 |
Folgt
der Glaube auf das Wissen oder ruht das Wissen auf dem Glauben?
Wissen scheint das Sichere
zu sein, Glauben gilt als Annahme und daher nicht als so sicher.
Die Religionen verlangen aber nicht
nur ein Wissen, sondern einen sicheren Glauben, der sich nicht
nur auf das Erfahrbare in dieser Welt bezieht, sondern die eigene
Existenz über den Tod hinaus als sicher annimmt. Glaube scheint überhaupt
dem, was über das Gelingen des Lebens entscheidet, näher
zu sein. So wird eine Partnerschaft oder Freundschaft nur glücken,
wenn sich die Freunde und Partner vertrauen. Vertrauen fordert
aber mehr als nur Wissen. Umstritten ist auch, ob die Existenz
Gottes geglaubt werden muß oder gewußt werden kann.
Wie kann man in der Frage einen Schritt weiter kommen? Kommt zuerst
das Wissen und sozusagen als Zugabe der Glaube? Oder liegt allem
ein Vertrauen zugrunde, au dem das Wissen erst aufbauen kann. Gehen
wir vom Wissen aus. Was leistet es?
Erkenntnis ist nie direkt, weder in den Naturwissenschaften noch
im Alltag
Wissen hat Großes geleistet, vor allem die Naturwissenschaften.
Viele Krankheiten können geheilt werden und ohne Wissenschaft
wäre der Mensch nicht zum Mond gekommen. Wir können uns
auf die Wissenschaft verlassen, auch wenn sie uns die Atombombe
und das Sportdoping gebracht hat. Wie kommen wir aber zu sicherem
Wissen? Wissenschaftliche Erkenntnisse kommen nicht einfachhin
zustande. Theorien, wie z.B. die Quanten- und Relativitätstheorie
müssen entwickelt werden, um auf Grund der Theorien entsprechende
Experimente anstellen zu können. Es muß viel gerechnet
und experimentiert werden. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse
liegen nicht einfach auf der Hand. Das können wir aus unserem
alltäglichen Umgang mit Wissen bereits verständlich machen.
Wir wissen, wo der Türgriff ist, mit welchem Schalter wir
das Licht im Wohnzimmer anmachen, wo etwas im Kleiderschrank hängt.
Das scheint uns unmittelbar erkennbar zu sein. Jedoch können
wir uns vertun, wenn wir das Licht im Bad anzünden wollen
oder meinen, der Autoschlüssel liege da, aber wir finden ihn
nicht, denn er liegt woanders. So wie bei den großen physikalischen
Theorien ist auch unser alltägliches Wissen ist zusammengesetzt.
Meist „wissen“ wir nur durch Vergleich mit unserer
Erinnerung. Den welcher Schalter für das Licht im Flur ist
und welcher für die Toilette, das wissen wir nur, indem wir
das, was wir gerade sehen, mit unserer Erinnerung abgleichen. Wir
können uns das auch an unseren Träumen klar machen. Manchmal
habe ich etwas über einen anderen Mensch geträumt. Wenn
ich ihn nach einiger Zeit treffe, muß ich mich erst versichern:
Habe ich geträumt, daß der andere am Meer oder in Italien
war? Kann ich ihn dazu fragen oder war es nur ein Traum? Das kommt
sicher ganz selten vor, zeigt uns aber, daß wir uns vergewissern
müssen, ob wir etwas geträumt oder ob wir es wirklich
erlebt haben. Wenn wir etwas Schreckliches geträumt haben,
sind wir emotional davon manchmal so besetzt, daß wir selbst
sagen müssen: „Das war doch bloß geträumt.“ Wissen
funktioniert also nicht direkt, sondern immer aus dem Zusammenhang
heraus. Wir ordnen Neues in bisherige Erfahrungen ein und schließen
daraus, daß es so ein muß. Das funktioniert im Alltag
wie von selbst, so daß wir uns dessen nicht bewußt
sind. In der Wissenschaft braucht es dazu ausgefeilte Methoden.
Dort hat man deshalb das Prinzip aufgestellt, daß jede Beobachtung,
soll sie in der wissenschaftlichen Welt Gültigkeit haben,
von anderen Wissenschaftlern nachgerechnet und durch Experimente
wiederholt werden können muß. Ob in der Wissenschaft
oder im Alltag: wir erkennen nicht direkt, sondern immer in mehreren
Stufen und indem wir die neuen Eindrücke mit anderen Erkenntnissen
verknüpfen. Denn unser Erkennen geht von Sinneseindrücken
aus. Diese müssen interpretiert werden. Das wird im zwischenmenschlichen
Bereich noch wichtiger.
Keine direkte Erkenntnis des anderen Menschen
Wir sind in unserem Leben zu einem großen Teil von anderen
Menschen abhängig. Wir wollen wissen, wer der andere ist.
Um andere auf den ersten Blick einzuschätzen, nutzen wir unbewußt
viele Vorurteile. Hat jemand schwarze Hautfarbe, sind wir meist
vorsichtiger als wenn wir einem Menschen mit blonden Haaren begegnen.
Erkennen wir an der Farbe der Augenbrauen, daß die Haare
nur blond gefärbt sind, werden wir evtl. mißtrauisch,
ob der Gegenüber vielleicht unehrlich ist. Die Beispiele ließen
sich beliebig vermehren. Sie zeigen, daß wir vom anderen
Menschen, wer er wirklich ist, keine direkte Erkenntnis haben.
Wir müssen ihn näher kennenlernen. Erst wenn er von sich
erzählt, kommen wir ihm näher. Er wird aber nur erzählen,
wenn er uns vertraut, daß wir das, was er uns von sich erzählt
hat, nicht einfach weiter verbreiten. Wenn der andere sich traut,
von einem Mißerfolg zu berichten, muß er uns vertrauen
können, daß wir das nicht seinen Kollegen oder Nachbarn
weiter erzählen.
Alternative des Skeptizismus
Die Philosophen beschäftigen sich in der Erkenntnistheorie
mit den Möglichkeiten und Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit.
Nicht wenige sind dabei zu Skeptikern geworden. Zwar genügen
unsere Erkenntniskräfte, um das Licht im Bad anzuschalten
und beim Bäcker Brötchen einzukaufen. Über die grundlegenden
Fragen der menschlichen Existenz ist jedoch mit den Mitteln unseres
Erkenntnisvermögens kaum etwas Sicheres auszumachen. Worin
besteht der Sinn des Lebens? Soll ich wirklich die sittlichen Gebote
befolgen oder ist es nicht besser für mich, den eigenen Vorteil
an die erste Stelle zu setzen? Was geschieht mit mir, wenn ich
sterbe? Verlangt dann etwa Gott Rechenschaft von meinem Leben?
Muß ich, wenn ich mich mit diesen Fragen beschäftige,
in die Welt des Glaubens springen und die Sicherheit der wissenschaftlichen
Erkenntnisse verlassen? Im Folgenden wird gezeigt, daß der
Glaube nicht erst bei den Lebensthemen anfängt, sondern jede
Wissenschaft beruht auf bestimmten Annahmen, hat einen Glauben
als Fundament. Nicht erst, wenn wir unser Inneres einem anderen
Menschen eröffnen, „glauben“ wir, indem wir ihm
vertrauen. Wir vertrauen bereits der Wirklichkeit, wenn wir Physik
treiben.
Jedes Wissen
ruht auf Annahmen über die Wirklichkeit
Die Naturwissenschaften, wie sie sich seit Galilei entwickelt haben,
gehen von der Prämisse aus, daß den Naturvorgängen
gleichbleibende Gesetze unterliegen, die mit mathematischen Formeln
beschrieben werden können. Bisher mußte die Wissenschaft
diese, ihre Voraussetzungen, nicht in Zweifel ziehen. Es läßt
sich allerdings wissenschaftlich nicht „beweisen“,
daß morgen die Sonne aufgeht. Aber wir können davon
ausgehen. Daß die Physik Annahmen machen muß, die
sie nicht beweisen kann, zeigt folgende Überlegung: Wenn
wir das Licht von einer Milchstraße registrieren, die 10
Milliarden Lichtjahre entfernt liegt, nehmen wir an, daß die
physikalischen Gesetze auch dort heute noch so gelten wie vor
10 Milliarden Lichtjahre, als die Milchstraße das Licht
losschickte. Es gibt keine begründeten Zweifel gegen diese
Annahme, aber beweisen kann das niemand, ob die physikalischen
Gesetze heute genau so gelten. Denn wir wissen nur etwas, was
vor 10 Milliarden dort ablief. Über das Geschehen, das sich
heute in der Lichtstraße abspielt, können wir nichts
sagen. Die Naturgesetze könnten morgen aufhören zu
gelten. Das ist sicher unwahrscheinlich, aber möglich. Nicht
nur die Naturwissenschaftler gehen von der Annahme aus, daß die
Gesetze der Gravitation morgen genauso gelten wie heute, die
Erde sich weiter um ihre Achse dreht und die Sonne die Erde durch
die Gravitation in der Umlaufbahn hält.
Daß die strikt empirisch arbeitenden Naturwissenschaften
Vieles leisten, jedoch schon für das menschliche Zusammenleben
keine ausreichende Basis liefern, zeigen folgende Beispiele. In
unserem Erfahrungsbereich gibt es Vieles, das nicht mathematisch
berechenbar ist. Die menschliche Seele läßt sich nicht
mathematisieren. Was man messen kann, ist das Gewicht des Toten
im Vergleich zum lebenden Körper. Es sind etwa 21 g, die der
Tote leichter ist. Was wird aber damit gemessen? Wir können
mit den naturwissenschaftlichen Methoden auch nicht nachprüfen,
ob eine böse Tat in unserem Körper etwas verändert.
Aber unsere Taten haben offensichtlich nicht nur nachprüfbare
Wirkungen nach außen, sondern wirken auf uns selbst zurück.
Verändern sie unseren Körper meßbar oder nur unsere
Seele?
Die wenigen Überlegungen zeigen, daß wir immer von Annahmen
ausgehen, ehe wir etwas wissen. Nur im Horizont der Annahme, daß die
physikalischen Gesetze im ganzen Weltall gelten, machen wir einzelne
Beobachtungen, führen Experimente durch, konstruieren Raumsonden,
die wir ins Weltall losschicken. Daß wir davon ausgehen,
in einer Welt zu existieren, in der alles aufeinander abgestimmt
ist, setzt die Annahme voraus, daß diese Welt eine Einheit
ist, in der an jedem Ort die gleichen Naturgesetze gelten. Die
Naturwissenschaften beweisen uns diese Annahme nicht, sie funktionieren
in dieser Welt, ohne die Welt jemals als Ganze erklären zu
können. Die Annahmen sind bereits ein Glaube, der unser Fragen
weiterleitet, nämlich wo die Welt herkommt, was der Ursprung
des geistigen Lebens ist, welchen Sinn das Ganze haben soll. Diese
Grundannahme, daß die Welt etwas Sinnvolles ist, bestätigt
sich bereits in den Naturgesetzen. Sie weckt die Frage nach einem
Urheber und führt damit zu den Versuchen, Gott mit den menschlichen
Verstandeskräften zu erkennen. Die Gottesbeweise sind die
Denkwege, die nach dem Ursprung und der letzten Sinngebung fragen.
Es ist deutlich: wir gehen zuerst von Annahmen aus, d.h. wir „glauben“ zuerst
etwas und kommen durch Zusammenfügen von Beobachtungen und Überlegen
zu Wissen. In den Naturwissenschaften geschieht das Überlegen
in der Form der Mathematik. Auch das Wissen über Gott baut
sich in unserem Leben langsam auf.
Eckhard Bieger ©
www.kath.de
|
 |