Spekulation

Spekulieren kann man nur in die Zukunft, denn was in der Vergangenheit war, kann man wissen. Über die Gegenwart wird man ständig durch die Medien informiert.

Spekulieren hat eigentlich einen breiteren Wortsinn. Es kommt vom lateinischen Wort speculare und meint sehen, schauen, beobachten. Speculum ist der Spiegel und ein Instrument der Gynäkologie, um die Scheidenwände auseinanderzuhalten, damit der Arzt besser sehen, „speculare“ kann.

Im Bereich der Wirtschaft muss jeder, der in Zukunft am Markt bestehen will, sich ein Bild von der Zukunft machen, um sein gegenwärtiges Handeln darauf auszurichten. Wenn an der Börse oder an den sog. Warenterminmärkten spekuliert wird, geht es immer um die Preisentwicklung. Wenn ein Bauer im Frühjahr die Ernte verkauft, die er im Herbst einfahren wird, hat er Geld zur Verfügung. Er kann gewinnen, wenn der Käufer, der „Spekulant“ den Preis zu hoch angesetzt hat. Dann bekommt der Bauer mehr ausgezahlt als er bei der Ernte erlösen würde. Liegt der Getreidepreis im Herbst über dem Betrag, den der Käufer dem Bauern bezahlt hat, macht der Spekulant einen Gewinn. Das lässt sich auch auf die Börse und auf Immobilien übertragen. Wer mit einem steigenden Börsenwert eines Unternehmens rechnet, wird heute die Aktie kaufen und dann, wenn die Aktie den tatsächlichen Wert eines Unternehmens wiedergibt, d.h. ein höherer Börsenwert nicht mehr zu erwarten ist, sie mit Gewinn verkaufen. Die Beispiele zeigen, dass Spekulieren mit einem Risiko verbunden ist. Die Garantie eines sicheren Gewinns gibt es also nicht.

Ethische Bewertung
Die oben beschriebenen Beispiele für Spekulation sind nicht von hohem ethischem Wert. Sie schaffen keine neuen Werte, sondern sorgen nur für eine Anpassung der Preise, ob es sich nun um Rohstoffe oder um den Börsenwert von Aktien oder Immobilien handelt.

Diese Einschätzung gilt so lange, wie es nur wenige sind, die spekulieren. Beteiligen sich aber immer mehr an der Spekulation, pendeln sich Preise und Kurse nicht auf den tatsächlichen Wert eines Barrel Öl oder eines Büroimmobilie ein, sondern die Preise bzw. der Börsenwert einer Aktie steigen. Sie steigen deshalb, weil die Nachfrage zunimmt. Nimmt die Nachfrage zu, wächst auch der Glaube, dass die Kurse bzw. Immobilienwerte immer noch weiter wachsen werden. Aus dem Kalkül, zu kaufen wenn eine Aktie unterbewertet ist oder die Rohölpreise weiter steigen werden, wird der Drang, bei dem Geschäft dabei zu sein. Und wer kauft nicht, wenn er nicht an die Wertsteigerung glaubt? Es muss also stimmen, dass ich mein Geld richtig anlege. Zudem hat niemand ein Interesse daran, dass der Glaube an einen vermeintlichen Wertzuwachs infrage gestellt wird. Die Banken verdienen an dem Handel mit Aktien und Terminkontrakten, die Manager bekommen bei steigendem Wert der Aktie einen höheren Bonus, die Bauträger bekommen für das nächste Großprojekt Kredite und die Besitzer von Aktien oder Immobilien können ihre Anteile mit Gewinn verkaufen. Und auch die Spekulanten verdienen, obwohl sie wohl neben den Bankern als erste erkennen, wann die Preise überhöht sind. Da sie sich wahrscheinlich auch von der Faszination ständig steigender Börsen- und Immobilienwerte anstecken lassen, pumpen sie weiter Luft in die Spekulationsblase.   Wenn die Spekulanten einen kühlen Kopf bewahren, werden sie wie die Banken an der von vielen getragenen Spekulationswelle mit verdienen, und nur darauf achten, früh genug auszusteigen. Denn irgendwann trifft der Glaube auf die Realität, wie bei der Finanzkrise im Gefolge des amerikanischen Immobilienbooms, der 2007 endete. Offensichtlich sind aber die, die es hätten wissen müssen, auch nicht früh genug aus dem Geschäft ausgestiegen, zumindest gilt das für viele deutsche Landesbanken.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ