Finanzkrise 2

Die Praxis der Hypothekenvergabe in Banken

In Finanzkrise 1 wurde als Ursache, die Krise so bedrohlich gemacht hat, die Suche nach kurzfristigen Gewinnen herausgearbeitet. Diese Kreditgeschäfte konnten nur über Banken vermittelt und abgewickelt werden. Welche Rolle haben sie konkret gespielt?

Beschäftigt man sich mit der Finanzkrise, stößt man mit Notwendigkeit auf die Frage, welche Verantwortung das Finanzwesen, also die Banken, die Versicherungen, die Hedgefonds und Ratingagenturen an der Krise tragen. Sind sie Opfer nur noch kurzfristig denkender Anleger oder selbst Hauptverursacher der Krise? Bereits im Finanzkrise 1 wurde deutlich, dass jeder der Marktbeteiligten eine Mitverantwortung an der Krise trägt: Der Anleger, der überzogene Renditeerwartungen hat und seine Anlageentscheidungen nahezu ausschließlich anhand kurzfristiger Kriterien trifft, die Medien, die diese Kurzfristigkeit unterstützen und Unternehmen kaum Zeit für langfristige Entwicklungen lassen, aber eben auch die Banken und institutionellen Anleger, die diesen Druck schüren und für ihre Zwecke ausnutzen.

Die Rollenverteilung in der Finanzwirtschaft ist allerdings nicht so eindeutig, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte. Hier finden wir sowohl Verursacher als auch Opfer, wobei die Zahl der Opfer deutlich überwiegt. Die Krise nahm ihren Anfang in den USA, genauer gesagt in einer zügellosen Vergabe von Krediten im Subprime Markt, also an Marktteilnehmer mit unterdurchschnittlicher Bonität zum Erwerb einer eigenen Immobilie. Selbstverständlich ist gegen eine Kreditvergabe an einkommensschwächere Personen zur Finanzierung von Wohneigentum nichts auszusetzen. Im Gegenteil, diese Praxis sollte beibehalten und gefördert werden und erfüllt nicht zuletzt auch Forderungen der katholischen Soziallehre. Allerdings erfordert dieser Markt ein sehr verantwortungsvolles Vorgehen der Banken und eine intensive Betreuung des laufenden Kreditengagements.

Im konkreten Fall war die Motivation der Kreditinstitute nicht so selbstlos, wie es auf den ersten Blick erscheinen mag. Diese Kredite wurden aus einem fehlgeleiteten Profitstreben vergeben, obwohl für die beteiligten Banken ersichtlich war, dass eine Rückzahlung durch die Mehrheit der Kreditnehmer unmöglich sein würde. Das Einkommen dieser Gruppe reichte nicht aus, um neben den monatlichen Zinszahlungen einen zusätzlichen Tilgungsdienst zu leisten. Aus diesem Grunde wurden Finanzierungen kreiert, die unter die viel sagende Überschrift "Affordability Products" fallen, also angepasste Finanzprodukte, die es vielen Kunden überhaupt erst ermöglichten, eine Immobilie zu erwerben. Damit sie den Kredit vertragsgemäß bedienen konnten, wurden beispielsweise für einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren die Tilgungen ausgesetzt. Reichte dies immer noch nicht aus, wurde für den Beginn der Laufzeit ein sehr niedriger Zinssatz vereinbart, der deutlich unter dem jeweiligen Marktzins lag. Erst das machte es für viele überhaupt möglich, eine Immobilie zu erwerben. Was die Kreditnehmer allerdings nicht realisierten war, dass die niedrigen Eingangszinsen kurzfristig an den aktuellen Marktzins angepasst und sich damit die monatliche Belastung drastisch erhöhen würde. Das geschah in dem Moment, als die amerikanische Notenbank den Zinssatz erhöhte und damit Hypotheken und Kredite verteuerte. Dies zog oftmals zusätzliche Kreditaufnahmen nach sich, mit der Folge einer negativen Amortisierung, also eines stetigen Ansteigens der Kreditsumme.

Die beteiligten Institute sahen für sich kein Risiko, im Gegenteil, sie waren davon überzeugt, dass ihr Geschäftsmodell überdurchschnittliche Renditen erwirtschaften würde, bei denen die subventionierten Zinsen zur Beginn der Laufzeit nicht ins Gewicht fielen. Denn der US-Immobilienmarkt boomte. Die finanzierten Immobilien wurden der Bank selbstverständlich als Sicherheit abgetreten. Sollte der Schuldner in Zahlungsverzug kommen, würde eine Verwertung der Immobilie neben der Rückzahlung des eigentlichen Kredits auch die fälligen Strafzinsen und Entschädigungen abdecken. Aus Sicht der Banker war das Engagement für die Bank also in jedem Fall profitabel. Diese Annahme setzte allerdings voraus, dass der US Immobilienmarkt bei stetig ansteigenden Immobilienpreisen ständig weiter wachsen würde. Nur unter dieser Prämisse wäre sichergestellt, dass die Verkaufspreise von Immobilien aus not-leidenden Verträgen alle Kosten deckten und den Immobilienmarkt nicht verstopfen würden.

Natürlich hatte sich diese Annahme nicht erfüllt. Wie in unzähligen Immobilienblasen vorher auch fiel das System in sich selbst zusammen, führte zu einem dramatischen Rückgang der Immobilienpreise und damit zu hohen Kreditausfällen. Die Krise wäre jedoch im Wesentlichen auf die USA beschränkt geblieben, hätten die beteiligten Banken nicht mit Unterstützung der Ratingagenturen diese Kredite international weiterveräußert. Dazu mehr im nächsten Beitrag.

Autor: Stefan Lesting