Wirtschaftswachstum

Wirtschaftswachstum durch Kapital oder durch Bildung

Wir brauchen Wirtschaftswachstum, denn sonst können wir die Schulden nicht abbauen – oder man müsste Vermögen einziehen. Aber die Vermögen braucht die Wirtschaft, um Investitionen finanzieren zu können. Diese sind allein schon für Sonnen- und Windenergieanlagen unentbehrlich, weil die Ölvorräte in absehbarer Zeit versiegen. Wächst die Wirtschaft, wächst auch das Steueraufkommen. Wenn also Geld für Investitionen zur Verfügung steht, lösen sich die Probleme. Nach diesem Modell wird gedacht, auf seiner Basis wird diskutiert und schließlich gehandelt. Aber muss Wachstum vor allem durch die investierten Geldsummen definiert werden?

Der Mensch ist auf Entwicklung angelegt.
Neben den ökonomischen Zwängen gibt es einen tiefer liegenden Grund für Wachstum, der in der der Natur des Menschen zu finden ist. Der Mensch ist nicht nur Ergebnis der biologischen Evolution, er ist auch selbst für seine begrenzte Lebensspanne auf Entwicklung angelegt. Es gilt für den einzelnen wie für die Gesellschaft: Wer auf Weiterentwicklung verzichtet, bleibt nicht nur auf der erreichten Stufe stehen, sondern macht Rückschritte. Nicht nur Muskeln, die nicht mehr bewegt werden, bilden sich zurück, sondern auch Hirnareale. Wer in seiner Jugend eine Sprache gelernt hat, diese aber nicht mehr verwendet, vergisst das Gelernte, einfach weil die Nervenverbindungen, die die Sprachkompetenz gespeichert haben, sich auflösen. Das Gehirn ist wie unsere Muskulatur auf ständige Verwendung angelegt. Sogar im Alter bilden sich neue Hirnzellen. Das ermöglicht jedem, auch im Alter zu lernen. Und lernen muss jeder, zumindest mit dem Alter zurecht zu kommen.

Der Vorrang des Ökonomischen kommt an sein Ende
Die kurze Reflexion zeigt: Wir brauchen nicht nur Wirtschaftswachstum, sondern Kulturwachstum. Da wir uns eine Gesellschaft geschaffen haben, die im Geldwachstum den Indikator für Fortschritt definiert, leben wir anders als der Barock nicht in einer Kulturepoche, sondern in einer Wirtschaftsepoche. Deren Zusammenbruch haben wir mit der Finanzkrise erlebt. Da Gewerkschaften, auch die Kirchen, die Partein und selbstverständlich die Unternehmen und Banken daran festhalten, dass Wirtschaft die domineirende Kraft unserer Gesellschaft bleiben soll, kommt es wahrscheinlich zu einer nächsten Krise, die dann kein Staat mehr auffangen kann. Das liegt in dem Modell für Wirtschaftswachstum begründet. Es sind nicht nur einige Investmentbanker und Hedgefondsmanager, die das Weltfinanzsystem zum Absturz gebracht haben, sondern die auf Investitionen zielende Politik der Regierungen und der Zentralbanken.

Ursache der Krise: billiges Geld für mehr Investitionen
Eine auf Industrieproduktion und Immobilien basierende Wirtschaft wächst, wenn investiert wird. Das ist bei Immobilien direkt erkennbar: Neue Wohnviertel oder Bürotürme werden jeweils mit Krediten finanziert. Bauen schafft Arbeit für einen ganzen Industriezweig, es werden nicht nur Wasserhähne und Heizungen notwendig, sondern auch Möbel, Gartenanlagen bis hin zu neuen U-Bahnanschlüssen. Stellt man Kredite zur Verfügung, deren Zinssatz nicht zu hoch ist, werden mehr Bauherrn sich an Neubauprojekte trauen. Das Geld, mit dem Wohnanlagen und Büroräume finanziert werden, kommt nicht allein aus den Spareinalgen. Würden Banken nur dieses Geld verleihen, käme es nicht zu den exorbitanten Gewinnen, die bis zum Höhepunkt des Immobileinbooms 2007 gemacht werden konnten. Denn die Bank kann nur die Differenz zwischen dem Zins, den der Sparer erhält und dem Zins, den der Kreditnehmer zahlen muss, als Gewinn verbuchen. Anders ist es, wenn die Bank bei der Zentralbank zu einem günstigen Zinssatz Geld bekommt. Sie kann dann viel mehr Kredite vergeben. Steigen dann noch die Immobilienpreise, sind die Bauherren bereit, höhere Zinsen zu zahlen. Das Ganze wird zur Blase, wenn immer mehr auf den Zug aufspringen. Die Blase platzt aber mit Notwendigkeit, nämlich wenn Normalverdiener so hohe Kreditkosten bezahlen müssen, dass sie die Hypotheken nicht mehr abtragen können. Wenn also der Abstand der Immobileinpreise zum Normaleinkommen eine solche Differenz erreicht hat, dass nur noch die ganz Reichen sich als Bauerherrn verschulden können, dann fallen die Preise und für die Kredite gibt es nicht mehr den entsprechenden Gegenwert – nämlich den am Markt erzielbaren Verkaufswert eines Hauses, eines Büroturms.

Bei zurückgehenden Bevölkerungszahlen, nicht nur in Europa, sondern auch in Japan und China, kann man für das Wirtschaftswachstum nicht mehr so auf den Immobilensektor setzen wie bisher.

Da wir uns im Übergang von einer Industrie- und Immobilienwirtschaft zu einer Wissensgesellschaft befinden, kann Kapital nicht mehr der entscheidende Faktor für das Wirtschaftswachstum sein. Der Wissensarbeiter braucht keine hohen Investitionen in Produktionsmittel, sondern ihm genügt ein Computer und einen Internetanschluss, auf ein Auto kann er oft verzichten.

Bildung akkumuliert Wissenskapital
Das Kapital, das dem Wissensarbeiter zur Verfügung steht, ist in seinem Kopf gespeichert. Es ist durch Aus- und Fortbildung akkumuliert. Denn Wissen entsteht nicht durch Geldinvestitionen, sondern durch Investitionen in den Kopf. Das ist aber eine Wirtschaft, die nicht mehr so sehr durch Geldströme gesteuert wird, sondern durch Bildungswillen. Bildung braucht einen bestimmten Geist der Neugier, der Neuentwicklung, der auf tiefere Einsichten aus ist und nicht zuletzt Kultur beinhaltet. Wenn das Ruhrgebiet als Ganzes für ein Jahr als Europäische Kulturmetropole sich Zukunft erhofft, dann ist das richtig gedacht. Denn wenn die Bewohner des Reviers sich mit Kultur beschäftigen, führt das auch zu mehr Bildungsbereitschaft. Dass das Ruhrgebiet hier voran geht, liegt nicht zuletzt daran, dass es seine wirtschaftliche Grundlage, den Bergbau und große Teile der Stahlindustrie, verloren hat. Man musste sich etwas völlig Neues einfallen lassen.

Wirtschaftswachstum durch Kompetenzzuwachs
Die Finanzkrise war eine Immobilienkrise. Sie entstand, weil mit billigem Geld Wirtschaftswachstum erzeugt wurde. Vertrauen wir weiter auf diesen Mechanismus „Billiges Geld schafft Wachstum“, dann steuern wir mit Notwendigkeit die nächste Krise an, denn allein schon wegen der hohen Schulden der Staaten, die diese für die Stützung der Banken und die Ankurbelung der Konjunktur aufgenommen haben, muss das Steueraufkommen wachsen. Wenn die Wirtschaft aber nicht durch billiges Geld weiter wachsen kann, dann durch Bildung und das sehr viel effektiver.

Wenn nicht mehr die Weiterverarbeitung von Stahl die alleinige Basis des Wirtschaftswachstums sein kann, sondern die Verarbeitung von Wissen, dann ist Bildung der Motor für Wirtschaftswachstum.

Wenn Bildung den ihr entsprechenden Stellenwert erhält, dann wird sich auch die Gesellschaft ändern. Dann wird nicht mehr der Geld-Gewinn der entscheidende Faktor sein, an dem alles gemessen wird, sondern der Mensch wird wieder umfassender gesehen, als philosophierendes, als musizierendes Wesen, das nicht allein darin seinen Daseinszweck sieht, die Ressourcen, ob die der Natur oder der menschlichen Arbeitskraft so ausnutzen, dass der höchste Geldgewinn am Ende zählt, sondern wieder mehr der gelungene architektonische Entwurf, die Komposition, die Beschäftigung mit Philosophie und damit mit dem Sinn des Ganzen. Es ginge dann mehr um gelungenes Leben als den erwirtschaften Geldbetrag.

Eine Gesellschaft, die allen Entwicklung ermöglicht
Die Orientierung am Geldgewinn hat dazu geführt, dass es mehr Reiche, weniger Mittelstand und mehr Sozialhilfeempfänger gibt. Das liegt in der Logik einer am Gewinn orientierten Wirtschaft. Denn wenn die Einkünfte aus Kapitalanlagen sehr viel stärker wachsen als die durchschnittlichen Löhne, dann werden die reicher, die mit Kapitaleinsatz Geld verdienen. Während des letzten Immobilienbooms gewannen diejenigen, die über Häuser verfügten, durch die ständig steigenden Wert der Immobilien etwa fünf- bis achtmal soviel Mehrverdienst als die Lohnempfänger.

Bildung nicht kontingentieren

Früher war Bildung finanziell abhängig von der Herkunft, denn Gymnasium und Abitur mussten bezahlt werden. Auch heute ist Bildung für diejenigen weniger zugänglich, die in einem bildungsarmen Elternhaus ohne Bücher, ohne Theaterbesuch, ohne Diskussionen groß geworden sind. Aber schon wegen der zurückgehenden Zahl der Kinder ist es notwendig, die hochqualifizierten Wissensarbeiter nicht nur aus der Schicht der besser Gebildeten zu rekrutieren, sondern aus der ganzen Bevölkerung. Gerade das verlangt mehr Investitionen in Bildung – nicht zuerst finanziell, sondern als Bildungswille.

 Eckhard Bieger S.J.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ