Arbeitsplatzabbau

Betriebswirtschaft kostet Arbeitsplätze

Seit Jahrzehnten steigen die Arbeitslosenzahlen, der Sockel der Langzeitarbeitslosen wird mit jeder Krise höher. Die etwa alle sieben Jahre hereinbrechenden Krisen, 2000 der Technologiemarkt, 2007 der Finanzmarkt, erhöhen jeweils die Arbeitslosenzahl drastisch.

Die Schaffung von Arbeitsplätzen wird immer wieder beschworen. Aber was geschieht, ist das Gegenteil. Der Mechanismus lässt sich auf 90 Zeilen beschreiben. Die FAZ berichtet am 2.6.2010.

Der Computerkonzern Hewlett-Packard gibt am 1.6.2010 die Streichung von 9.000 Stellen bekannt. Als Gründe werden genannt.

  1. Man will in den kommenden drei bis vier Jahren eine Milliarde Dollar an Kosten sparen.
  2. „Das Unternehmen arbeitet derzeit mit einer am Umsatz gemessenen operativen Gewinnmarge von etwas weniger als 10 Prozent. Der Vorstand peilt für die kommende Quartale an, die Marge in den zweistelligen Prozentbereich vordringen zu lassen.“
  3. „Mit der Ankündigung vom Dienstag erwartet der Vorstandschef Hurd einen Aufschwung für den Kurs der Aktie. Der hatte im bisherigen Jahresverlauf mehr als 10 Prozent nachgegeben.
  4. „HP hatte in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmen gekauft.“

Der Bericht in der FAZ ist wohlwollend geschrieben. Offensichtlich tut Hewlett-Packard das Richtige. Was ist nach der geltenden Lehre richtig?

Zu 1:
Die Ausgaben für Löhne sind Kosten, die es zu reduzieren gilt. Betriebswirtschaftlich konsequent würde ein Unternehmen dann geführt, wenn nur noch das Management bezahlt werden müsste, während das, was das Unternehmen an Produkten produziert oder an Dienstleistungen bereitstellt, mit möglichst geringen Personalkosten, am besten ohne Ausgaben für Lohn, belastet wäre.

Es gibt bereit solche Firmen, die dieses betriebswirtschaftliche Ziel erreicht haben. In einer kostengünstig betriebenen Brotfabrik braucht es nur einen Mann, um einen Backautomaten zu bedienen, der in einer Schicht 60.000 Brötchen herstellt.

Dass ein Unternehmen durch seine Mitarbeiter Produkte herstellt oder Dienstleistungen anbietet, dass die Produktivität eines Unternehmens von den Mitarbeitern abhängt, kommt in einer betriebswirtschaftlichen, am Börsenwert orientierten Betrachtung nicht in den Blick und bestimmt das unternehmerische Handeln nicht oder zu wenig.

Zu 2:
Der Abbau von Arbeitsplätzen führt zu einem höheren Gewinn. Dieser hat Konsequenzen für den Börsenwert:

Zu 3:

Ein höherer Gewinn lässt den Kurs der Aktie steigen. Damit kann das Unternehmen mit einer Emission neuer Aktien mehr Geld hereinholen.

Zu 4:
Der Ankauf von Firmen ist aus zwei Gründen betriebswirtschaftlich sinnvoll:

  • Man muss nicht in die Entwicklung neuer Produkte und Angebote investieren, sondern kauft diese mit kleineren, bereits erfolgreichen Unternehmen. Neuentwicklungen werden so ohne Risiko finanzierbar.
  • Unternehmenskäufe ermöglichen den Abbau von Arbeitsplätzen, so im Rechnungswesen, im mittleren Management und indem einzelne Sparten geschlossen oder zusammengelegt werden.

Zur Ehrenrettung von HP muss man allerdings sagen, dass das Unternehmen in den Servicebereich, nämlich die Abwicklung von Computerleistungen für andere Unternehmen, investieren und dafür auch den Außendienst um 6.000 Stellen aufstocken will.

Der Abbau von Arbeitsplätzen liegt in der Logik betriebswirtschaftlichen Denkens
Warum folgt aber aus betriebswirtschaftlichem Denken der Abbau von Arbeitsplätzen notwendig? Betriebswirtschaft zielt auf die möglichst kostengünstige Organisation von Arbeitsabläufen. Betriebswirte sind nicht erfolgreich, wenn sie viele Arbeitsplätze schaffen, sondern wenn sie möglichst viele abbauen. Denn das wird von der Börse belohnt. Was die Mitarbeiter nicht an Lohn bekommen, fließt in den Gewinn. Deshalb belohnt die Böser seit Jahren Entlassungen. Wenn ein Unternehmen die Gewinnmarge erhöhen will, holt man McKinsey ins Haus. Die Berater stellen regelmäßig fest, dass es zu viele Gehaltsempfänger gibt. Wenn McKinsey das feststellt, braucht das Management die Order nur umzusetzen. Wenn Unternehmen zugekauft werden, kann man leichter Arbeitsplätze reduzieren, zumindest bei den Firmen, die zugekauft wurden.

Im großen Stil hat das die westdeutsche Industrie nach der Wiedervereinigung gemacht. Firmen im Osten, die als mögliche Konkurrenten galten, wurden aufgekauft und dann die Arbeitskräfte abgebaut. In den neuen Bundesländern wären Industriestandorte dann erhalten geblieben, wenn man, wie die ehemalige DDR, weiter in die ehemaligen Staaten des COMECON hätte exportieren können. Für die Versorgung der mitteldeutschen Bevölkerung reichten die Kapazitäten der alten Bundesrepublik.

Der Abbau von Arbeitsplätzen wird im gängigen Unternehmens- und Finanzmarktmodell allerdings erst durch die Börse forciert. Wer Arbeitsplätze abbaut, kann mit einem höheren Börsenwert für sein Unternehmen rechnen. Das Modell ruht auf einem so sicheren Konsens, dass es auch von den Gewerkschaften nicht anzweifelt wird. Es hat den Status eines naturwissenschaftlichen Gesetzes erhalten. Manager, die erfolgreich sein wollen, müssen den Börsenwert, also den Aktienkurs ihres Unternehmens steigern und dafür müssen sie Arbeitsplätze abbauen.

Mehr Arbeitsplätze schaffen mehr Wohlstand
Weil das betriebswirtschaftliche Denken allgemein akzeptiert ist, kann man sich gar nicht mehr vorstellen, dass der Mensch die Wirtschaft auch anders gestalten könnte. Dazu ein Gegenbeispiel aus dem 12. Jahrhundert. 1098 wurde in Citeaux in Burgund die erste Zisterzienserabtei gegründet. 1112 trat Bernhard von Clairvaux mit einer Gruppe von 30 jungen Adeligen in dieses Kloster ein. Diese Gründergeneration war so erfolgreich, dass es zu Lebzeiten Bernhards (1090-11539) zu 300 Gründungen kam. Ende des 13. Jahrhunderts waren es 700 Abteien. Meist wird der Erfolg dieser neuen Klosteridee unter religiösen Gesichtspunkten gesehen. Zisterzienserklöster waren aber auch sehr erfolgreiche Betriebe. Sie verstanden sich auch als landwirtschaftlichen Unternehmen mit Viehzucht, Fischteichen, Apotheken. Ein Graf, der ein Zisterzienserkloster auf seinem Territorium gründete, hatte ein erfolgversprechendes Unternehmen angesiedelt. Zwar diente der wirtschaftliche Erfolg erst einmal der Eigenversorgung der Mönche bzw. Nonnen, aber die Abtei führte durch ihre wirtschaftlichen Aktivitäten zu einem Aufschwung der Gegend. Zudem wurden viele Arbeitskräfte beschäftigt. Da die Äbte der Zisterzienserklöster sich jährlich trafen, war der Orden wie später die Franziskaner und Dominikaner ein transnationales Unternehmen mit finanziell eigenständigen Niederlassungen. Wäre der Orden nach heutigen betriebswirtschaftlichen Prämissen geführt worden, hätte man jede Abtei durch Entlassung von Ordensangehörigen verschlankt, um so den Gewinn zu erhöhen. Damals gab es jedoch noch keine Ratingagenturen und Börsen, die das erzwungen hätten. Der Erfolg der Zisterzienser lag gerade darin, dass sich immer mehr junge Männer und Frauen dem Unternehmensziel verschrieben. Das gilt auch heute noch für religiöse Gemeinschaften. Jeder, der sich anschließt, macht das Unternehmen stärker. Wahrscheinlich liegt das daran, dass Klöster nicht nach dem Gewinnprinzip geführt werden, sondern sich der Ausbreitung einer Lebensidee verschrieben haben, die zudem wirtschaftlich erfolgreich ist. Zu dieser Erkenntnis kehrt das Marketing langsam zurück. Man verkauft nicht mehr Produkte, sondern einen Lebensstil. Das gilt nicht nur für die Tourismusbranche, die eben italienische Lebensart oder karibische Strände verkauft, sondern auch für Parfumhersteller und Computerfirmen. Ein Wirtschaftssystem kann auch anders aufgebaut sein als das, was der Kapitalismus sich geschaffen hat.

Ein anderes Beispiel sind die Pizzerien. Es gibt mehr Arbeitskräfte als man Restaurants in Italien betreiben könnte. So sind viele Italiener ins Ausland gegangen. Das ist ein anderes als das deutsche Exportmodell. Wir verlagern Arbeitsplätze ins Ausland und machen im Inland qualifizierte Mitarbeiter arbeitslos. Die Italiener haben Menschen ins Ausland geschickt, die mit einem italienischen Produkt in ganz Europa Arbeit gefunden haben.

Der volkswirtschaftliche Widersinn der Betriebwirtschaft
Die von den Börsen angetriebene und von Betriebswirtschaftlern exekutierte Unternehmensorganisation wird wie ein Naturgesetzt verkündet. Folgt man der Evolutionstheorie, wird diese Unternehmensstruktur nicht überleben können, denn sie verschwendet Ressourcen:

  1. Arbeitslose mindern den Erfolg der gesamten Volkswirtschaft
    Alle Mitglieder eines Staates, die nicht arbeiten, reduzieren das Bruttosozialprodukt. Zudem liegen die Sozialleistungen unter dem Arbeitseinkommen, so dass die Arbeitslosen auch über weniger Kaufkraft verfügen. Würden diejenigen, die arbeiten können, ausreichend qualifiziert und motiviert, würde der Wohlstand aller steigen.
    Nach der herrschenden Lehre wird Wohlstand dadurch gemehrt, dass Arbeitsprozesse effektiver gestaltet werden und mehr Maschinen zum Einsatz kommen. Die höhere Effektivität ermöglicht es immer noch, Arbeitslosigkeit zu finanzieren. Jedoch wäre der Erfolg der gesamten Wirtschaft noch höher, wenn mehr Menschen produktiv sein könnten, es würden mehr Produkte hergestellt und mehr Dienstleistungen angeboten. Eine Arbeitsorganisation, die kompetente Arbeitskräfte freisetzt, weil z.B. die Fabrikation ins Ausland verlegt wird, beraubt sich der Schaffenskraft von Menschen, die den Wohlstand mehren würden.

  2. Die Folgekosten der betriebswirtschaftlichen Unternehmensführung
    Entlassungen führen zu höheren Ausgaben der Sozialkassen. Nicht nur muss der Lebensunterhalt von Arbeitslosen finanziert werden, sie zahlen auch keine Renten- und Krankenkassenbeiträge aus eigenem Verdienst. Es entstehen auch höhere Krankheitskosten, bedingt durch eine depressivere Lebenseinstellung. Zudem wachsen in Familien Arbeitsloser Kinder auf, die meist sehr viel weniger gefördert werden und später keine so guten beruflichen Leistungen erbringen werden.

  3. Die Infrastrukturkosten steigen
    Betriebswirtschaftliches Denken hat nicht nur zum Abbau von Arbeitsplätzen geführt, sondern auch zur Reduzierung der Lagerbestände. Stattdessen wurde die Lagerhaltung in Form von Lastwagenkolonnen auf die Autobahn verlegt. Weil „just in time“ direkt ans Fließband geliefert wird, kommt es weiter zur Verlagerung des Güterverkehrs von der Bahn auf die Straße. Die Investitionen in das Gleisnetz werden damit nur unzureichend amortisiert.

Der langfristige Erhalt von Firmen

Betriebswirtschaftliches Denken, das sich an den Börsenkursen orientiert, ist kurzfristig, auf den jeweiligen Quartalsgewinn hin angelegt. Auch Familienunternehmen können einem kurzfristigen Denken verfallen, wenn nämlich die Familienmitglieder hohe Gewinnausschüttungen erwarten und daher zu wenig in Forschung und Mitarbeiterqualifikation investiert wird. Aktionäre denken ähnlich. Sie wollen den schnellen Gewinn, nicht den Erhalt der Firma. Ein Aktionär kann ja seine Anteile schnell verkaufen, wenn die Firma weniger erfolgreich ist.

Es bedarf also wie bei Familienunternehmen auch bei Aktiengesellschaften einer anderen Perspektive als die, die sich am kurzfristigen Gewinn orientiert.

Bei einer längerfristigen Perspektive werden die Mitarbeiter dann der Hauptfaktor des Unternehmenswertes. Ihre Qualifikation und Motivation sichert das Überleben und die bleibende Gewinnausschüttung eines Unternehmens. Erst die Wissensbilanz macht Aussagen über die mittelfristige Zukunft eines Unternehmens

Das Resumee der Analyse. Mit dem heute vorherrschenden Denken über wirtschaftlichen Erfolg wird es nicht zum Abbau der Arbeitslosigkeit kommen.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ