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Gedanken zum Osterfest


Inhaltsverzeichnis

Zur Fastenzeit:

Fastenzeit und Ostern


Ostern - auch ein Neujahrsfest

 

Wir brauchen das Fest, damit wir die Zeit, sie unterbrechend, nachher wieder bestehen können. Wir brauchen vor allem das Fest der Feste, das hohe Fest der Ostern. Es ist das Fest aller Feste. Nicht nur, weil es ein Fest ist, versetzt es uns ins Offene der Schöpfung hinein. Es ist, obwohl wir das nur noch gerade am Rande unsres Bewußtseins ahnen, auch unser eigentliches Schöpfungsfest. Weil uns das so wenig bewußt ist, zunächst etwas dazu. ......

Die Neujahrsfeste der Religionen
Abgesehen davon, daß jedes Fest, wie gesagt, ein Hineinsinken in den Schöpfungsmoment ist, gehört bei fast allen Völkern und Religionen die Schöpfungsthematik vor allem zum Neujahrsfest. In der Neujahrsnacht vergeht das Alte, und der große Kreislauf der Welt beginnt von neuem. Wie alle Religionsgeschichtler wissen, ist es fast gleichgültig, zu welchem Datum das Neujahrsfest gefeiert wird. Es gibt besonders geeignete Stellen im natürlichen Jahreslauf. Aber an welcher von ihnen dann das Neujahrsfest seinen Platz bekommt, das sind terminliche Konventionen. Jede Kultur hat die ihren. Es kommt auch oft vor, daß im gleichen Kulturraum nebeneinander verschiedene Neujahrsfeste gefeiert werden. Auch die gleichen Menschen feiern oft mehrmals im Jahr Neujahr, wenn sie gleichzeitig verschiedenen Gruppen zugehören. Auf das Datum kommt es nicht an. Nur muß einmal im Jahr – für die Festerfahrung ist es dann stets ein einziges Mal – der Sprung getan, das Alte beendet, die Schwelle ins Neue überschritten werden. Es muß diesen Augenblick höchster Gefährdung, aber auch zitterndster Hoffnung geben: Durchgang, Übergang, neuer Anfang.

Bei uns im christlichen Kulturraum erscheint nur eines als seltsam: In vielen anderen Religionen ist das Neujahrsfest das Hauptfest, das eigentliche Fest des Jahres. Wir begehen die Sylvesternacht. Sie ist sicher anders als die anderen Nächte – doch ein christliches Fest ist sie nicht. Unser Neujahr ist nur ein bürgerliches Datum. Vom 1. Januar an tragen wir unsere Notizen in einen neuen Taschenkalender ein und schreiben im Datum eine neue Jahreszahl. Bis zur Einführung der elektronischen Datenverarbeitung machten die Firmen „zwischen den Jahren“ ihre Inventur. Und das war es. Oder doch nicht ganz. Sagen wir deshalb besser: Unser Neujahr ist ein heidnisches Fest. Die Nacht wird durchwacht, so wie es zu jedem großen Fest gehört. Der Sekt verwirrt das Zeitgefühl. Die Nacht wird zum Tag durch Feuerwerk und Böller. Der numinose Schauer berührt uns. Wir spüren an Sylvester, wenn wir das Fenster öffnen, wie die Geheimnisse von Zeit und Ewigkeit kühl an uns vorüberstreichen. Doch ins christliche Mysterium werden wir durch diese Mitternacht nicht getaucht. Was ist da los? Will der christliche Glaube kein Neujahrsfest, kein Fest der Schöpfung?

Ist vielleicht das Weihnachtsfest das christliche Neujahr? Es will in den Tagen der winterlichen Sonnenwende ja offenbar den aus römischer Zeit zäh weiterlebenden Neujahrstag verdrängen. Aber will es Sylvester verdrängen, indem es ein alternatives Neujahrsfest ist? Wir glauben, nein. Es hat ganz neue Inhalte.

Die christliche Neujahrstradition
Es ist auch in christlichen Zeiten und Ländern keineswegs immer so gewesen, daß das neue Jahr vom 1. Januar an gerechnet wurde. Im Mittelalter berechnete man das neue Jahr weithin vom 25. März an. Das war nicht nur deshalb so, weil dies der Tag der Empfängnis des Messias ist. Es hing auch damit zusammen, daß um diese Zeit die Natur wieder hervorkommt. Und die Wurzeln dieses Termins sind uralt.

Das jüdische Neujahrsfest liegt heute im Herbst, nach der letzten Ernte von Obst und Wein, vor den ersten Winterregen, die die Samen in den Feldern keimen lassen. Warum haben die Christen den um das Laubhüttenfest gewundenen jüdischen Neujahrsfestkranz nicht weitergeführt? Warum konnten später die geheimen, ihrer selbst kaum bewußten Versuche, hier im Herbst das Neujahr wieder einzuführen, etwa der Thanksgiving Day der amerikanischen Pilgrim Fathers oder unser Erntedankfest, sich doch nicht zu echten Neujahrsfesten entwickeln?
Die Antwort ist tief, und vielleicht überraschend: Weil wir durchaus ein christliches Neujahrsfest, ein Fest der Schöpfung, haben. Und irgendwo wissen wir das auch noch. Es ist das Osterfest.

Ostern als Neubeginn und Fest der Neuen Schöpfung
Das Christentum war ein Neuheitserlebnis. Es hat zunächst einmal alle Feste, die es gab, in seinem einzigen, neuen Fest aufgesaugt, dem Fest des Sterbens und der Auferweckung des Messias. Um es an den jüdischen Festen zu zeigen: Das alte Wochenfest wurde als Pfingstfest zum großen Schlußpunkt der 50 Tage dauernden österlichen Festzeit. Das alte Herbstfest verschwand spurlos. Sein Charakter als Neujahrsfest ging an das eine christliche Fest über, das Osterfest.

Die Frühlingszeit, in der das Osterfest gefeiert wird, ist durchaus ein möglicher Neujahrstermin. Wenn die Natur mit Gewalt hervorbricht, wenn die Tiere der Herden ihr Jungen werfen und das Kleinvieh seine Eier legt, dann ist das eine Zeit, in der das Geheimnis der Schöpfung die Menschen anrührt und wir begehen können, daß das Alte vorüber ist und Neues hervortritt – in der wir also Neujahr feiern können. Nicht umsonst kommt der Osterhase und läßt die Kinder seine Eier finden.

Ja noch mehr. Das alte Israel hatte zwei Kalender nebeneinander (die Mischna kennt sogar vier Jahresanfänge – aber das ist sekundäre Systematisierung). Es gab das Herbstjahr, an dem das Neujahrsfest schließlich hängenblieb. Aber es gab auch das Frühlingsjahr, und alle biblischen Festverzeichnisse beginnen mit dem Frühlingsfest. Der Anfang des Frühlingsjahrs war offenbar das geheime Neujahrsfest der Priester und Eingeweihten. Denn nach der Bibel liegt das Osterfest im „ersten Monat“. Nach Exodus 12,2 sagte der Herr zu Mose und Aaron in Ägypten, bevor die letzte der großen Plagen über das Land kam: „Dieser Monat soll die Reihe eurer Monate eröffnen. Er soll euch als der erste unter den Monaten des Jahres gelten.“ Und dann ordnete er an, daß am 14. Tag dieses Monats das Osterlamm geschlachtet werden sollte. Die Nacht des Lammessens war dann auch die Nacht des Auszugs aus Ägypten.

Nicht genau am ersten Tag des ersten Monats lag also das Osterfest, sondern erst zwei Wochen später. Dennoch war es mit dem Jahresanfang verbunden, es war das Neujahrsfest. Die wohl gewollte Verschiebung zeigte jedoch, daß dieses neue Fest nicht nur das Fest der Schöpfung war, sondern zugleich das einer historischen, in der menschlichen Geschichte geschehenen Neuschöpfung, das Fest der Befreiung des versklavten Gottesvolkes, des Beginns einer neuen Gesellschaft.

Daß der Auszug aus Ägypten aber wirklich als Schöpfungsgeschehen zu sehen war, zeigt die Erzählung vom Durchzug durch das Rote Meer. Hier teilt Gott die tödlichen Wasser und läßt das jetzt in die Freiheit gelangende Volk hindurchziehen aufs trockene Land, während die Mächte der tödlichen Gewalt verschlungen werden vom nassen Chaos. Das nimmt ein uraltes Schöpfungsbild auf. Der Schöpfergott kämpft mit dem Meer, der Chaosschlange, zerteilt sie und führt das feste Land herauf. Die Auszugserzählungen machen den Auszug aus Ägypten zu einem neuen, nun in der Geschichte selbst geschehenden Schöpfungsakt. Das Osterfest ist seit den Anfängen Israels das neue Fest der Schöpfung und zugleich das Fest von Israels Neuschöpfung.

Hier zeichnet sich dann bruchlos der christliche Festinhalt der Ostern ein. Denn die Auferweckung des getöteten Messias ist neue Schöpfung. Das Neue Testament ist voll von dieser Aussage. Alle, die an den erhöhten Christus glauben, werden hineingenommen in die neue Welt der Endzeit. Und sie beginnt schon in dieser Welt, in Christi mystischem Leib, der Kirche. Man tritt in diese neue Schöpfung ein durch die Taufe. Da stirbt man mit Christus und steht in ihm auf, in eine neue Wirklichkeit hinein. Deshalb ist die Osternacht nicht nur die Nacht, wo Christus aus den Toten erstand, sondern zugleich der eigentliche Tauftermin, die Nacht, wo aus der Kraft seiner Auferstehung immer von neuem Volk Gottes entsteht. In ihm kommt die Schöpfung erst in ihr wahres Sein.

Weil sich so im Osterfest alles, was Fest sein kann, verbindet und umschlingt, ist Ostern das Fest der Feste. Und die Osternacht ist die große Nacht aller Nächte. Sie steht am Anfang des Jahres, und zugleich ist sie der Zenit des Jahres. Es kann kein größeres Fest für uns geben als diese heilige Nacht.

Texte: Georg Braulik, Norbert Lohfink


Weitere Informationen:
Georg Braulik, Norbert Lohfink, Osternacht und Altes Testament, Peter Lang, Frankfurt/M


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