Zölibat

Zölibat - oder Religion und Sex

Mit kaum einem Thema bringt sich die katholische Kirche so ins Gespräch wie mit der Auflage, Priester müßten ehelos leben. Nicht nur die Mehrzahl der Katholiken, sondern viele andere, die sich wegen des Themas eigentlich nicht aufregen müssten, fühlen sich aufgerufen, zu der Frage Stellung zu nehmen. Obwohl es so selbstverständlich scheint, dass der Zölibat abgeschafft werden muß, hat sich das Thema der aktuellen Diskussion noch nicht verabschiedet. Die katholische Kirche geht mit dem Zölibat ein hohes Risiko ein, vor allem in einer Gesellschaft, die sexuelle Kontakte sehr erleichtert hat und in der Partnerbörsen und Kontaktanbahnungen über das Internet lohnende Geschäftsfelder sind. Ist es da nicht viel besser, die Priester leben im Schutz einer ehelichen Partnerschaft. Viele Priester haben dann auch in den letzten Jahren geheiratet und mussten auf Grund des kirchlichen Gesetzes ihr priesterliches Amt aufgeben. Als noch die Mehrzahl der Bürger aus wirtschaftlichen Gründen nicht heiraten konnte, war der Zölibat einer der Söhne oder der Ordensberuf der jungen Frau sinnvoll, sollte der elterliche Hof nicht noch weiter unter den Erben aufgeteilt werden. Viele haben als Knechte und Mägde bei ihrem Bruder gearbeitet oder waren im elterlichen Betrieb tätig, ohne Aussicht, einmal einen eigenen Hausstand gründen zu können. In einem solchen gesellschaftlichen Umfeld war der Zölibat eine sinnvolle Alternative. Ehelosigkeit mit einer bestimmten Berufsausübung zu verbinden, erscheint uns heute als Eingriff in die Persönlichkeitsrechte. Keinem Arbeitgeber wird mehr zugestanden, dass er Auflagen für die private Lebensführung aussprechen darf. Auch Krankenschwestern wählen mit ihrem Berufsziel nicht mehr wie noch in den sechziger Jahren die Ehelosigkeit. Und wer erinnert sich noch, dass die eigene Mutter oder Großmutter als Lehrerinnen bei ihrer Heirat aus dem Staatsdienst ausscheiden mussten? Die Zeiten sind vorbei und doch hält die katholische Kirche an der Ehelosigkeit für ihre Priester fest, anstatt für eine klare Regelung zu sorgen, die für alle gilt, ob für Priester oder Laien. Ist es nicht zwiespältig, wenn dieselbe Kirche auf der einen Seite die Ehe so in den Himmel hebt, dass sie anders als Lutheraner und Calvinisten, die Ehe zu einem Sakrament erklärt, also die Ehe zu etwas Heiligem erklärt. Das passt eigentlich zum Katholizismus, der ja sinnenfreudig ist und im Barock die Leiblichkeit nicht wie in der Gotik verklärt, sondern erotisch dargestellt hat. Auf der anderen Seite ist dann die Ehelosigkeit ein großes Ideal, für Männer wie für Frauen. Nichts scheint aus der Sicht dieser Kirche erstrebenswerter als ein Leben im Kloster oder als zölibatär lebender Priester. Sind nun die ehelos Lebenden oder die Eheleute dem Himmel näher? Von Jesus ist nicht bekannt, dass er die Ehe abgelehnt hätte, so wie es die Katharer im 11.Jahrhundert taten. Diese hatten die Vorstellung, dass die Seelen glücklich im Himmel leben und nicht aus dieser Existenz herausgerissen werden sollten, nur weil Menschen Lust auf Sex haben. Sie nannten sich deshalb die Reinen – Katharer. Für Juden und damit auch für Jesus war es sonnenklar, daß Kinder ein Geschenk Gottes sind und unter keinen Umständen zurückgewiesen werden dürfen. Das hören die Katholiken von ihren Päpsten und Bischöfen, wenn es nämlich um Empfängnisverhütung und Abtreibung geht. Allerdings findet sich die Aufforderung, ehelos zu leben, in den von Jesus überlieferten Worten. Er hat allerdings keine Forderung für alle ausgesprochen, sondern erklärt: „Manche sind von Geburt an zur Ehe unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht, und manche haben sich selbst dazu gemacht um des Himmelreiches willen. Wer das erfassen kann, der erfasse es.“ Matthäus 19,12

Ob Ehe oder Ehelosigkeit, die katholische Kirche verwickelt sich immer in die Zeitläufe und die gerade herrschenden Vorstellungen. Wenn alle heiraten wollen, dann steht sie damit deutlich quer zum Zeitgeist. Wenn die Gesellschaft immer mehr Singles hervorbringt, dann ist der Zölibat auch keine erstrebenswerte Lebensform.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ