Lexikon Kirche&Internet

In diesem Lexikon wird aufgezeigt, welche Kommunikationsmuster Medien hervorbringen. Das Augenmerk gilt besonders den Veränderungen, die das Internet den klassischen Medien aufzwingt. Für Anregungen und Themenwünsche sind wir dankbar. Mailen Sie an e.bieger(x)gmx.de

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Second Life & Kirche

 

Second Life aus dem Lexikon Kirche und Internet Warum ist es wichtig?

Second Life (SL) und andere 3D Welten geben eine Antwort auf die Frage: Wie interaktiv kann Kommunikation im Internet sein? Psychologen sprechen von dem Effekt der Immersion, der bei solchen 3D Welten (und Spielen) auftritt:

Immersion meint das Eintauchen in bzw. Verschmelzen des Nutzers mit den 3D Welten. Der Monitor ist somit nicht mehr das (trennende) Interface in der Kommunikation zwischen den Nutzern (oder zwischen dem Nutzer und einem Programm), sondern der Nutzer verschmilzt mit dem Avatar und agiert dadurch in einer dreidimensionalen Welt. Diese Verschmelzung des Nutzers mit seinem Avatar (eine 3D Figur) lässt sich an ganz banalen Beobachtungen festmachen: Etwa dann, wenn der Nutzer schreit, weil der Avatar sich den Kopf gestoßen hat. Dementsprechend liegt der große Nutzen von Second Life in der zusätzlichen Erfahrbarkeit der Inhalte und in der Präsenz im virtuellen Raum. Zusätzlich sind in SL alle Möglichkeiten der Kommunikation von Nutzern untereinander vereint, wie Text-Chat, Voice-Chat, IM (Instant Messenger) etc.

Der Zweite Reiz von SL besteht darin, Situationen und Muster auszuprobieren, die im realen Leben nicht oder nur schwer möglich sind. So haben zum Beispiel einige Spieler einen Avatar des anderen Geschlechts.

Wie und von wem wird es genutzt? (Inhaltsverzeichnis)

Viele Nutzer haben einen spielersichen Zugang zu Second Life. Es steht das Interesse im Vordergrund, „eine neue Welt“ zu erkunden. Das erklärt auch, warum viele Nutzer sich nach einem ersten Besuch nicht mehr einloggen: Der Reiz ist verflogen, sie haben nichts Besonderes gefunden.
Die Nutzer, die sich häufiger einloggen, schätzen vor allem die Möglichkeit sich mit anderen Besuchern auf der ganzen Welt auszutauschen. Gerade die Gruppenbildung in Second Life ist sehr stark.

Unternehmen versuchen auch die Möglichkeiten von Second Life zu testen. Allerdings haben nur wenige Erfolg. Viele Unternehmen haben Second Life mittlerweile wieder verlassen (Deutsche Post, BMW, u.a.). Manche Beobachter gehen davon aus, dass Second Life überhaupt für Unternehmen uninteressant ist. Stattdessen sehen sie den Wert in den Businessanwendungsmöglichkeiten. So könnte Second Life dazu dienen, virtuelle Meetings und Präsentationen abzuhalten oder aber die Möglichkeiten des 3D Raumes zu nutzen, um Produktfunktionsweisen zu erklären, indem etwa begehbare 3D Modelle von Maschinen gebaut werden.

Auch die Nutzung von Second Life in der Weiterbildung wird probiert. So hat etwas die VHS Goslar eine Dependance in Second Life gegründet und viele Universitäten experimentieren in Second Life. Sie halten E-Lectures oder virtuelle Siminare. Besonders geeignet scheint SL zu sein, um Gruppeninteraktion zu simulieren und zu trainieren.

Der WWF hat für sein Urwaldprojekt eine interessante Idee in SL umgesetzt: Am Fuße eines Regenwalds nimmt ein Gorilla den Avatar an die Hand und führt ihn durch den Regenwald, indem er dem Nutzer sein Lebensraum erklärt.

Eine Menschenrechtsorganisation hat einen virtuellen Nachbau von Guantanamo Bay in Second Life erstellt. Der Besucher kann nun als Avatar den Tagesablauf der Gefangenen in Second Life am eigenen "digitalen Leib" erfahren

Gibt es spezielle religiöse Nutzung? (Inhaltsverzeichnis)

Definitv: Ja. In Second Life finden sich viele Religionsgemeinschaften. Einige unterhalten Gotteshäuser oder Treffpunkte. Sehr aktiv sind die sog. Emerging churches aus den USA. Es gibt im christlichen Bereich viele religiöse Gruppen in Second Life. So gibt es allgemeine christliche Gruppen , die um die 500 Personen umfassen bis hin zu sehr speziellen Gruppen, wie etwa Rosenkranzgruppen mit um die 50 Mitglieder. Es werden Gottesdienste abgehalten, Gesprächskreise, Bibelstunden, Andachten, Gebetsrunden. Viele Nutzer die Second Life aus religiösen Motiven nutzen schätzen den Austausch mit (anders-) oder Gleichgläubigen aus der ganzen Welt.

Second Life bietet die Möglichkeiten, Inhalte auf spielerische Weise erfahrbar zu machen – in einem sozialen Kontext. Jederzeit sind Begegnungen mit anderen Avataren, d.h. mit Personen aus der ganzen Welt möglich.
Eine der interessantesten religiösen Nutzungsmöglichkeiten ist die virtuelle Hajj. Das Protal IslamOnline.net hat ein 3D Nachbau von allen Stationen der traditionellen Pilgerfahrt nach Mekka (der Hajj) in Second Life für die Öffentlichkeit freigeschaltet. An jeder Station der Reise kann der Nutzer mit seinem Avatar Informationen einholen, aber auch die Handlungen selbst mit seinem Avatar durchführen. Dabei trifft er unter Umständen auf andere Avatare und kann mit diesen ein Gespräch (Voice Chat) oder einen Chat beginnen.

Was sind die Implikationen für Kirche und Glaube? (Inhaltsverzeichnis)

Es ist zu beobachten, dass sich religiös orientierte Gemeinschaften und Gruppen in Second Life von selbst bilden. Auch werden Andachtsräume und Kirchen von Laien gebaut. Diese Entwicklung war ebenfalls in anderen virtuellen Welten, wie etwa Active Worlds oder der 2D Welt Funcity (ehemals Funama) zu beobachten: Die Nutzer solcher Welten "verlangen" nach Religiösität und aus diesem Verlangen heraus bilden sich Gruppen und werden Treffpunkte geschaffen, an denen Religiösität auch online gelebt werden kann.
Gerade im interelligiösen und intrareligiösen Bereich ist Second Life eine der spannensten Austauschplattformen in Internet. Viele Glaubensgemeinschaften treffen in dieser virtuellen Welt aufeinander und diskutieren miteinander. Aber auch innerhalb der eigenen Religion begegnen sich Anhänger aus ganz unterschiedlichen Kulturkreisen in Second Life und diskutieren über die Inhalte Ihres Glaubens.
Neue Formen der Glaubensausübung entstehen nicht, vielmehr werden bestehende Formen ins SL übernommen. Für die Kirche und den Glauben kann SL eine Art Jungbrunnen sein, indem SL eine Plattform bietet, die ein breites Panoptikum der die Menschen bewegenden Themen und religiösen Fragen bietet. Die Entwicklungen in SL und anderen virtuellen Welten zeigen auch, dass es eine Säkularisierung der Gesellschaft nicht gibt, zumindest nicht in dem Sinne, dass Religion in einer immer moderner werdenden Gesellschaft verschwinden würde.

Wie funktioniert es und was kann ich damit machen? (Inhaltsverzeichnis)

Auf der Internetseite von SL lädt man sich nach einer Registrierung die Software herunter. Die Basis-Teilnahme an SL ist kostenlos. Nach der Installation der Software und der Registrierung kann man sich in die virtuelle 3D Welt von Second Life einloggen. Zunächst muss man sich einen sog. Avatar, also eine 3D Figur erstellen, mit der man durch die virtuelle Welt von SL navigiert. Man kann laufen, gehen, fliegen und sich von einem Ort zum anderen teleportieren.

Der Avatar kann mit den Gegenständen und den anderen Avataren interagieren. Anders als bei einem online Spiel gibt es keine festgelegten Abläufe, Regeln oder ein Spielziel. Die Räume und Orte in SL sind sehr unterschiedlich: Es gibt bestimmte Bereiche innerhalb SL´s die im Stil etwa eines Romans gestaltet sind (z.B. Herr der Ringe), andere wiederum sind nach dem Vorbild einer realen Stadt wie etwa Frankfurt gestaltet. Der Avatar wird mittels der Tastatur und Maus gesteuert. Mit einem Headset ist es möglich mit den anderen Avataren zu kommunizieren mittels Sprache (sog. Voice Chat).

Welche Möglichkeiten bietet es technisch? (Inhaltsverzeichnis)

Second Life ermögicht:

  • Gruppenbildung über Freundeslisten
  • Suchfunktion für Orte, Personen und Gruppen
  • TextChat (öffentlich und privat)
  • Instant Messaging (sowohl innerhalb einer Gruppe als auch von Avatar zu Avatar)
  • 3D Umgebung und Interaktion (Erstellen von Gegenständen, deren Nutzung, aber auch Aktionen mit dem Avatar wie springen, tanzen, ankleiden etc.)
  • Voice Chat
  • Textmitteilungen mittels sog. Notecards
  • Ein eigenes Inventar zu führen mit Landmarks. Landmarks sind Sprungmarken zu Orten innerhalb SL´s – also analog zu Favoriten im Internet Explorer, die einem helfen, bestimmte Websites wiederzufinden, helfen Bookmarks in Second Life dabei, bestimmte Orte wiederzufinden
  • Anlegen eines Nutzerprofils
  • Einspeisen von Audio, Video und Multimediapräsentationen in Second Life

Wohin entwickelt es sich? (Inhaltsverzeichnis)

Viele Firmen und Konkurrenzanbieter zu Second Life arbeiten an eigenen virtuellen Welten. 3D Welten an sich werden populärer werden, vor allem, da die technische Entwicklung immer weiter voranschreitet.
Second Life ist technisch sehr anspruchsvoll und relativ instabil. Dennoch ist es die bekannteste 3D Welt im europäischen Kulturraum. Das Problem betseht darin, dass man eine eigene Clientsoftware installieren muss. Andere 3D Welten arbeiten daran, ihre Programme browserbasiert aufzubauen, so dass man keine zusätzliche Software installieren muss, um sie zu nutzen.

Pro - Contra? (Inhaltsverzeichnis)

Wer Second Life nicht selbst nutzt reagiert schnell mit Unverständnis. Realitätsflucht, Identitätsflucht und Sucht sind Stichworte die in diesem Zusammenhang oft begegnen. Dem ist entgegenzuhalten, dass es keine aussagekräftigen Studien gibt, die solch negative Einflüsse auf die Nutzer belegen. Im Gegenteil besagen Studien eher, dass Nutzer solcher Angebote sehr wohl realitätsnah, kontaktfreudig und sozial integriert sind und nicht in eine virtuelle Welt flüchten. Dementsprechend sehen die Nutzer von SL die Möglichkeiten, sie sich bieten, als Erweiterung an.
Ein eher philosophisches Argument aus Kirchenkreisen gegen SL ist, dass sich der Mensch hier in einem zweiten Leben zum Schöpfer seiner selbst erhebt und neu erfindet. Zugegebenermaßen sind in Second Life nur wohlgeformte braungebrannte Avatare unterwegs. D.h. die Nutzer stellen sich von Ihrer Schokoladenseite dar und machen sich gerne mal größer, schlanker, athletischer als Sie es in Wirklichkeit sind. Nur: Das war bereits immer so, egal welcher Technik sich die Menschen bedient haben, ob im Brief oder am Telefon. SL dient letzenendes mehr der Identitätsfindung als der Erschaffung einer vom wirklichen Leben getrennten Zweitidentität.

Die wirklichen Schattenseiten liegen zum einen in der Technik und zum anderen im Zeitfaktor: Second Life stellt zum einen hohe technische Anforderungen an die Hardware des PC´s. Zum anderen läuft es relativ unstabil und hat eine etwas enttäuschende Grafik . Die Nutzerzahlen sind rückläufig. Aufgrund der weltweiten Verbreitung gibt es vor allem wegen der Zeitzonen vor allem Kontakte innerhalb von drei großen Nutzergruppen: Die des amerikanischen Kontinents, die des Eurasischen und des Asiatischen Raumes.

Anwedung und Umsetzung (Inhaltsverzeichnis)

Die Einsatzmöglichkeiten von Second Life im religiösen Bereich sind noch spärlich. Das Erzbistum Freiburg hat einen Repräsentanz in SL, an der auch die Komplet gebetet wird.

Hardfacts& Linktipps
(Inhaltsverzeichnis)

Second Life wurde 2003 von der Firma Linden Labs gegründet. Seit 2007 ist der Quellcode unter der GLP veröffentlicht und kann somit von den Nutzern weiterentwickelt werden. Second Life kann kostenlos genutzt werden und es sind ca. 13 Millionen Menschen registriert, viele allerdings mehrmals. Die Zahl der tatsächlich aktiven Nutzer, die gleichzeitig online sind schwankt je nach Tageszeit zwischen 14.000 und 65.000. Die Basismitgleidschaft ist kostenlos. Die erweiterten Mitgliedschaften, die es unter anderem ermöglichen Gebäude zu bauen und Land zu erwerben, sind kostenpflichtig.

Netzinkulturation.de - Die Anlaufstelle zu Infos rund um Kirche&Internet sowie speziell zu Second Life

Second Life Artikel in der Wikipedia


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