Lexikontitel

Gedanken zum Osterfest


Inhaltsverzeichnis

Zur Fastenzeit:

Fastenzeit und Ostern


Wüste und verheißenes Land

Vom Alten Testament einen neuen Blick auf die Fastenzeit werfen

Die Osterfestzeit baut sich in konzentrischen Kreisen auf. Es geht jetzt um den größten und umfangenden Kreis, der am Aschermittwoch beginnt und an Pfingsten endet. Auch er ist, wie die Tage direkt um Ostern herum, noch locker von der Ebene des Lebens Jesu mitbestimmt. An den ersten Fastensonntagen werden Schlüsselevangelien aus dem öffentlichen Leben Jesu gelesen, nach Ostern steuert die Zeit auf das Fest der Himmelfahrt Jesu zu, und schließlich auf das Pfingstfest, den Tag der Sendung des Geistes. Aber in diesem umfassenden Kreis treten im ganzen eher andere Dinge in den Vordergrund.

Neuentstehen der Kirche
Da ist einmal in der Zeit vor Ostern das Thema „Taufvorbereitung“ für die neu zur Kirche Kommenden und das Thema „Bußzeit“ für die schon Getauften. In der Zeit zwischen Ostern und Pfingsten gibt es die erstaunliche Tatsache, daß das österliche Fest gegen alles, was sonst gerade an Vorübergehendem und nicht mehr Wiederholbarem zu einem Fest gehört, sich wie ein Vorgeschmack des ewigen Lebens im Reiche Gottes sieben mal sieben Tage lang durchhält.
In diesem äußeren Kreis der Osterzeit richtet sich der Blick nicht mehr nur auf Jesus allein, oder auf mich, den Einzelnen, und meine Beziehung zu Jesus (was natürlich auch in den inneren Kreisen niemals wirklich der Fall war), sondern es geht um die Kirche – eine neue Gesellschaft, der wir durch Jesu Tod und Auferstehung angehören. Sie erwächst wieder neu in den 40 vorangehenden Tagen des Hinzutretens der Katechumenen und der Heimkehr der Büßer, sie zeigt sich in ihrer Schönheit in den 50 Tagen bis zum Pfingstfest, in denen immer wieder durch die Apostelgeschichte die frühe Kirche vor Augen steht.
Das andere, was in dem umfassenden Kreis der Osterfestzeit in den Vordergrund tritt, ist die typologische Sinndimension, die das österliche Festgeheimnis vom Alten Testament her bekommt. Auch diese Dimension steht kaum im Bewußtsein des heutigen Christen. Den Kirchenvätern und der alten Kirche war sie umso wichtiger.

Die beiden Osterfeste Israels
Sobald das Osterfest erreicht ist, zeigt sich in der Liturgie ein seltsamer Umsprung in der Perspektive. Wir können uns dem Phänomen durch folgende Frage nähern: Welches Osterfest, das die Bibel schildert, entspricht eigentlich unserem Osterfest, das wir jährlich feiern – das Ostern des Auszugs aus Ägypten (vgl. Exodus 12–15), oder das Ostern 40 Jahre später, nach der Zeit in der Wüste und nach der Überquerung des Jordan, beim Beginn des Einzugs in das verheißene Land (vgl. Josua 3–5)?
Zwischen diesen beiden Osterfeiern Israels, die uns die Bibel erzählt, liegen die 40 Jahre in der Wüste. Das ist keine unschuldige und gewissermaßen naturnotwendig eingetretene Zeit. Israel sollte vielmehr nach dem Auszug aus Ägypten sofort vom Sinai aus in das den Vätern verheißene Land einziehen. Dann hätte es nur ein Ostern des Auszugs aus Ägypten gegeben, und nach ihm den Einzug ins Glück. Doch die Sünde schob sich dazwischen. Israel weigerte sich an der Grenze des verheißenen Landes, dort einzuziehen. Es verlor den Glauben und wollte nach Ägypten zurück. Nach Ägypten schickte Gott es nicht zurück, wohl aber in die Wüste. Es blieb in der Wüste 40 Jahre lang, bis die ganze Generation der Sünder ausgestorben war. Erst eine neue Generation konnte dann in das Land einziehen. Ihr Einzug begann wieder mit einer Wasserdurchquerung, dem Zug durch den Jordan, dessen Wasser sich stauten. Dann folgte eine Osterfeier am anderen Ufer.

Der zweifache Sinn des christlichen Osterfestes
Nun wollen die 40 Tage unserer österlichen Bußzeit zweifellos den 40 Jahren Israels in der Wüste entsprechen. Unsere Liturgie macht das dadurch deutlich, daß sie am ersten Fastensonntag das Evangelium von den 40 Tagen Jesu in der Wüste und von seiner Versuchung durch Satan lesen läßt. Das heißt aber: Das Ostern, auf das wir in den 40 Tagen der österlichen Bußzeit zugehen, ist das Ostern am Jordan, nicht eigentlich das der Nacht des Auszugs aus Ägypten. Doch in unserer Osternacht kommt dann die Überraschung. Da feiern wir nicht das Ostern am Jordan, sondern das des Auszugs. Alles in den Texten der Nacht ist auf den Auszug aus Ägypten abgestimmt.
Das ist nun genau angemessen für die Täuflinge. Sie verlassen in der Osternacht das Ägypten ihrer alten Existenz, durchqueren in der Taufe das Wasser und ziehen ein in das neue Land. Die Gemeinde der Gläubigen muß diesen Auszug eigentlich nicht mehr machen. Sie begleitet nur die neu Hinzukommenden. Sie selbst hat ihr Ostern schon hinter sich. Allerdings: Sie ist dem schon geschehenen Auszug aus der alten Welt nicht gerecht geworden. Die Sünde ist auch hier dazwischen gekommen. So ist den schon vor Zeiten Getauften ebenso wie damals dem Israel des Anfangs die Zeit der Wüste gewährt, die 40 Tage der Buße und Umkehr. Sie können wie Israels Wüstengeneration am Ende mit einem neuen Ostern rechnen, dem am Jordan. Die Osternacht wird auch für die, die ihren Auszug schon lange hinter sich haben, wieder ein echtes Osterfest vor dem Einzug ins Land. Ostern am Schilfmeer und Ostern am Jordan wachsen zusammen. Vom Ostertag an ist es ein einziges Ostern für alle und eröffnet allen wie neu das Leben im Land der Verheißung. Es kann dann in der Zeit bis Pfingsten dargestellt werden in den Lesungen aus der Apostelgeschichte.

Wurzeln im Alten Testament
Diese Dialektik zwischen dem Ostern des Auszugs und dem Ostern am Jordan ist nicht erst von unserer Liturgie konstruiert. Sie steckt schon in den alttestamentlichen Schriften selbst. Die Mehrzahl der berichteten Osterbegehungen, die ganze Schilderung der Wüstenzeit Israels – all das ist nichts als die Aufarbeitung der Tatsache, daß Israel in ein Land geführt werden sollte und daß es des Landes nicht würdig war. Die 40 Jahre der Wüste sind Israels einzige Hoffnung. Deshalb sind die 5 Bücher Moses, vor allem aber die Bücher von Exodus bis Numeri, auf andere Weise dann noch das Buch Deuteronomium, auch bei uns die für diese Zeit des Kirchenjahres angemessenste Lesung aus der Bibel.
Das Judentum weiß sich seit dem babylonischen Exil, das ja den Verlust des schon besessenen Landes bedeutete, immer noch vor dem Ufer des Jordans und liest das Jahr hindurch als Hauptlesung in der Synagoge überhaupt nur die 5 Bücher Moses, niemals das Buch Josua mit der Erzählung vom Einzug. Es wartet immer noch darauf, daß ihm das zweite Ostern gewährt wird.
Die Kirche ist überzeugt, daß Jesus sie ins Land der Verheißung geführt hat. Doch zugleich ist sie bis zur Wiederkunft des Herrn in jener eigentümlichen Zwischenzeit, in der auch sie noch in der Wüste wandert und immer wieder auf ein neues Ostern zugehen muß, weil das erste immer wieder verspielt wird. Ein neues Ostern jedoch, das die ganze Kraft des alten in sich besitzt. Uralte Liturgien, die noch in unsere Zeit hineinragen oder die wir noch aus alten Handschriften kennen, lesen deshalb in der Fastenzeit aus den Büchern Moses, so etwa die ambrosianische Liturgie, die noch in Mailand gefeiert wird, und die alte Liturgie von Jerusalem, die wir noch aus einer armenischen Handschrift kennen. In unserer heutigen römischen Liturgie leuchtet es nur noch hin und wieder auf, daß wir in den 40 Tagen der österlichen Bußzeit die Existenz Israels in den 40 Jahren der Wüste liturgisch wiederholen.
Eines ist aber gegenüber dem jüdischen Selbstverständnis wichtig: In der Zeit von Ostern bis Pfingsten lesen wir, obwohl wir glauben, daß wir mit Jesus den Jordan überschritten haben, nicht das Buch Josua. Auch die Juden lesen es, wie gesagt, nicht. Doch sie tun es nicht, weil sie sich noch vor dem neuen Einzug ins Land fühlen. Wir glauben, daß der Einzug begonnen hat. Aber nicht als der Einzug des Buches Josua, dessen Landnahme keine Dauer hatte, sondern als der Einzug in jenes Land, das sich in der Kirche verwirklicht. Deshalb lesen wir zwischen Ostern und Pfingsten die Apostelgeschichte, deren Geschichten für unser Heute gelten.

Texte: Georg Braulik, Norbert Lohfink

Weitere Informationen:
Georg Braulik, Norbert Lohfink, Osternacht und Altes Testament, Peter Lang, Frankfurt/M


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