Sozialenz. 3 Wertorientierung

Wertorienitert entscheiden auf der Basis der katholischen Soziallehre

Eine Wirtschaft braucht Wertgrundlagen, sonst kann sie ihre Krisen nicht meistern. Sie braucht weiter Unternehmer und Manager, die nicht nur Firmen aufbauen und Märkte gestalten, sondern ihr Handeln langfristig anlegen und sich damit an Werten orientieren müssen. Die katholische Soziallehre bietet für die Wertorientierung eine solide Grundlage. Im letzten päpstlichen Lehrscheiben werden diese Zusammenhänge mehrfach angesprochen. Das zeigen einige Zitate aus Caritas in Veritate, Sozialenzyklika Benedikts XVI.

„Die ganzheitliche menschliche Entwicklung setzt die verantwortliche Freiheit der Person und der Völker voraus: keine Struktur kann diese Entwicklung garantieren, wenn sie die menschliche Verantwortung beiseite läßt oder sich über sie stellt.“ (Nr. 17)

Ohne solidarische und von gegenseitigem Vertrauen geprägte Handlungsweisen in seinem Inneren kann der Markt die ihm eigene wirtschaftliche Funktion nicht vollkommen erfüllen. Heute ist dieses Vertrauen verlorengegangen, und der Vertrauensverlust ist ein schwerer Verlust.“ (Nr. 35)

„Die Soziallehre der Kirche ist der Ansicht, daß wahrhaft menschliche Beziehungen in Freundschaft und Gemeinschaft, Solidarität und Gegenseitigkeit auch innerhalb der Wirtschaftstätigkeit und nicht nur außerhalb oder »nach« dieser gelebt werden können. Der Bereich der Wirtschaft ist weder moralisch neutral noch von seinem Wesen her unmenschlich und antisozial. Er gehört zum Tun des Menschen und muß, gerade weil er menschlich ist, nach moralischen Gesichtspunkten strukturiert und institutionalisiert werden.“ (Nr. 36)

„Die Soziallehre der Kirche hat immer bekräftigt, daß die Gerechtigkeit alle Phasen der Wirtschaftstätigkeit betrifft, da diese stets mit dem Menschen und mit seinen Bedürfnissen zu tun hat. Die Beschaffung von Ressourcen, die Finanzierung, die Produktion, der Konsum und alle übrigen Phasen haben unvermeidbar moralische Folgen. So hat jede wirtschaftliche Entscheidung eine moralische Konsequenz. All das bestätigt sich auch in den Sozialwissenschaften und in den Tendenzen der heutigen Wirtschaft.“ (Nr. 37)

„Zugleich wächst aber auch das Bewußtsein für die Notwendigkeit einer weiterreichenden „sozialen Verantwortung“ des Unternehmens. Auch wenn nicht alle ethischen Konzepte, die heute die Debatte über die soziale Verantwortung des Unternehmens bestimmen, aus der Sicht der Soziallehre der Kirche annehmbar sind, so ist es doch eine Tatsache, daß sich eine Grundüberzeugung ausbreitet, nach der die Führung des Unternehmens nicht allein auf die Interessen der Eigentümer achten darf, sondern muß auch auf die von allen anderen Personenkategorien eingehen, die zum Leben des Unternehmens beitragen: die Arbeitnehmer, die Kunden, die Zulieferer der verschiedenen Produktionselemente, die entsprechende Gemeinde.“ (Nr. 40)

„Antworten auf die tiefsten moralischen Ansprüche des Menschen haben auch wichtige und wohltuende Auswirkungen auf wirtschaftlicher Ebene. Die Wirtschaft braucht nämlich für ihr korrektes Funktionieren die Ethik; nicht irgendeine Ethik, sondern eine menschenfreundliche Ethik. Heute spricht man viel von Ethik im Bereich der Wirtschaft, der Finanzen und der Betriebe. Es entstehen Studienzentren und Ausbildungsgänge für business ethics; in der Welt der hochentwickelten Länder verbreitet sich im Gefolge der rund um die soziale Verantwortung des Betriebs entstandenen Bewegung das System der ethischen Zertifikate.“ (Nr. 45)

„Die Entwicklung wird niemals von gleichsam automatischen und unpersönlichen Kräften – seien es jene des Marktes oder jene der internationalen Politik – vollkommen garantiert werden. Ohne rechtschaffene Menschen, ohne Wirtschaftsfachleute und Politiker, die in ihrem Gewissen den Aufruf zum Gemeinwohl nachdrücklich leben, ist die Entwicklung nicht möglich. Sowohl die berufliche Vorbereitung wie die moralische Konsequenz sind vonnöten.“ (Nr. 71)

Umsetzung:
Wertebewusstsein entsteht im Miteinander von Menschen, Menschen, die sich an Werten orientieren, zeigen, dass Werte Sinn stiften und den einzelnen unabhängiger von aktuellen Strömungen und Meinungstrends machen. Wertbewusstsein basiert letztlich auf der Akzeptanz von Werten, nämlich dass Werte aus sich heraus Gültigkeit beanspruchen können.

Für die Umsetzung können in einem ersten Ansatz folgende Schlussfolgerungen gezogen werden:

  1. Werte müssen kommuniziert werden und Menschen müssen über ihre Wertvorstellungen ins Gespräch kommen.
  2. Werte kommen in Entscheidungssituationen zum Tragen.
  3. Werte brauchen Menschen, die von den Werten überzeugt sind, um anderen, die sich an Wertvorstellungen erst herantasten, Orientierung und Unterstützung geben können.

Zu 1: Wenn die katholische Soziallehre als Grundlage dienen soll, dann genügen nicht Vroträge, die diese Lehre darstellen, sondern Auseinandersetzung mit den Wertvorgaben. Dafür können methodisch Pro- und Contra-Diskussionen, Fallbeispiele und das Durchspielen von Entscheidungssituationen eingesetzt werden.

Zu 2: Im unternehmerischen Handeln kommt es auf Entscheidungen an. Wenn mit den Entscheidungen nicht nur technische oder organisatorische, sondern Werte-Fragen berührt werden, braucht es eine Klärung, welche Werte im Spiel sind. Meist müssen Werte gegeneinander abgewogen werden. Das könnten Unternehmensberater eines neuen Typs leisten, die eben für das Abwägen von Werten in Entscheidungssituationen ausgebildet sind.

Zu 3: Wertehaltungen brauchen Protagonisten, die gezeigt haben, welche Sinnerfüllung und auch welcher langfristige Unternehmenserfolg durch Wertorientierung gewonnen werden kann. Diese müssten auch bereit sein, vor jüngeren Managern und Unternehmern zu sprechen und sich auch für Interviews und öffentliche Diskussionen zur Verfügung stellen.

Hinweis:
Die katholischen Sozialethiker haben bisher kaum den einzelnen Unternehmer und seine Entscheidungen im Blick, sondern verstehen sich eher als Politikberater für Parteien wie für Gewerkschaften. Im Unterschied dazu haben sich viele katholische Moraltheologen in der medizinischen Ethik engagiert und sind auch Mitglieder in Ethikkommissionen von Kliniken. Diese Ethik-Kommissionen könnten als Modell dienen.

Es sollten unter den Nachwuchskräften der Sozialethik gesucht werden, wer sich für eine ethische Unternehmensberatung qualifizieren will. Ebenso sollt im Kreis der Unternehmensberater nach Personen gesucht werden, die ihr Beratungskonzept durch Werte untermauern wollen.

Text der Sozialenzyklika

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ