Sozialenzyklika 5

Was sagt sie zu den Finanzmärkten?

Die Enzyklika zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit, Caritas in Veritate (CiV), ist kurz nach dem Höhepunkt bzw. Tiefpunkt der Finanzkrise im Juli 2009 veröffentlicht worden. Da ein solches Lehrschreiben eine lange Vorlaufzeit hat, ist es nicht speziell zur Frage der internationalen Finanzmärkte verfasst, jedoch sind die Fragen aufgenommen und die Grundlinien der Enzyklika zeigen, das gerade die Finanzmärkte nicht außerhalb moralischer Verpflichtungen und der Verantwortung der dort Handelnden gesteuert werden können.

Der Papst widmet sich in der Nummer 65 der Sozialenzyklika ausführlich dem Finanzwesen. Dieser Teil ist eingebettet in die Grundaussage von Caritas in Veritate und muss von der Kernaussage: „Ohne Wahrheit, ohne Vertrauen und Liebe gegenüber dem Wahren gibt es kein Gewissen und keine soziale Verantwortung: Das soziale Handeln wird ein Spiel privater Interessen und Logiken der Macht, mit zersetzenden Folgen für die Gesellschaft…“ (Nr. 5) her betrachtet werden. Später wird diese Aussage auf die Motive wirtschaftlichen Handelns hin konkretisiert. Dazu führt die Enzyklika aus: „ … Gewinn Text Sozialenzyklika ist nützlich, wenn er in seiner Eigenschaft als Mittel einem Zweck zugeordnet ist, welcher der Art und Weise seiner Erlangung ebenso wie der seiner Verwendung einen Sinn verleiht. Die ausschließliche Ausrichtung auf Gewinn läuft, wenn dieser auf ungute Weise erzielt wird und sein Endzweck nicht das Allgemeinwohl ist, Gefahr, Vermögen zu zerstören und Armut zu schaffen. …“ (CiV 21)

Was für die gesamte Wirtschaft gilt, hat insbesondere im Bereich der Finanzwirtschaft Gültigkeit. Denn hier werden oft mit abstrakten, aus der Mathematik hergeleiteten Konstrukten, Derivate genannt, die ihre Rechtfertigung ausschließlich aus sich selbst und einer einseitigen Gewinnmaximierung beziehen, enorme Risiken eingegangen. Allzu häufig haben diese Derivate nichts mehr mit den tatsächlichen und legitimen Anliegen der Wirtschaft gemein, Handelsgeschäfte abzusichern. Bei Derivaten handelt es sich um handelbare Verträge, die an die Entwicklung von Börsenindices, Unternehmensergebnisse oder die Preisentwicklung für bestimmte Produkte gekoppelt sind. Sie können börslich oder außerbörslich gehandelt werden.

Die gegenwärtige Krise ist letztlich dadurch entstanden, dass der legitime Ansatz allen Wirtschaftens, Gewinne durch Produktion von Gütern und das Anbieten von Dienstleistungen, die den Menschen einen fairen Mehrwert bieten, indem ihre Bedürfnisse angemessen befriedigt werden, zugunsten eines egoistischem Strebens nach persönlichem Profit zu Lasten der Allgemeinheit geopfert wurde. Dies führt die Enzyklika ausführlich aus: „Ferner bedarf das Finanzwesen als solches einer notwendigen Erneuerung der Strukturen und Bestimmungen seiner Funktionsweisen, deren schlechte Anwendung die Realwirtschaft zuvor geschädigt hat. Auf diese Weise kann es dann wieder ein auf die bessere Vermögensschaffung und auf die Entwicklung zielgerichtetes Instrument werden. Die ganze Wirtschaft und das ganze Finanzwesen – nicht nur einige ihrer Bereiche – müssen nach ethischen Maßstäben als Werkzeuge gebraucht werden, so daß sie angemessene Bedingungen für die Entwicklung des Menschen und der Völker schaffen. Es ist gewiß nützlich und unter manchen Umständen unerläßlich, Finanzinitiativen ins Leben zu rufen, bei denen die humanitäre Dimension vorherrscht. Dies darf aber nicht vergessen lassen, daß das Finanzsystem insgesamt auf die Unterstützung einer echten Entwicklung zielgerichtet sein muß. Vor allem darf die Absicht, Gutes zu tun, nicht der Intention nach der tatsächlichen Güterproduktionskapazität gegenübergestellt werden. Die Finanzmakler müssen die eigentlich ethische Grundlage ihrer Tätigkeit wieder entdecken, um nicht jene hoch entwickelten Instrumente zu mißbrauchen, die dazu dienen können, die Sparer zu betrügen. Redliche Absicht, Transparenz und die Suche nach guten Ergebnissen sind miteinander vereinbar und dürfen nie voneinander gelöst werden. Wenn die Liebe klug ist, kann sie auch die Mittel finden, um gemäß einer weitblickenden und gerechten Wirtschaftlichkeit zu handeln, wie viele Erfahrungen auf dem Gebiet der Kreditgenossenschaften deutlich unterstreichen.

Sowohl eine Regulierung des Bereichs, welche die schwächeren Subjekte absichert und skandalöse Spekulationen verhindert, als auch der Versuch neuer Finanzformen, die zur Förderung von Entwicklungsprojekten bestimmt sind, bedeuten positive Erfahrungen, die vertieft und gefördert werden müssen und zugleich an die Eigenverantwortung des Sparers appellieren. Auch die Erfahrung des Mikrofinanzwesens, das seine eigenen Wurzeln in den Überlegungen und Werken der bürgerlichen Humanisten hat – ich denke vor allem an das Entstehen der Leihhäuser –, muß bestärkt und ausgearbeitet werden, besonders in diesen Momenten, wo die Finanzprobleme für viele verwundbarere Teile der Bevölkerung, die vor den Risiken von Wucher oder vor der Hoffnungslosigkeit geschützt werden müssen, dramatisch werden können. Die schwächeren Subjekte müssen angeleitet werden, sich vor dem Wucher zu verteidigen. Ebenso sind die armen Völker darin zu schulen, realen Nutzen aus dem Mikrokredit zu ziehen. Auf diese Weise werden die Möglichkeiten von Ausbeutung in diesen zwei Bereichen gebremst. Da es auch in den reichen Ländern neue Formen von Armut gibt, kann das Mikrofinanzwesen Hilfen geben, neue Initiativen und Bereiche zugunsten der schwachen Gesellschaftsschichten selbst in Phasen einer möglichen Verarmung der Gesellschaft zu schaffen.“ (CiV 65)

Die Sozialenzyklika fordert eine Erneuerung der Strukturen und der Bestimmungen für die Funktionsweisen des Finanzwesens, die zum Ziel haben müssen, Vermögen zu schaffen, statt sie zu zerstören. Dies kann nur realisiert werden, wenn sich die Finanzwirtschaft wieder neu auf das zurückbesinnt, was ihre einzige Existenzberechtigung ist, nämlich nach ethischen Maßstäben als Werkzeug gebraucht zu werden, das die finanziellen Mittel unter angemessenen Bedingungen bereitstellt, die Volkswirtschaften, Unternehmen und der einzelne Mensch für die Weiterentwicklung benötigen. Dies beinhaltet auch die Gewährung von dringend benötigten Investitionskrediten, damit Unternehmen sich den Herausforderungen der Zukunft stellen können und damit ein nachhaltiges Konjunkturwachstum sichergestellt wird.

Mikrokredite auch in den Industrieländern
Gewinne an sich sind nichts verwerfliches, so lange angemessene Teile wieder der Allgemeinheit zu Gute kommen. Im Finanzwesen sollte deshalb ausdrücklich über die Vergabe von Mikrokrediten nachgedacht werden. Bei Mikrokrediten handelt es sich um Kleinkredite, die maximal einen vierstelligen Eurobetrag ausmachen und die Kleinunternehmern zu einem leichteren Start verhelfen. Leider ist es in der gegenwärtigen Praxis so, dass Kreditinstitute hier sehr zögerlich handeln. Während in Entwicklungsländern bereits Erfolge sichtbar werden, hält man sich in so genannten hoch entwickelten Volkswirtschaften weitgehend zurück. Viele Existenzgründungen werden verhindert, weil der Kapitalbedarf zu gering ist, um ein Engagement von Geschäftsbanken zu rechtfertigen. In diesem Bereich ist ein großes Umdenken notwendig, nämlich weg vom Shareholder Value und Rentabiltätszielen von 25 Prozent hin zur langfristigen Förderung des Allgemeinwohls durch die Unterstützung von notwendigen infrastrukturellen Maßnahmen. Dies gilt insbesondere auch für den Non-Profit-Bereich.

Eigentlich selbstverständlich, aber vor dem immensen Scherbenhaufen als Folge der Fehlentwicklungen im Finanzsektor leider immer noch erwähnenswert, ist die Aufforderung der Enzyklika, die Überlegungen zur Neustrukturierung so anzugehen, dass künftig sichergestellt bleibt, dass alle Finanzprodukte die Förderung der realen Wirtschaft zum Ziel haben müssen. Nur so kann nachhaltig garantiert werden, dass keine Schattensysteme mehr aufgebaut werden, deren Regeln und Konsequenzen von niemandem mehr verstanden werden, geschweige denn, dass die Mechanismen kontrolliert werden können. Die Zusammenhänge sind im Artikel Finanzkrise (Link zu Finanzkrise 2) dargestellt.

Die handelnden Personen werden aufgefordert, sich ihrer Verantwortung wieder vollumfänglich bewusst zu werden und die eigentliche ethische Grundlage ihres Handelns zu entdecken. Nicht der Profit ihres Institutes oder gar die eigene, durch fehlgeleitete Bonusprogramme begünstigte, persönliche Bereicherung dürfen im Vordergrund stehen, sondern ausschließlich das Wohl des Kunden. Dies wird nur durch eine vollständige Transparenz im Finanzsektor erreicht werden können. Einer Transparenz, die höchsten ethischen Ansprüchen genügen muss und offenlegt, ob ein Geldinstitut an seinen Investitionsempfehlungen verdient, welche Produkte warum empfohlen oder selbst aufgelegt werden und wie die hausinternen Provisions- und Bonussysteme und Kreditvergaberichtlinien aussehen. All dies sollte durch unabhängige Dritte jederzeit überprüft werden können. Nur indem die Verantwortlichen selbst ihre ethische Verpflichtung wahrnehmen, ja sie in letzter Konsequenz über den Profit selbst stellen, wird das Finanzsystem nachhaltig erfolgreich sein und Krisen, wie die in den Jahren 2007 bis 2009, nicht mehr drohen.

Auf dem ersten Blick werden viele geneigt sein, diese Forderungen als utopisch abzutun, da Wirtschaft und damit auch die Finanzwirtschaft eben gewissen Gesetzmäßigkeiten unterliegen und Profite als die einzige Existenzberechtigung eines Unternehmens sind. Diese Sichtweise zeigt allerdings nur, wie weit wir uns schon von einer gesunden Wirtschaftsdefinition entfernt haben. Langfristig am gesundesten und damit auch am erfolgreichsten sind nach wie vor die Unternehmen, die Geld lediglich als Mittel sehen, um gute Produkte anzubieten, die dem Käufer einen Mehrwert geben. Dies muss umso mehr für die Finanzwirtschaft gelten, der eine Schlüsselrolle für die Versorgung der Wirtschaft mit eben diesem Mittel zukommt. Leider stehen wir in diesem Wirtschaftszweig erst ganz am Anfang dieser Entwicklung, die sich in der übrigen Wirtschaft schon mehr und mehr durchgesetzt hat. Gerade die Bank- und Fondsmanager haben hier noch einiges zu lernen und bedürfen unserer nachhaltigen Unterstützung, auch und gerade durch Horizonterweiterungen von kirchlicher Seite, wie durch die jüngste Enzyklika.

 

Autor: Stefan Drägert