Sozialenzyklika 4

Was ist eigentlich das Neue? Die Liebe in die Abläufe der Wirtschaft übersetzt

Viel Neues bietet die Enzyklika der letzten Woche auf den ersten Blick nicht. Sie will auch ausdrücklich die Linie fortführen, die Paul VI. (Populorum Progressio 1967) und Johannes Paul II. (Centesimus annus 1991, die sich auf die Enzyklika Rerum novarum von Leo XIII. aus dem Jahr 1891 bezieht) weiterführen. Pius XI. hatte 40 Jahre später, 1931, die Enzyklika Quadragesimo anno, „40 Jahre später“ veröffentlicht. Die über hundertjährige Lehrverkündigung über die Fragen der Wirtschaft muss der Papst nicht revidieren. Aber er ist mehr als seine Vorgänger mit der Tatsache konfrontiert, dass die Probleme nicht geringer geworden sind. Es liegt nicht an den Prinzipien, sondern an der Kraft, diese umzusetzen. In der Mitte des Textes wird deutlich, warum die Enzyklika die „Liebe“ im Titel trägt. Diese wird von der „Erfahrung des „Geschenks“ her entwickelt. In Nr. 34 heißt es:

„Die Liebe in der Wahrheit stellt den Menschen vor die staunenswerte Erfahrung des Geschenks. Die Unentgeltlichkeit ist in seinem Leben in vielerlei Formen gegenwärtig, die aufgrund einer nur produktivistischen und utilitaristischen Sicht des Daseins jedoch oft nicht erkannt werden. … Manchmal ist der moderne Mensch fälschlicherweise der Überzeugung, der einzige Urheber seiner selbst, seines Lebens und der Gesellschaft zu sein. Diese Überheblichkeit ist eine Folge des egoistischen Sich-in-sich-selbst-Verschließens und rührt – in Begriffen des Glaubens gesprochen – von der Ursünde her. …… Die Überzeugung, sich selbst zu genügen und in der Lage zu sein, das in der Geschichte gegenwärtige Übel allein durch das eigene Handeln überwinden zu können, hat den Menschen dazu verleitet, das Glück und das Heil in immanenten Formen des materiellen Wohlstands und des sozialen Engagements zu sehen. Weiter hat die Überzeugung, dass die Wirtschaft Autonomie erfordert und keine moralische „Beeinflussung“ zulassen darf, den Menschen dazu gedrängt, das Werkzeug der Wirtschaft sogar auf zerstörerische Weise zu missbrauchen. Langfristig haben diese Überzeugungen zu wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Systemen geführt, die die Freiheit der Person und der gesellschaftlichen Gruppen unterdrückt haben und genau aus diesem Grund nicht in der Lage waren, für die Gerechtigkeit zu sorgen, die sie versprochen hatten. ….. die christliche Hoffnung (ist) …. ein kraftvolles Potential im Dienste der umfassenden Entwicklung des Menschen darstellt, die in der Freiheit und in der Gerechtigkeit gesucht wird. ….“

Diese theologischen Aussagen werden in Nr. 35 in Beziehung zu dem Marktmechanismen gesetzt.

Der Markt ist, wenn gegenseitiges und allgemeines Vertrauen herrscht, die wirtschaftliche Institution, die die Begegnung zwischen den Menschen ermöglicht, welche als Wirtschaftstreibende ihre Beziehungen durch einen Vertrag regeln und die gegeneinander aufrechenbaren Güter und Dienstleistungen austauschen, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu befriedigen.“

Diese Funktion des Marktes funktioniert aber nur, wenn ein Weiteres hinzukommt, das die Tauschvorgänge am Markt selbst nicht hervorbringen. So heißt es in der gleichen Nummer einige Zeilen weiter:

„Denn wenn der Markt nur dem Prinzip der Gleichwertigkeit der getauschten Güter überlassen wird, ist er nicht in der Lage, für den sozialen Zusammenhalt zu sorgen, den er jedoch braucht, um gut zu funktionieren. Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erfüllen. Heute ist dieses Vertrauen verlorengegangen, und der Vertrauensverlust ist ein schwerer Verlust.“

Benedikt kommt mit der Enzyklika zum Kern seiner Theologie, die um die Liebe zentriert ist. Seine erste Enzyklika war der Liebe gewidmet „Deus Caritas est“, “Gott ist die Liebe“

Das Prinzip „Liebe“ wendet die Sozialenzyklika mit Hilfe des Begriffs „Geschenk“ auf das Marktgeschehen an.

„Der Mensch ist für das Geschenk geschaffen, das seine transzendente Dimension ausdrückt und umsetzt.“

Vor dem Verdienst steht das Geschenk. Wenn dieses Geschenk angenommen wird, findet die Menschheit die Kraft, das aufzubauen, was viele Programme versprechen: Eine gerechtere Welt ohne Armut und Ausgegrenztheit.

In Nr. 71 zeigt der Papst, dass nur technisch inspirierte Lösungsversuche offensichtlich die Probleme nicht lösen:

„Häufig wird die Entwicklung der Völker als eine Frage der Finanzierungstechnik, der Öffnung der Märkte, der Zollsenkung, der Produktionsinvestitionen, der institutionellen Reformen – letztlich als eine rein technische Frage gesehen. Alle diese Bereiche sind äußerst wichtig, aber man muss sich fragen, warum die Entscheidungen technischer Art bis jetzt nur einigermaßen funktioniert haben. Der Grund dafür muss tiefer gesucht werden. Die Entwicklung wird niemals von gleichsam automatischen und unpersönlichen Kräften – seien es jene des Marktes oder jene der internationalen Politik – vollkommen garantiert werden. Ohne rechtschaffene Menschen, ohne Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl nachdrücklich leben, ist die Entwicklung nicht möglich. …. Wenn sich die Verabsolutierung der Technik durchsetzt, kommt es zu einer Verwechslung von Zielen und Mitteln; der Unternehmer wird als einziges Kriterium für sein Handeln den höchsten Gewinn der Produktion ansehen; der Politiker die Festigung der Macht; der Wissenschaftler das Ergebnis seiner Entdeckungen. So geschieht es, dass oft unter dem Netz der Wirtschafts-, Finanz- oder politischen Beziehungen Unverständnis, Unbehagen und Ungerechtigkeiten weiterbestehen.“

Die Enzyklika sieht die Globalisierung positiv, als Weg zu einer tieferen Gemeinschaft. Im 5. Teil werden die einzelnen Themen nach den vorher aufgestellten Prinzipien durchdekliniert.

Offene Märkte nach den Prinzipien von Subsidiarität und Solidarität in Nr. 58,  Entwicklungshilfe in Nr.59-60, Bildung und Tourismus in Nr.61, Arbeit und Arbeitslosigkeit in Nr.63, Gewerkschaften in Nr.64, Finanzwesen in Nr. 65, Verbraucher in Nr. 66, internationale Organisationen in Nr. 67.

Die Lektüre der Enzyklika ist vielleicht deshalb schwierig, weil immer wieder theologische Überlegungen mit wirtschaftlichen verknüpft werden. Vor allem die ausführliche Darstellung des Zusammenhangs von Liebe und Wahrheit im ersten Teil lässt erst einmal fragen, was diese Überlegungen mit den Problemen der Globalisierung und der Finanzmärkte zu tun haben. Folgt man aber der Linie, die durch das Prinzip „Liebe“ und den daraus abgeleiteten Vorrang des sich als „geschenkt Erfahrens“ gezogen wird, sieht man, dass die Enzyklika immer wieder aufzeigt, dass die Probleme des internationalen Wirtschafts- und Finanzsystem nicht systemimmanent behoben werden können, sondern nur durch „Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl nachdrücklich leben“.

So ist die Enzyklika, trotz vieler eindeutiger Forderungen, eher ein inspirierendes Dokument. Sie ist insofern neu, als sie von dem Grundsatz abweicht, mit der Herausstellung der Würde der Person als oberstem Maßstab für die Ordnung der Märkte und die richtige Anwendung der Prinzipien der Gerechtigkeit ließen sich die Probleme lösen. Ohne die Gültigkeit der Prinzipien aufzuweichen, plädiert Benedikt XVI. für eine spirituelle Kraft. Nicht nur kehrt die Religion im Zusammenhang mit der Sinnfrage zurück, auch die Märkte, die von der Volkswirtschaft mathematisch vermessen werden, brauchen die spirituelle Kraft der Religionen. S. Nr. 55, 56

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ