Sozialenzyklika 7

Non-Profit-Unternehmen

Nicht-gewinnorientiert – Gewinnorientiert
Wenn die Wirtschaft nur vom Denken der Aktiengesellschaften bestimmt wäre, dann hätten ethische Überlegungen wenig Gewicht, denn Aktiengesellschaften werden an den Dividenden gemessen, die sie ausschütten. Wird eine hohe Dividende ausgeschüttet, steigt der Wert der Aktie und der Aktionär verdient noch einmal, wenn er die Aktie verkauft, bevor deren Kurs wieder sinkt. Wer Aktien kauft, lässt sich selten von einer ethischen Orientierung leiten, er will vielmehr sein Geld vermehren. Vielleicht spendet er von dem, was er an Dividenden erhält. Dass er mit seiner Geldanlage selbst Einfluss ausüben könnte, kommt den meisten Aktionären nicht in den Sinn.

Es gibt jedoch einen Faktor, der eine mehr ethische Ausrichtung des gesamten Wirtschaftssystems unterstützt. Es sind die Unternehmen, die zwar die Deckung der Kosten erreichen wollen, die aber nicht am Gewinn gemessen werden, den sie erwirtschaften. Das sind Bildungseinrichtungen, der größere Teil der Krankenhäuser, Entwicklungshilfeagenturen, Nahverkehrsbetriebe u.v.a. Obwohl diese Unternehmen nicht von der Börsenberichterstattung erfasst werden, tragen sie einen großen Teil zum Bruttosozialprodukt bei. 

Insgesamt beobachtet die Enzyklika eine Entwicklung der Unternehmensformen. Nicht nur führen gewinnorientierte Firmen Entwicklungsprojekte durch, es gibt auch verschiedene Entwicklungen, die die Dominanz der gewinnorientiert arbeitenden Unternehmen zurückdrängen. In Nr. 46 heißt es:

„Betrachtet man die mit der Beziehung zwischen Unternehmen und Ethik befaßten Themenbereiche sowie die Entwicklung, die das Produktionssystem durchmacht, so scheint es, daß die bisher allgemein verbreitete Unterscheidung zwischen gewinnorientierten (profit) Unternehmen und nicht gewinnorientierten (non profit) Organisationen nicht mehr imstande ist, über die tatsächliche Situation vollständig Rechenschaft zu geben oder zukünftige Entwicklungen effektiv zu gestalten. In diesen letzten Jahrzehnten ist ein großer Zwischenbereich zwischen den beiden Unternehmenstypologien entstanden. Er besteht aus traditionellen Unternehmen, die allerdings Hilfsabkommen für rückständige Länder unterzeichneten; aus Unternehmensgruppen, die Ziele mit sozialem Nutzen verfolgen; aus der bunten Welt der Vertreter der sogenannten öffentlichen und Gemeinschaftswirtschaft. Es handelt sich nicht nur um einen »dritten Sektor«, sondern um eine neue umfangreiche zusammengesetzte Wirklichkeit, die das Private und das Öffentliche einbezieht und den Gewinn nicht ausschließt, ihn aber als Mittel für die Verwirklichung humaner und sozialer Ziele betrachtet. Die Tatsache, daß diese Unternehmen die Gewinne nicht verteilen oder daß sie die eine oder andere von den Rechtsnormen vorgesehene Struktur haben, wird nebensächlich angesichts ihrer Bereitschaft, den Gewinn als ein Mittel zu begreifen, um eine Humanisierung des Marktes und der Gesellschaft zu erreichen.“

 Es wird die Entwicklung unterstützt, dass zwar Gewinne erzielt werden, diese aber nicht an Anteilseigner ausgezahlt, sondern für Entwicklungs- Gesundheits- und Bildungsprojekte eingesetzt werden. Im gleichen Abschnitt heißt es weiter:

„Es ist zu wünschen, daß diese neuen Unternehmensformen in allen Ländern auch eine entsprechende rechtliche und steuerliche Gestalt finden. Ohne den herkömmlichen Unternehmensformen etwas von ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und Nützlichkeit zu nehmen, bewirken die neuen Formen, daß sich das System zu einer klareren und vollkommeneren Übernahme der Verpflichtungen seitens der Wirtschaftsvertreter entwickelt. Nicht nur das. Gerade die Vielfalt der institutionellen Unternehmensformen sollte einen humaneren und zugleich wettbewerbsfähigeren Markt hervorbringen.“

Dass sich die Wettbewerbsposition einer vielförmigen Wirtschaft verbessert, unterscheidet die Argumentation der Enzyklika vom neoliberalen Denken. Die Enzyklika geht davon aus, dass die Wirtschaft dann krisenfester ist und sich auch besser entwickelt, wenn die Person des Menschen und nicht der Gewinn die oberst Zielvorgabe wirtschaftlichen Handelns und der Organisation der Wirtschaft darstellt. Angesichts der großen Armut in vielen Ländern, mangelnder Gesundheitsversorgung und vieler anderer Misstände erscheint eine Wirtschaft tatsächlich als gesünder, die die Belange aller Menschen in den Blick nimmt. Das ist aber mit einem Wirtschaftsmodell nicht erreichbar, das alles Handle an dem größtmöglichen Gewinn ausrichtet.

Angesichts der Erfahrungen mit der Finanzkrise braucht es eine Wirtschaft, die nicht mehr von gewinnorientierten Unternehmen dominiert wird, sondern durch eine Mischung von gewinnorientierten, kostendeckend arbeitenden und gemeinnützigen Unternehmen geprägt ist. Die zentrale Stellung der menschlichen Person wird im Blick auf Länder herausgestellt, die noch nicht von der Globalisierung profitieren.

„Die Vermehrung der verschiedenen Unternehmenstypologien und besonders derjenigen, die dazu fähig sind, den Gewinn als ein Mittel zu begreifen, um den Zweck der Humanisierung des Marktes und der Gesellschaften zu erreichen, muß auch in den Ländern verfolgt werden, die unter Ausschluß oder Ausgrenzung aus den globalen Wirtschaftskreisläufen leiden. Dort ist es sehr wichtig, mit Projekten angemessen konzipierter und verwalteter Subsidiarität voranzukommen, die vor allem die Rechte zu stärken trachten, wobei jedoch immer auch die Übernahme entsprechender Verantwortlichkeiten vorgesehen ist. In den Beiträgen zur Entwicklung muß das Prinzip der zentralen Stellung der menschlichen Person sichergestellt sein, die das Subjekt ist, das in erster Linie die Verpflichtung zur Entwicklung auf sich nehmen muß. Das Hauptinteresse gilt der Verbesserung der Lebenssituationen der konkreten Menschen in einer bestimmten Region, damit sie jenen Verpflichtungen nachkommen können, deren Erfüllung ihnen ihre derzeitige Notlage unmöglich macht. Die Sorge kann niemals eine abstrakte Haltung sein. Um an die einzelnen Situationen angepaßt werden zu können, müssen die Entwicklungsprogramme von Flexibilität gekennzeichnet sein; und die Empfänger der Hilfe sollten direkt in die Planung der Projekte einbezogen und zu Hauptakteuren ihrer Umsetzung werden. Ebenso ist es notwendig, die Kriterien eines stufenweisen und begleitenden Fortschreitens – einschließlich der laufenden Kontrolle der Ergebnisse – anzuwenden, da es keine universal gültigen Rezepte gibt. Viel hängt von der konkreten Durchführung der Interventionen ab. »Weil die Völker die Baumeister ihres eigenen Fortschritts sind, müssen sie selbst auch an erster Stelle die Last und Verantwortung dafür tragen. Aber sie werden es nicht schaffen, wenn sie gegenseitig isoliert bleiben«. Angesichts der Konsolidierung des Prozesses der fortschreitenden Integration der Erde hat diese Mahnung Papst Pauls VI. heute noch größere Gültigkeit. Die Dynamik der Einbeziehung hat nichts Mechanisches an sich. Die Lösungen müssen auf der Grundlage einer behutsamen Einschätzung der Situation genau auf das Leben der Völker und konkreten Personen zugeschnitten werden. Neben den Großprojekten braucht es die kleinen Projekte und vor allem die tatkräftige Mobilisierung aller Angehörigen der Zivilgesellschaft, sowohl der juristischen wie der physischen Personen.“ Nr. 47

Die Enzyklika bleibt bei der positiven Einschätzung der Globalisierung und drängt darauf, dass kein Land ausgeschlossen bleibt, formuliert aber Bedingungen, wie Entwicklung gestaltet werden muss.

  • Die Entwicklung muss in der Verantwortung des jeweiligen Landes gestaltet werden.
  • Jedes Land braucht ein eigenes Konzept für seine Entwicklung
  • Sie bedarf internationaler Vernetzung
  • Neben Großprojekten müssen auch viele kleine Projekte angestoßen werden.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ