Spekulationsblasen

An den Finanzmärkten steigen in wenigen Monaten die Aktienkurse oder die Grundstückspreise und Immobilienwerte nehmen schnell zu. Gehen die Kurse und Preise schlagartig zurück, spricht man von einer Blase, denn es bedurfte nur eines kleinen „Nadelstichs“, um die Blase platzen zu lassen.

Wie entstehen solche Blasen und warum brechen die Kurse bzw. die Immobilienpreise plötzlich so stark ein? Da es sich um keinen mathematisch berechenbaren Vorgang handelt, sondern um ein psychologisches Phänomen, soll die Dynamik, die zu solchen Blasen an den Finanzmärkten führt, hier psychologisch erklärt werden.

Hohe Gewinnerwartungen führen zu mehr Kreditaufnahmen
Wenn die Aktienkurse steigen oder die Immobilen teurer werden, kann das wie ein Sog wirken. Denn es winken schnelle Gewinne. Wenn immer mehr auf den Zug aufspringen, steigen die Kurse bzw. Preise weiter. Steigende Preise vermitteln ein trügerisches Gefühl der Sicherheit, denn wenn es nach oben geht, rechnet niemand damit, dass die gekaufte Aktie oder Immobilie einmal viel weniger wert sein könnte. Je länger der Aufwärtstrend anhält, desto mehr gehen die Beteiligten von der Annahme aus, dass dieser Anstieg ewig anhalten wird. Bei nüchterner Analyse müsste eigentlich jeder damit rechnen, dass die Steigerungen nicht immer weiter gehen können. Jedoch erzeugen Banken und Wirtschaftsjournalisten, die täglich über die Entwicklungen der internationalen Börsen berichten, eine Stimmung, der sich Anleger offensichtlich nicht entziehen können. Beide wollen verdienen. Die Blase entsteht also dadurch, dass Menschen Immobilien oder Aktien kaufen, weil sie mit weiter steigenden Kursen bzw. Immobilienpreisen rechnen. Wenn die Blase geplatzt ist, reden gerade die Journalisten, die das Feuer angefacht haben, von der „Gier“ der Banker und der Anleger.

In einer Spekulationsblase ist es so, dass Wertpapiere gleich welcher Art, weit über ihren eigentlichen Wert gehandelt werden. Platzt eine solche Blase, stürzen die Preise für die Wertpapiere massiv ab. Geld löst sich in Luft auf. Aktienkurse können sich halbieren, Immobilien können – je nach Qualität und Lage – in wenigen Tagen 30 bis 50 Prozent ihres Wertes, den sie in der Blase erreicht hatten, verlieren. Dies kann durch zwei Faktoren erklärt werden:

  1. Anleger nehmen Kredite auf, um an den Gewinnaussichten zu partizipieren. Als Sicherheit hinterlegen sie die Wertpapiere, für die sie den Kredit aufgenommen haben. Diese Kredite bekommen sie, denn die Banken, die in der Regel der gleichen Psychose verfallen sind, rechnen ebenfalls mit steigenden Werten. Sie scheinen also kein Risiko einzugehen, insbesondere deshalb nicht, weil sie ihre Kredite durch Aktien oder Immobilien abgesichert haben, die ständig in ihrem Wert steigen.
  2. Notenbanken und auch Regierungen schreiten nicht oder zu spät ein, weil die wachsende Blase Investitionen fördert und die Steuereinnahmen erhöht.

 

Die Finanzmärkte können sich nicht zu weit von der Realwirtschaft absetzen
Die Blase muss, deshalb wurde das Bild gewählt, irgendwann platzen. Denn wenn die Immobilien so teuer werden, dass auch bei Lohnsteigerungen immer weniger sich ein Eigenheim leisten können, dann bricht der Anstieg ab. Ähnlich bei Aktien. Diese müssen sich ja durch ihre Dividende lohnen. Werden die Aktien so teuer, dass die Dividende den Kaufpreis nicht mehr rechtfertigt, entfällt eine wichtige Refinanzierungsquelle des Aktionärs. Seine einzige Hoffnung konzentriert sich dann auf einen weiteren Anstieg der Aktienkurse. Wenn die Unternehmensdaten den Kursanstieg nicht mehr rechtfertigen, sinken die Kurse und die aufsteigende Kurve bricht ab. Dieser Einbruch kann durch lockere Kreditvergabe der Banken noch weit hinausgeschoben werden. So kann man an Personen Hypotheken vergeben, die nur über ein geringes Einkommen verfügen, das eine Abzahlung des Kredits eigentlich aussichtslos erscheinen lässt. Solange die Häuserpreise weiter in die Höhe klettern, funktioniert das System. Denn auch wenn der Kreditnehmer die Hypothek nicht abbezahlen kann, steigt ja der Wert des Hauses. Zudem verdienen die Banken an hohen Immobilienpreisen wie auch an hohen Aktienkursen, sie können weitere Kredite vergeben und verdienen so an den Zinsen und Gebühren. Alle scheinen zu gewinnen, so dass die Risiken ausgeblendet werden. Platzt die Blase, sind genügend kluge Köpfe zur Stelle, die erklären, dass es so kommen musste. Es musste tatsächlich so kommen, aber die gleichen Leute, die kluge Vorträge halten und Kommentare schreiben, haben vorher den Anstieg der Kurse und der Immobilienpreise bejubelt.

Aber warum fallen die Aktienkurse und Immobilienpreise so tief, dass nach einiger Zeit die Kurse wieder steigen und die Häuser und Büroetagen wieder teurer werden? Auch hier wirkt die Psychologie. Wenn die Kurse bzw. Immobilienpreise fallen, will jeder verkaufen, denn es ist abzusehen, dass die Werte weiter fallen. Wenn das nur die privaten Anleger täten, wäre das vielleicht noch zu verkraften. Aber die Banken und die Hedgefonds verkaufen auch Aktien in großem Maß und versteigern Häuser, deren Besitzer die Hypotheken nicht abzahlen können.

Die Banken wie die Fonds sehen sich deshalb zum Verkauf gezwungen, weil sie die hohen Aktienkurse sowie die hohen Immobilienwerte in ihren Büchern stehen haben. Die nach dem Platzen einer Blase deutlich niedrigeren Werte bedingen aufgrund internationaler Rechnungslegungsvorschriften, dass die Bilanzwerte auf die niedrigeren Marktwerte korrigiert werden müssen. Dies schmälert das Eigenkapital der Banken. Ein geringeres Eigenkapital schränkt die Möglichkeiten der Banken zur Kreditvergabe ein, da die gewährten Kredite mit einer bestimmten Eigenkapitalquote unterlegt sein müssen. Kurzum: Je weniger Eigenkapital eine Bank hat, desto weniger Kredite darf sie vergeben. Da weitere Kurseinbrüche die Banken zu weiteren Eigenkapital-mindernden Abschreibungen zwingen würden, realisieren diese oft lieber Verluste, indem sie Aktien und Immobilien verkaufen. Damit beschleunigen sie die Talfahrt der Aktienkurse und Immobilienpreise erst richtig. Die Anleger werden unruhig und ziehen ihr Geld aus den Fonds und Bankeinlagen ab, eine kontinuierliche Abwärtsspirale entsteht, an deren Ende den Banken das Geld ausgeht und diese dann Konkurs anmelden müssen.

Es ist offenkundig, dass die Finanzwirtschaft das Aufblähen der Blase beschleunigt, indem sie Kredite zur Verfügung stellt. Das war bei der Börsenkrise zur Jahrtausendwende der Fall und wieder bei der Immobilienkrise, die 2007 einsetzte und 2008 ihren Höhepunkt erreichte. Da jeder an der Blase zu verdienen scheint, finden warnende Stimmen kein Gehör. Je größer die Blase wird, desto größer der Fall der Werte, ob Aktien oder Immobilien. Die sog. Finanzindustrie ist zwar in der Lage, die Blase durch ausufernde Kreditvergabe aufzublähen, sie hat aber nicht die Mittel, den Abstieg aufzufangen. Banken werben mit Vertrauen in die Seriosität ihrer Beratung und das sorgfältige Abwägen der Risiken. Damit haben sie viele zu Mitspielern der letzten Finanzkrisen gemacht. Vertrauen sollte man weder den Banken noch den Wirtschaftsjournalisten, sondern dem gesunden Menschenverstand. Große Gewinne kann man im Lotto machen, an der Börse und bei Immobilienspekulationen nur, wenn man früh genug verkauft. Ansonsten gelten die gleichen Regeln wie für einen Bäckerladen oder einen mittelständischen Betrieb: Wenn ein Überschuss von 5%, maximal 8% übrig bleibt, hat man gut gewirtschaftet.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ