Unternehmenserfolg

Bewertungskriterien für den Unternehmenserfolg

Unternehmen brauchen Kapital, um zu investieren und neue Märkte zu erschließen. Sie brauchen daher Geldgeber, die Aktien oder Anleihen kaufen. Wer Geld investiert, darf mit einer Verzinsung rechnen, in Form von Dividenden oder festgelegten Zahlungen. Ist die Gewinnerwartung kurzfristig und wird nur nach der Höhe der Rendite entschieden, führt das zu Krisen und sogar zum Kollaps, wie die letzte Finanzkrise gezeigt hat. Denn die Finanzkrise ist wesentlich durch die Orientierung am kurzfristigen Gewinn verursacht worden. Die Krise hat aber nicht dazu geführt, dass der Aktienkäufer besser, vor allem über die längerfristigen Erfolgaussichten von Unternehmen, informiert wird. Die Wirtschaftsredaktionen orientieren sich weiterhin an den Quartalszahlen und stellen ein Unternehmen so dar, wie der letzte Quartalsbericht ausfiel. Ein Unternehmen scheint so gut und steigt in seinem Börsenwert, so hoch der Quartalsgewinn ist. Welche Risiken sich hinter den Gewinnzahlen verbergen, unterliegt nicht der Recherchepflicht der Journalisten. Es gibt auch keine neuen Kriterien, nach denen die Ratingagenturen den langfristigen Erfolg einer Firma abschätzen können. Dass die Ratingagenturen ihre Einschätzung transparenter gestalten, ist unwahrscheinlich.

Wie kann man sich informieren, ob als Arbeitnehmer oder als Anleger?
Wenn im Wirtschaftsteil die Quartals- und Jahresberichte eines Unternehmens wiedergegeben werden, kann man nicht mehr erfahren als was das Unternehmen mitteilen will. Verfolgt man jedoch die Berichterstattung, dann finden sich da schon Artikel über Schwierigkeiten von Unternehmen, über erfolgreiche oder wenig erfolgreiche Neuentwicklungen. Zwar erfährt man immer noch wenig im Wirtschaftsteil, was ein Unternehmen für die Qualifikation seiner Mitarbeiter tut. In Zukunft hängt der Unternehmenserfolg noch mehr von einer qualifizierten Mitarbeiterschaft ab. Das kann man vor dem Kauf einer Aktie oder einer Unternehmensleihe im Internet nachsehen oder bei dem Unternehmen erfragen.

Es geht nicht nur um eine sichere, sondern auch ethisch zu rechtfertigende Geldanlage. Unterstützung verdienen die Unternehmen, die eine Firmenstrategie auf lange Sicht verfolgen. Das sind diejenigen, die Mitarbeiter nicht als Kostenfaktor sehen. Unternehmen, die Mitarbeiter entlassen, versprechen nur kurzfristigen Gewinn, mittelfristig lohnt sich die Beteiligung an Firmen nur, wenn diese auf die Kompetenz ihrer Mitarbeiter setzen. Im Folgenden werden die Kriterien zusammengesellt, die sich aus den vorausgehenden Überlegungen und Analysen ergeben. Sie werden als Kodex für verantwortungsvolles Investment beschrieben:

  1. Wissensbilanz als Kompetenzbilanz eines Unternehmens
    Für die Beurteilung der Wachstumschancen eines Unternehmens ist nicht allein die Kapitalbilanz, sondern noch mehr die Wissensbilanz maßgebend
    Unternehmen sind aufgefordert, nicht nur eine Bilanz in Geldwerten vorzulegen, sondern eine, die über die Qualifikation ihrer Mitarbeiter Auskunft gibt. In eine solche Bilanz gehören
    - Zahl der Patente
    - Ausbildungsstand der Mitarbeiter
    - Fortbildung der Mitarbeiter. Ein Fortbildungsreport sollte nicht nur für die
      besser bezahlten Mitarbeiter Aussagen machen, sondern auch für diejenigen, die in der Produktion, in Büros und in der Wartung tätig sind.

  2. Ökologisch ausgerichtete Firmenstrategie: Ökologiebilanz
    Wer ökologisch denkt und handelt, hat sein Unternehmen auf Langfristigkeit angelegt. Eine an den Ressourcen ausgerichtete Firmenstrategie arbeitet zudem mittelfristig kostengünstiger, weil sie weniger Energie und weniger Material verbraucht.

  3. Maßvolle Gehälter für das Management
    Unternehmen und Fonds, deren Manager überproportional hohe Gehälter ausbezahlt bekommen und die am Gewinn des Unternehmens mit mehr als 10% Ihres Einkommens beteiligt werden, lassen auf eine nicht der Gesamtgesellschaft dienenden Unternehmenspolitik schließen. Denn die Gehälter können nur aus überproportional hohen Gewinnen finanziert werden, die für das Unternehmen selbst ruinös sind. Zudem bedeuten überproportionale Bezahlung des Managements Entlassungen und geringere Aufwendungen für Fortbildung, weil überhöhte Zahlungen für Manager in der Regel durch Einsparungen beim Personal kompensiert werden müssen. Zu hohe Gehälter und Bonuszahlungen überfordern die Empfänger solcher Zahlungen ethisch, sie können die Perspektiven des Unternehmens nicht mehr realistisch einschätzen und gehen leichter unkalkulierbare Risiken ein als angemessen bezahlte Führungskräfte. Prof. Raghavendra Rau von der Purdue-Universität untersuchte den Zeitraum von 1994 bis 2006, also vor der Finanzkrise. Er kommt zu einer überschlägigen Rechnung, dass 1 Dollar höhere Vorstandsbezüge dem Aktionär einen Verlust von 100 Dollar einbringt. Aktionäre, die diese Daten berücksichtigen, sollten Aktien solcher Unternehmen kaufen, deren Vorstandschefs am unteren Ende der Gehaltskala bezahlt werden. Sie können mit steigenden Aktienkursen dieses Unternehmens rechnen. Diejenigen, die den Erfolg eines Managers an seinem Gehalt ablesen wollen und die Aktien von Unternehmen mit den höchstbezahlten Managern kaufen, müssen mit einem sinkenden Kurs für ihre Aktie rechnen.

  4. Soziales Engagement eines Unternehmens: Sozialbilanz
    Im Zusammenhang mit der Steigerung des Quartalsgewinns haben Unternehmen Leistungen für ihr Umfeld, Unterstützung für Kindergärten, die Integration ausländsicher Jugendlicher, Förderung von Kultur und Sport reduziert. Zeiten, in denen Unternehmen für die Arbeiter Siedlungen gebaut haben, sich an der Gesundheitsvorsorge beteiligt, den Breitensport unterstützt haben, gehören der Vergangenheit an – um den Shareholder-Value zu erhöhen, wurden an diesen Kosten gespart. Da Unternehmen und vor allem Banken, die auf kurzfristigen Gewinn setzen, die Existenz des Unternehmens gefährden, sollte von Unternehmen verlangt werden, dass sie neben der Wissensbilanz, der Ökologiebilanz und der Offenlegung der Managergehälter auch eine Sozialbilanz veröffentlichen. Nur Unternehmen, die in ihrer Mitarbeiterschaft investieren, Nachwuchs ausbilden, das Umfeld von Kindergärten, Sozialeinrichtungen, Krankenhäusern u.a. stützen, versprechen, dass die Aktien oder Anleihen in ihrem Wert beständig sind und Zuwachs erwarten lassen.

  5. Qualifikation der Mitarbeiter
    Erdölkonzerne oder andere Unternehmen, die über Rohstoffvorkommen verfügen, behalten ihren Wert unabhängig von konjunkturellen Schwankungen. Die meisten Unternehmen verfügen nicht über solche Bestände, sondern nur über Technologien und Dienstleistungsangebote, die schnell veralten können. Der Unternehmenserfolg beruht auf neuen Technologien und neuen Angeboten. Dieser ist aber abhängig von der Qualifikation und der Innovationskraft der Mitarbeiter. Er wird in der Wissensbilanz erhoben und zeigt sich auch an Investitionen in die Fortbildung. Für den Aktionär ist daher nicht das Management der Partner, das ein möglichst schnelles Wachstum des Sharehodler-Value, sondern das die Qualifikation der Mitarbeiterschaft als Strategie der Wertsteigerung verspricht.

Eine ethisch verantworte Geldanlage verlangt, dass sich der Anleger nicht auf den Rat der Bank verlässt, noch einfach den Schlagzeilen der Wirtschaftsberichterstattung folgt, sondern sich kontinuierlich informiert. Wer Geld anlegt, sollte immer die Arbeitsplätze im Auge haben. Nur Unternehmen, die langfristig orientiert sind, sichern Arbeitsplätze.

Für den Aktionär ist nicht dasjenige Management der Partner, das ein möglichst schnelles Wachstum des Aktienwertes, sondern das die Qualifikation der Mitarbeiterschaft als Strategie der Wertsteigerung verspricht.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ