Finanzkrise 3

Europäische Banken und der amerikanische Immobilienboom

In Finanzkrise 2 wurde dargelegt, wie die US Banken den Immobilienboom in den USA dazu genutzt haben, um Immobilienfinanzierungen zu kreieren, die am Beginn ihrer Laufzeit so weit herunter gerechnet wurden, dass sich eine monatliche Belastung ergab, die es Vielen erst ermöglichte, eine Immobilie zu erwerben. Dies gelang nur, weil die Kreditinstitute in der Anfangszeit lediglich geringe oder gar keine Zinsen berechneten. Sobald die Kredite später regulär verzinst wurden, konnte das Gros der Kreditnehmer die monatlichen Raten nicht mehr leisten und mussten zusätzliche Kredite in Anspruch nehmen. Eine Schuldenspirale nahm Ihren Anfang und führte oft zum Verlust der Immobilie. Wie konnte das aber europäische Banken in eine existenzbedrohende Krise stürzen, so dass sie durch staatliche Garantien vor dem Bankrott bewahrt werden mussten?

Ohne Beteiligung europäischer Banken war das Modell lediglich ethisch unsauber, weil es das Risiko allein auf den Kreditnehmer abwälzte und blieb auf die Vereinigten Staaten begrenzt. Aber diese Kreditvergabepolitik löste eine immense Nachfrage aus, die schließlich so groß wurde, dass die US-Banken bald nicht mehr genug Eigenkapital hatten, um weitere Hypotheken zu gewähren. Also verbrieften sie die Darlehen, d.h. sie verkauften sie an Endkunden und Kreditinstitute weiter. Zu diesem Zweck wurden neue Gesellschaften, sog. Zweckgesellschaften gegründet, in denen diese Kredite gebündelt wurden. Gemeinsam mit den Ratingagenturen, die dafür ihre angestammte Rolle als unabhängige Bewertungsinstanzen von Firmen und Finanzprodukten regelwidrig verließen, wurde ein Mix aus Krediten an Schuldnern mit guter Bonität und Risikokrediten gefunden, der so strukturiert war, dass die Agenturen noch gute Ratings vergeben konnten. Diese Kredite wurden dann in die Zweckgesellschaften eingelegt. Danach verkauften die Banken Anteile dieser Zweckgesellschaften, so genannten MBS (Mortage Backed Securities), an Abnehmer in der ganzen Welt weiter. Mit den Erlösen konnten die US Banken weitere Hypothekenkredite nach dem oben genannten Muster vergeben. 

Die MBS Wertpapiere wurden von den Erwerbern oft wieder in extra dafür gegründete Gesellschaften eingebracht und als CDO (Collateralized Debt Obligation) weiterveräußert. Da der Phantasie der Finanzjongleure keine Grenzen gesetzt wurden, versteht es sich fast von selbst, dass ein und derselbe Kredit und damit ein und die selbe Sicherheit mehrfach verkauft wurden.

Ob MBS oder CDO, am Ende wurden Anteile an Gesellschaften oder Immobilienfonds weiterveräußert, die wegen des fälschliche guten Ratings der Agenturen auch von Banken gern gekauft wurden. Die Kaufentscheidung wurde maßgeblich vom guten Rating in Verbindung mit der Tatsache beeinflusst, dass am Schluss der Kette ja Grundvermögen als Sicherheit stand. Niemand wusste, dass die Ratingagenturen diese Finanzprodukte aktiv mit gestaltet hatten und damit in ihrer Bewertung nicht mehr neutral waren. Eine Entscheidung mit fatalen Folgen, wie sich später durch das Platzen der Immobilienblase und der damit einhergehenden weltweiten Finanzkrise herausstellen sollte.

Der Erwerb der Anteile an den Immobiliengesellschaften war eben kein Geschäft ohne Risiko, wie es neben den Bankmanagern zumindest auch die nationalen Aufsichtsbehörden sahen. In Deutschland unterliegen Banken mit ihren verschiedenen Geschäftsbereichen strengsten Regularien. Unter anderem dürfen sie nur bis zu einer gewissen Höhe in Relation zu ihrem Eigenkapital Kredite vergeben. Im Gegensatz zu einer direkten Kreditvergabe an einen Darlehensnehmer war die notwendige Eigenkapitalquote für den Erwerb von MBS-Papieren nicht zuletzt wegen der guten Ratings deutlich geringer. Mit dem gleichen Eigenkapital konnten, bei vermeintlich gleicher Sicherheit, also deutlich mehr solcher Wertpapiere erworben werden, als die Bank hätte Hypothekenkredite vergeben können. Im Vergleich zum konventionellen Kreditgeschäft winkte eine deutlich höhere Rendite und damit einhergehend ein deutlich höherer Unternehmensgewinn, der oft alleinige Bemessungsgrundlage der jährlichen persönlichen Bonuszahlungen der Investmentbanker war. 

Wenn selbst hochrangige Bankmanager bei der Einschätzung des Risikos solcher US-Papiere so dramatisch daneben lagen, dass weltweit mehrere Billionen Euro notwendig wurden, um das Bankensystem zu retten, sollte es uns eine Warnung sein, unsere Anlageentscheidungen mit Bedacht zu treffen. Wir sollten nur in Aktien, Wertpapiere, Derivate und Fonds investieren, deren Geschäftsmodelle oder Anlagekriterien für uns nachvollziehbar sind. Nicht alles, was komplex verschachtelt ist, bürgt für mehr Sicherheit. Oft ist das Gegenteil der Fall.

Autor: Stefan Drägert