute alles erledigen müssen. Aber in allem, was uns von außen zu tun aufgetragen scheint, gibt es aber immer die Überlegung: Müssen wir das eigentlich tun? In dem Überlegen, ob wir wirklich „müssen“, meldet sich unsere Freiheit. Wenn wir uns fragen „Kann man das von uns fordern?“ vergleichen wir die Forderung mit unserer Lebensrichtung. Bringen uns die Forderungen nicht von unserem Lebensweg ab? Wenn wir so fragen, erscheint die Freiheit, denn diese verlangt von uns, daß wir den Kurs unseres Lebensschiffes nicht von anderen bestimmen lassen. Die Freiheit verlangt, daß wir selbst entscheiden, was wir mit unserem Leben wollen und anstreben. Wir dürfen das nicht an andere delegieren, weder an unsere Eltern noch an unseren Lehrer, an einen Priester oder einen Guru eines esoterischen Zirkels. Denn wenn wir es anderen überlassen, den Kurs unseres Lebens zu bestimmen, dann ist in dieser Entscheidung bereits unsere Freiheit im Spiel. Wir entscheiden, mehr oder weniger frei, daß ein anderer entscheiden soll. Das sollen wir aber nicht, denn auch wenn andere entscheiden, können wir nicht über unser Gewissen hinweggehen, das uns abverlangt, nichts Böses zu tun. In Krimis und Reportagen wird dieser Anspruch immer wieder verdeutlicht, wenn Menschen sich zu einem Verbrechen oder mit Geldangeboten zur Prostitution überreden lassen.
In der Freiheit liegt der Anspruch, unsere Verantwortung nicht an andere zu delegieren, sondern selbst unser Leben in die Hand zu nehmen. Dieser Anspruch der Freiheit ist unerbittlich.

Die Unbedingtheit der Freiheit
Wir sind zu vielem frei und in Gedanken können wir uns noch mehr vorstellen, was wir tun könnten. So können dem Spruch unseres Gewissens folgen oder auch nicht. In Bezug auf unsere Freiheit sind wir nicht frei. Selbst wenn wir unsere Freiheit aufgeben, indem wir andere über uns entscheiden lassen, auch in diesem Lassen war unsere Freiheit im Spiel. Als kleines Kind erproben wir die Freiheit bereits im Trotzalter, in der Pubertät wird sie uns voll bewußt. Dieser Anspruch der Freiheit ist unbedingt. Das bedeutet, daß die Freiheit keine Bedingung gelten läßt, die uns offen läßt, ob wir die Verantwortung für unser Leben übernehmen oder nicht. Denn wenn sie uns entscheiden ließe, ob wir frei sein wollen oder nicht, wäre das schon wieder eine freie Entscheidung. Aber die Freiheit will ohne Wenn und Aber, daß wir uns als freie Menschen entfalten, d.h. eine Ausbildung und einen Beruf wählen, uns für oder gegen eine Partnerschaft, für oder gegen Kinder entscheiden. Wir sollen uns auch für bestimmte Werte entscheiden, an denen wir unsere weiteren Entscheidungen ausrichten. Diese Werte können Einsatz für den Frieden, soziales Engagement, beruflicher Erfolg, interessante Urlaube, körperliche Leistungsfähigkeit u.a. sein.
Das „Ohne Wenn und Aber“ der Freiheit ist nicht etwas bloß Gedachtes. Es ragt vielmehr in unser Leben hinein und wir müssen uns dem unbedingten Anspruch der Freiheit stellen.
Wo kommt dieser Anspruch her? Wir haben unsere Freiheit nicht von unseren Eltern noch vom Staat geschenkt bekommen. Sie kann auch nicht aus der Evolution kommen, denn diese ist nach dem Prinzip des Zufalls organisiert. Zufällig entstehen Mutationen und im Kampf ums Überleben zeigt sich, was eine gute Mutation war. Aus Zufall kann aber nichts Notwendiges entstehen, zumal der Mensch auch in sich nicht notwendig ist. Er könnte ja auch nicht sein. Das Unbedingte ohne Wenn und Aber meldet sich in einem aus Zufall entstandenen Wesen, das auch nicht sein könnte. Woher hat der Mensch seine Freiheit, die ja in sich alles andere als beliebig ist, sondern den Menschen unter einen unbedingten Anspruch stellt? Er muß diese Freiheit von einer anderen Freiheit haben. Diese Macht, woher die Freiheit mit ihrem unbedingten Anspruch kommt, muß die Freiheit des Menschen wollen. Dieses Wollen der menschlichen Freiheit zeigt sich deutlich in dem der Freiheit mitgegebenen Anspruch, nämlich seine Freiheit auch auszuüben. Eigentlich könnten wir weiter folgern, daß die Freiheit von dem herkommt, der den Menschen als geistiges Wesen geschaffen hat. Aber der Schöpfer wird als Rivale der menschlichen Freiheit verdächtigt.

Gott, Feind oder Freund der menschlichen Freiheit?
Wenn Kinder, die im Glauben an Gott aufgewachsen sind, in die Pubertät kommen, verändert sich auch ihre Beziehung zu Gott grundlegend. War Gott bisher der große Schutzherr, der die Bösen bestraft und die Guten belohnt, tritt er in der Pubertät als Garant der sittlichen Gebote auf. Stammen die Zehn Gebote nicht von Gott und pocht er nicht unerbittlich auf deren Einhaltung. Zudem stand Gott bisher hinter den Autoritäten, ob Eltern, Kindergarten, Schule oder Polizei. Für das Kind ist es unproblematisch, daß diese Autoritäten im Auftrag Gottes handeln. Wer aber seine Freiheit entdeckt, stößt ständig an Grenzen und sei es nur im Kampf mit den Eltern, um 22 Uhr abends zu Hause zu sein. Für den französischen Philosophen Jean Paul Sartre und viele andere bilden Freiheit und Gott einen unversöhnlichen Gegensatz. Wer sich für die eigene Freiheit entscheidet, der muß sich von Gott abwenden. Sartre geht sogar davon aus, daß der Mensch die Freiheit von Gott hat, aber er muß sich von Gott abwenden, wenn er die eigene Freiheit leben will.
Nun sind die menschlichen Gebote, gegen die man in der Pubertät rebelliert, nicht das Thema der Freiheit, auch wenn es unsere Freiheit ist, die uns die Übertretung der Gebote ermöglicht. Das Thema unserer Freiheit liegt hinter den Geboten, denn diese weisen mich nicht an, welchen Beruf ich wählen, für welchen Partner, Partnerin ich mich entscheiden soll. Der Kurs meines Lebensschiffes muß nur deshalb die Gebote im Auge behalten, weil sie meine Freiheit schützen. Denn die Gebote, „du sollst nicht töten“, „du sollst nicht falsches Zeugnis geben“ schlagen auf meine Freiheit zurück. Wenn z.B. andere es für unproblematisch halten, mich zu bestehlen oder meine Partnerin zu verführen, bin ich faktisch unfrei. Deshalb ist die Frage berechtigt: Warum sollte die Macht, die uns unsere Freiheit geschenkt und die Einlösung der Freiheit fordert, uns unsere Freiheit neiden? Einige Textauszüge aus einem Theaterstück Sartres zeigen, daß man einen Gott zeichnen muß, dessen Bild überrascht.

Zitate
Sartre hat in seinem Drama die Fliegen die Frage nach der Freiheit behandelt. Er verlegt das Drama in die griechische Antike. Der Sohn Orest kommt in die Stadt seiner Eltern. Die Mutter, Klytämnestra hat, da sie sich einem anderen Mann, Ägist, zugewandt hatte, den Vater Orests, ihren Mann Agamemnon ermordet. Jean Paul Sartre, „Die Fliegen“; Schmutzige Hände“, Zwei Dramen, Hamburg 1991:
„ Wenn einmal die Freiheit in einer Menschenseele aufgebrochen ist, können die Götter nichts mehr gegen diese Menschen. Denn das ist eine Menschenangelegenheit, und es ist Sache der anderen Menschen – und nur ihre –, ihn laufen zu lassen oder ihn zu erwürgen.“ Szene 5 im 2. Akt.

„Wenn einmal die Freiheit in einer Menschenseele aufgebrochen ist, können die Götter nichts mehr gegen diesen Menschen. Denn das ist eine Menschenangelegenheit, und es ist Sache der anderen Menschen – und nur ihre –, ihn laufen zu lassen oder ihn zu erwürgen.“ Szene 5 im 2. Akt.

„Ich bin weder Herr noch Knecht, Jupiter, ich bin meine Freiheit! Kaum hast du mich erschaffen, so habe ich auch schon aufgehört, dein eigen zu sein; ........... plötzlich ist die Freiheit auf mich herabgestürzt, und ich erstarrte, die Natur tat einen Sprung zurück, und ich hatte kein Alter mehr, und ich habe mich ganz alleine gefühlt, inmitten deiner kleinen, harmlosen Welt, wie einer, der seinen Schatten verloren hat, und es war nichts mehr am Himmel, weder Gut noch Böse, noch irgendeiner, um mir Befehle zu geben.“
2. Szene im 3. Akt

Reflexion zur Alternative „menschliche Freiheit oder Gott“
Sartre zeichnet einen Gott, der den Menschen mit einer Freiheit so ausgestattet hat, daß diese Freiheit mit Notwendigkeit dazu führt, daß der Mensch sich von seinem Schöpfer verabschiedet. Dann wäre dieser Gott aber nicht mehr in sich das höchste Gut, wenn die Freiheit den Menschen dazu zwingt, sich von diesem Gott loszusagen. Denn das Lossagen müßte durch ein Gut motiviert sein, das höher ist als Gott. Das wäre dann ein anderer Gott oder ein anderes höchstes Gut müßte existieren, auf das sich der Mensch ausrichtet. Oder, das wäre auch eine weitere Konsequenz, die Freiheit wäre selbst das höchste Gut. Wenn aber die Freiheit des Menschen das höchste Gut wäre, dann müßte Gott, insofern er das Gute will, sich der Freiheit des Menschen unterwerfen. Diese Konsequenz hat Nietzsche mit seiner „Gott ist tot“ -These durchdacht. Er hat eine menschliche Freiheit erdacht, die nicht mehr dem höchsten Guten verpflichtet ist, sondern ihrem „Willen zur Macht“. Es ist aber so, daß die Freiheit nur in sich frei bleibt, wenn sie sich auf das höchste Gute ausrichtet.

Zitate
„ Der Mensch verliert seine Freiheit, wenn es kein ihn überschreitendes Unbedingtes gibt. Abhängig ist er in jedem Fall, und das Unbedingte schlechthin ist er auch nicht. Wenn es ein solches überhaupt nicht gibt, dann regieren und herrschen nur relative Größen, Abhängigkeiten und Verflechtungen dieser Welt. Das Unbedingte allein kann dem Menschen eine gewisse, aber entscheidende Überlegenheit und damit Freiheit garantieren. Nur das in sich vollkommen Unbeschränkte kann eine relative, endliche Unbeschränktheit gewähren und begründen. Mit dem Bezug zu diesem Unbedingten, oder anders gesagt: mit der Präsenz dieses Unbedingten im eigenen Inneren, steht und fällt die Freiheit des Menschen.“
Josef Schmidt, Philosophische Theologie, Stuttgart 2003, S. 165

Eckhard Bieger

© www.kath.de