Sozialenz. 2 Geschenkcharakter

Schenken als Basis der Wirtschaft

In der bisherigen Soziallehre wurde das gewinnorientierte Wirtschaftsleben einer ethischen Reflexion unterzogen. Wer am Wirtschaftsleben teilnimmt, will „gewinnen“, entweder durch Lohnsteigerungen oder durch Dividenden für Aktien bzw. Zinsen von Sparbriefen oder Rentefonds. Aber viele Menschen arbeiten, ohne Gewinne zu erwarten, z.B. als Entwicklungshelfer, in Kleiderkammern oder an Tafeln vor Wohlfahrtsverbänden. In seiner Sozialenzyklika bezieht Benedikt XV. diese nicht am Gewinn orientierte Arbeit ein und weitet sogar den Rahmen der Überlegungen, indem er das Schenken zur Basis wirtschaftlicher Überlegungen macht.

Der Papst unterscheidet drei Bereiche, wenn es um den Austausch von Gütern geht: Einmal die auf Gewinn ausgerichteten Firmen, als zweites den Non-Profit-Bereich, also die sozialen, kirchlichen und Bildungseinrichtungen. Als drittes jedoch, betont er die Kultur des Schenkens. Dieser letzte Bereich soll sozusagen die Grundlage des Güteraustauschs bilden. Das überrascht, denn auch die meisten katholischen Sozialethiker gehen davon aus, dass der Austausch von Gütern und Dienstleistungen gegen Geldzahlung und nicht das Schenken die Basis der Wirtschaft darstellt. Wenn ein Gewinn erwirtschaftet wird, dann kann man mit dem Überschuss, der durch wirtschaftliches Handeln zustande kommt, Non-Profit-Einrichtungen und kirchliche Hilfswerke „schenkend“ unterstützen. Diese neue Blickrichtung, nämlich zuerst das in den Blick zu nehmen, was wir unentgeltlich haben, ist deshalb interessant und notwendig, weil unter der Hand immer mehr Bereiche des menschlichen Zusammenlebens unter die Regulierung des Geldes geraten sind. Auf den ersten Blick scheint das auch sinnvoll. Denn wenn Frauen arbeiten, vor allem gut Ausgebildete, dann brauchen sie Tagesmütter, Kinderkrippen, Kindergärten, Ganztagsbetreuung in Schulen und andere Hilfen. So schaffen sie Arbeitsplätze. Die Überantwortung vieler solcher Beziehungen und Tätigkeiten an professionelle Anbieter und damit an die Regulierung durch Geld, hat aber nicht dazu geführt, dass wir genug Geld hätten. Das Ergebnis ist vielmehr ein Defizit in den Sozialkassen. Dies schlägt sich in steigenden staatlichen Zuschusszahlungen nieder und die Haushalte von Bund, Ländern und Kommunen geraten in ein immer größeres Minus. Zu diesem Sachverhalt macht Papst Benedikt XVI. in der Enzyklika Caritas in veritate vom 7. Juli 2009 die grundsätzliche Aussage:

„Das Wirtschaftsleben braucht ohne Zweifel Verträge, um den Tausch von einander entsprechenden Werten zu regeln. Ebenso sind jedoch gerechte Gesetze, von der Politik geleitete Mechanismen zur Umverteilung und darüber hinaus Werke, die vom Geist des Schenkens geprägt sind, nötig. Die globalisierte Wirtschaft scheint die erste Logik, jene des vertraglich vereinbarten Gütertausches, zu bevorzugen, aber direkt und indirekt zeigt sie, dass sie auch die anderen beiden Formen braucht, die Logik der Politik und die Logik des Geschenks ohne Gegenleistung.“ (Nr. 37)

Die Non-Profit-Unternehmen
Wenn die globalisierte Wirtschaft wie auch privates und persönliches Verhalten auf dem Prinzip der Geldvermehrung gründet, führt dies den eigenen Ruin herbei. Es braucht Werthaltungen, in die das gewinnorientierte Handeln der Unternehmen eingebunden ist, damit sie das Geldsystem nicht in immer bedrohlichere Krisen steuert. Ein stabilisierender Faktor sind die nicht auf Gewinn ausgerichteten Unternehmen. Dazu heißt es in der gleichen Enzyklika:

„Es bedarf daher eines Marktes, auf dem Unternehmen mit unterschiedlichen Betriebszielen frei und unter gleichen Bedingungen tätig sein können. Neben den gewinnorientierten Privatunternehmen und den verschiedenen Arten von staatlichen Unternehmen sollen auch die nach wechselseitigen und sozialen Zielen strebenden Produktionsverbände einen Platz finden und tätig sein können. Aus ihrem Zusammentreffen auf dem Markt kann man sich erhoffen, dass es zu einer Art Kreuzung und Vermischung der unternehmerischen Verhaltensweisen kommt und dass in der Folge spürbar auf eine Zivilisierung der Wirtschaft geachtet wird. Liebe in der Wahrheit bedeutet in diesem Fall, dass jenen wirtschaftlichen Initiativen Gestalt und Struktur verliehen wird, die den Gewinn zwar nicht ausschließen, aber über die Logik des Äquivalenzprinzips und des Gewinns als Selbstzweck hinausgehen wollen.“ (Nr. 38)

Das Beschenktsein als Basis des GüteraustauschsDie beiden Wirtschaftsformen, die auf Gewinn zielenden und die auf sozialen Nutzen ausgerichteten Unternehmen, finden in der Ethik des Schenkens ein noch tiefer liegenderes Wertfundament. Es setzt da an, wo auch der Mensch beginnt. Er findet sich erst einmal lebend in einer reichen Natur und in der Gemeinschaft der Menschen vor. Daraus leitet der Papst die Logik des Schenkens ab. Am Ende des Abschnitts geht es um die wichtige Antriebskraft menschlichen Handelns, die Hoffung. Sie wird in ihrem Geschenkcharakter herausgestellt. Hierzu wieder die Enzyklika Caritas in veritate:

„Die Liebe in der Wahrheit stellt den Menschen vor die staunenswerte Erfahrung des Geschenks. Die Unentgeltlichkeit ist in seinem Leben in vielerlei Formen gegenwärtig, die aufgrund einer nur produktivistischen und utilitaristischen Sicht des Daseins jedoch oft nicht erkannt werden. Der Mensch ist für das Geschenk geschaffen, das seine transzendente Dimension ausdrückt und umsetzt. Manchmal ist der moderne Mensch fälschlicherweise der Überzeugung, der einzige Urheber seiner selbst, seines Lebens und der Gesellschaft zu sein. Die Überzeugung, sich selbst zu genügen und in der Lage zu sein, das in der Geschichte gegenwärtige Übel allein durch das eigene Handeln überwinden zu können, hat den Menschen dazu verleitet, das Glück und das Heil in immanenten Formen des materiellen Wohlstands und des sozialen Engagements zu sehen. Weiter hat die Überzeugung, dass die Wirtschaft Autonomie erfordert und keine moralische „Beeinflussung“ zulassen darf, den Menschen dazu gedrängt, das Werkzeug der Wirtschaft sogar auf zerstörerische Weise zu missbrauchen. Langfristig haben diese Überzeugungen zu wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Systemen geführt, die die Freiheit der Person und der gesellschaftlichen Gruppen unterdrückt haben und genau aus diesem Grund nicht in der Lage waren, für die Gerechtigkeit zu sorgen, die sie versprochen hatten. … Man entfernt auf diese Weise die christliche Hoffnung aus der Geschichte,  die jedoch ein kraftvolles Potential im Dienste der umfassenden Entwicklung des Menschen darstellt, die in der Freiheit und in der Gerechtigkeit gesucht wird. Die Hoffnung ermutigt die Vernunft und gibt ihr die Kraft, den Willen zu lenken. Nr. 86, 87

Sie ist bereits im Glauben gegenwärtig, von dem sie geradezu geweckt wird. Die Liebe in der Wahrheit nährt sich aus ihr und macht sie zugleich sichtbar. Da die Hoffnung ein völlig unentgeltliches Geschenk Gottes ist, tritt sie als etwas Ungeschuldetes in unser Leben herein, das über jedes Gesetz der Gerechtigkeit hinausgeht. Das Geschenk übertrifft seinem Wesen nach den Verdienst, sein Gesetz ist das Übermaß. Es kommt uns in unserer Seele zuvor als Zeichen der Gegenwart Gottes in uns und seiner Erwartung an uns. Die Wahrheit, die wie die Liebe ein Geschenk ist, ist, so lehrt der heilige Augustinus, größer als wir.“ Nr. 88

Auch die Wahrheit über uns selbst, über unsere eigene Erkenntnis, ist uns zu aller erst „geschenkt“. Denn in jedem Erkenntnisvorgang wird die Wahrheit nicht von uns erzeugt, sondern immer gefunden, oder besser, empfangen. Die Wahrheit kommt wie die Liebe »nicht aus Denken und Wollen, sondern übermächtigt gleichsam den Menschen«.“ (Nr. 34)

Die natürliche Umwelt als Geschenk
Die Natur, die der Mensch vorfindet, kann er als eine Art Steinbruch verstehen, dessen er sich bedient. Die Natur kann aber auch so verstanden werden, dass sie der menschlichen Selbstverwirklichung erst die Möglichkeiten gibt. Somit ist sie das Geschenk, auf das der Mensch zuerst mit Dank antwortet, es dann verwendet und auch davon weiterschenken kann. Zum Geschenkcharakter der Natur führt Papst Benedikt XVI. in der genannten Enzyklika aus:

„Das Thema Entwicklung ist heute stark an die Verpflichtungen gebunden, die aus der Beziehung des Menschen zur natürlichen Umwelt entstehen. Diese Beziehung wurde allen von Gott geschenkt. Der Umgang mit ihr stellt für uns eine Verantwortung gegenüber den Armen, den künftigen Generationen und der ganzen Menschheit dar. Wenn die Natur und allen voran der Mensch als Frucht des Zufalls oder des Evolutionsdeterminismus angesehen werden, wird das Verantwortungsbewusstsein in den Gewissen schwächer. Der Gläubige erkennt hingegen in der Natur das wunderbare Werk des schöpferischen Eingreifens Gottes, das der Mensch verantwortlich gebrauchen darf, um in Achtung vor der inneren Ausgewogenheit der Schöpfung selbst seine berechtigten materiellen und geistigen Bedürfnisse zu befriedigen. Wenn diese Auffassung schwindet, wird am Ende der Mensch die Natur entweder als ein unantastbares Tabu betrachten oder, im Gegenteil, sie ausbeuten. Beide Haltungen entsprechen nicht der christlichen Anschauung der Natur, die Frucht der Schöpfung Gottes ist.“ (Nr. 48)

 

Der Geschenkcharakter von allem wurzelt in der Liebe Gottes
Die Begründung für die grundlegende Bedeutung des Geschenks findet sich bereits am Beginn der Enzyklika folgender Passus:

„Liebe ist der Hauptweg der Soziallehre der Kirche. Jede von dieser Lehre beschriebene Verantwortung und Verpflichtung geht aus der Liebe hervor, die nach den Worten Jesu die Zusammenfassung des ganzen Gesetzes ist (vgl. Mt 22, 36-40). Sie verleiht der persönlichen Beziehung zu Gott und zum Nächsten einen wahren Gehalt; sie ist das Prinzip nicht nur der Mikro-Beziehungen – in Freundschaft, Familie und kleinen Gruppen –, sondern auch der Makro-Beziehungen – in gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen. Für die Kirche ist – vom Evangelium her – die Liebe alles, denn, wie uns der heilige Johannes lehrt (vgl. 1 Joh 4, 8.16) und ich in meiner ersten Enzyklika in Erinnerung gerufen habe: »Gott ist Liebe« (Deus caritas est): Aus der Liebe Gottes geht alles hervor, durch sie nimmt alles Gestalt an, und alles strebt ihr zu. Die Liebe ist das größte Geschenk, das Gott den Menschen gemacht hat, sie ist seine Verheißung und unsere Hoffnung.“ (Nr. 2)

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ