Sozialenzyklika 6

Gewinne und ihre Berechtigung

Im wirtschaftlichen Sinne ist der Gewinn der Überschuss, den ein Unternehmen innerhalb eines bestimmten Zeitraumes oder an einem Produkt erwirkt. Es geht darum, durch einen möglichst geringen Aufwand an Mitteln einen möglichst hohen Überschuss zu erhalten. Diese Gewinne entstehen in der Realwirtschaft. Das sind Gewinne aus dem Verkauf von Waren und Dienstleistungen. Sie entstehen aufgrund technischer Innovation oder aufgrund von Wissen und deren Anwendung. Die Gewinnerwartung aus diesem Bereich liegt bei circa fünf bis acht Prozent des umsatzes. Das ist solide, konservativ und unspektakulär, aber auch wertbeständig, nachhaltig und somit auf die Zukunft hin ausgerichtet.

Ganz anders verhält es sich mit Gewinnen, die aus Spekulationen entstehen. Sie sind der Versuch, Gewinnerwartungen von 25 bis 30 Prozent zu realisieren. Um diese Rendite zu erreichen, werden wesentlich höhere Risiken eingegangen, als das in der Realwirtschaft der Fall ist. Schließlich besteht auch die Gefahr, dass sich Spekulationsblasen entwickeln, in denen in kurzer Zeit Vermögen entstehen, die aber, wenn sie platzen, Vermögen auch rasch vernichten. Was wäre eine ethisch gerechtfertigte Ausrichtung von Unternehmen auf Gewinne?

Gewinne haben einen Zweck
Gewinne ermöglichen es Unternehmen, am Markt zu agieren, sie halten ein Unternehmen am Leben. Denn nur Gewinne ermöglichen Forschung, Weiterbildung und den Kauf neuer Maschinen. Weiter braucht ein Unternehmen Rücklagen, um Reklamationen zu begleichen und andere Ausfälle aufzufangen. Gewinne und ihre Verwendung können, ja sollen, einen Nutzen haben. Diesen Grundgedanken nimmt Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Caritas in veritate auf, wenn er ausführt: „… Der Gewinn ist nützlich, wenn er in seiner Eigenschaft als Mittel einem Zweck zugeordnet ist, welcher der Art und Weise seiner Erlangung ebenso wie der seiner Verwendung einen Sinn verleiht. Die ausschließliche Ausrichtung auf Gewinn läuft, wenn dieser auf ungute Weise erzielt wird und sein Endzweck nicht das Allgemeinwohl ist, Gefahr, Vermögen zu zerstören und Armut zu schaffen. …“ (Nr. 21) Die Erwirtschaftung eines Gewinns wie auch seine Verwendung sollen einem sinnvollen Zweck dienen. Die Zweckgebundenheit besteht in einem soliden Umgang mit den Mitteln und Möglichkeiten, die zur Produktion von Waren und Dienstleistungen benötigt werden. Hierzu gehören neben verschiedenen anderen Finanzquellen eben auch die Gewinne. Die Produktion von Waren und Dienstleistungen und der daraus resultierende Unternehmenserfolg stehen im Vordergrund einer jeden vernünftigen wirtschaftlichen Tätigkeit. Diese dient der Entwicklung des Einzelnen. Stehen Gewinne, die aus der Wertschöpfung in der Realwirtschaft stammen wieder dem Wirtschaftskreislauf zur Verfügung, ergibt sich hieraus Wachstum, das für die Entwicklung von Volkswirtschaften eine solide und verlässliche Grundlage bildet, weil ihm eben reale Güter und Dienstleistungen als Vertrauensbasis für eine Währung gegenüberstehen.

Genutzte Gewinne ermöglichen eine umfassende Entwicklung
ntwicklung ist immer auch ein langfristiger Prozess. Dies gilt vor allem, wenn die Entwicklung an ein recht hohes geistiges Niveau gebunden sein soll. Es geht also um Entwicklung in einem weit gefassten Verständnis. Dies betrifft dann nicht nur die sog. Entwicklungsländer, sondern eben auch die westlichen Gesellschaften. In beiden Bereichen gilt der Grundsatz, dass Entwicklung nur dann gewährleistet ist, wenn nicht kurzfristige, sondern vor allem nachhaltige Gewinne angestrebt werden. In der Nachhaltigkeit geht es darum, Gewinne langfristig und damit auf einer sichereren Basis zu erwirtschaften. Diese Gewinne ermöglichen ein solides Fundament für die unternehmerische und für die persönliche Entwicklung der an dem Unternehmen beteiligten Personen, seien sie nun Inhaber oder Arbeitnehmer. Auch hierzu mach die Enzyklika eine Aussage, wenn sie ausführt: „… Es ist wichtig, zwischen kurzfristigen und langfristigen wirtschaftlichen oder soziologischen Überlegungen zu unterscheiden. Die Senkung des Rechtsschutzniveaus für die Arbeiter oder der Verzicht auf Mechanismen der Umverteilung des Gewinns, damit das Land eine größere internationale Wettbewerbsfähigkeit erlangt, verhindern, daß sich eine langfristige Entwicklung durchsetzen kann. So sollten die Konsequenzen, welche die aktuellen Tendenzen zu einer kurzfristig, bisweilen extrem kurzfristig angelegten Wirtschaft für die Menschen haben, aufmerksam abgewogen werden. Das verlangt »eine neue und vertiefte Reflexion über den Sinn der Wirtschaft und ihrer Ziele« sowie eine tiefgreifende und weitblickende Revision des Entwicklungsmodells, um seine Mißstände und Verzerrungen zu korrigieren. …“ (Nr.32) Ein Gewinn ist also dann zu rechtfertigen und zweckdienlich, wenn er in der langfristigen Perspektive erwirtschaftet wird. So wirkt er nachhaltig, also so, dass er auch weiterhin Gewinne hervorbringt und somit langfristig positiv und weitgehend krisenfest zum Wohle der menschlichen Entwicklung, wie auch zum Wohle von Unternehmen, Staaten, Völkern, ja durchaus auch ganzer Kontinente, eingesetzt werden kann. Diese Form von Gewinnstreben schafft sogar Vertrauen.

Solide Gewinne schaffen Vertrauen
rauen gehört zu den Fundamenten des Wirtschaftslebens. Ohne Vertrauen funktioniert kein Wirtschaftssystem. Kredite werden nicht vergeben, Investitionen nicht getätigt, Innovationen nicht entwickelt und Arbeitsplätze nicht geschaffen, wenn es an Vertrauen fehlt. Im Wirtschaftsleben basiert Vertrauen jedoch nicht unbedingt auf dem persönlichen Vertrauen der Personen. Dem Vertrauen haben Waren und Dienstleistungen gegenüberzustehen, die dieses Vertrauen auch verdienen. Erfüllt ein Produkt die Erwartungen? Kann eine bestimmte Ingenieurleistung in der Zukunft genutzt und umgesetzt werden? Vertrauen und Vertrauenswürdigkeit lässt sich auch am erwirtschafteten Gewinn ablesen. Der Gewinn, der aus der Realwirtschaft stammt, wird so zum Gradmesser und nimmt eine nicht zu unterschätzende Rolle ein. Ein gut aufgestelltes Unternehmen, das einen verlässlichen Gewinn erwirtschaftet und in der Lage ist, eingegangene Verpflichtungen zu erfüllen, ist deshalb vertrauenswürdig. Vertrauenswürdig zu sein, eröffnet somit die Möglichkeit zu einer langfristigen Zusammenarbeit. Dies ist am ehesten im Bereich der Herstellung von Waren und Dienstleistungen der Fall. Dies ist auch der Bereich, in dem sich eine Gesellschaft wirtschaftlich und kulturell weiterentwickeln kann. Im Unterschied dazu sind Unternehmen, die sich auf Finanzmarktspekulationen spezialisiert haben, nicht zur Schaffung von Vertrauen in ein Wirtschaftssystem geeignet. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat das deutlich aufgezeigt. Was eine Gesellschaft bracht, sind solide aufgestellte Unternehmen, auf die Verlass ist. (Siehe dazu die Beiträge „Spekulation“ und „Spekulationsblasen“.)

Autor: Jan Wilhelm Witte