Worte genügen nicht

Katholiken sind mit Worten allein nicht zufrieden. Es muss noch etwas dazu kommen. Wenn sie sonntags in den Gottesdienst gehen, dann wollen sie nicht nur eine Predigt hören, sondern die Hostie empfangen. Bei einer Weihe muss die Hand aufgelegt werden, bei der Taufe genügt nicht das Wasser, sondern das Kind muss gesalbt und natürlich muss eine Kerze angezündet werden. Das Jawort der Eheleute bei der Hochzeit genügt nicht oder eine Unterschrift wie auf dem Standesamt, es kommen die Ringe hinzu. Auch genügt nicht der Segen des Priesters über den Bund, den sich die Eheleute als Sakrament gespendet haben, der Priester oder Diakon muss die Hände der Brautleute mit seiner Stola umwinden, dann ist es erst der richtige Brautsegen. Wenn Katholiken eine Kirche betreten, dann genügt nicht eine Verneigung, nein, sie müssen sich mit Wasser bekreuzigen und eine Kniebeuge machen. Die vielen Beobachtungen zeigen, dass das Heilige erst richtig angekommen ist, wenn es den Körper berührt. Wasser muss auf der Haut spürbar sein, es muss gesalbt, die Hostie muss im Mund gespürt werden.

Im Mittealter setzten sich große Pilgerströme in Bewegung, um ÞReliquien zu besuchen. Die Wallfahrt galt aber erst als gelungen, wenn man die Knochen des Heiligen oder den Stein des Sarkophags berührt hatte. Heute noch ziehen den ganzen Tag Pilgerströme über den Hochaltar der Kathedrale in Santiago de Compostella, um eine Kopfbüste des Apostels Jakobus zu berühren.

Eigentlich fängt dieser Wunsch, etwas mit den Händen zu tun und zu berühren, bei der Krippe an. Sicher haben die Hirten das Kind berührt, vielleicht auch geküsst. In mittelalterlichen Frauenklöstern gab es den Brauch, dass die Schwestern das Jesuskind in den Armen wiegen durften. Das ist auch dem modernen Menschen bei allen hygienischen Ängsten und der Achtung auf körperliche Distanz noch selbstverständlich. Ein Baby nimmt man auf den Arm. Da die Babys und kleinen Kinder das gerne haben, kommt auch keine Distanz auf. Hat nicht Gott mit der Geburt im Stall in Bethlehem den körperlichen Kontakt selbst gesucht? Seitdem kann man das Heilige wirklich anfassen. So sind die Hirten nicht in stiller Meditation auf dem Feld geblieben, als sie vom Engel hörten, dass in ihrer Stadt der Messias geboren worden sei. Sie sind schnell zu der Krippe gelaufen um zu sehen und anzufassen. Sicher geht man als Katholik in die Kirche, um das Wort Gottes zu hören, sonst verstände man die Zeichen auch gar nicht. Aber damit es dann richtig ankommt, muss man die Hostie empfangen, Wasser auf der Haut spüren, gesalbt werden. Wenn sich die Mitglieder der Familie bei morgendlichen Aufbruch gegenseitig segnen, sogar mit etwas ÞWeihwasser, dann ist der Segen auch wirklich angekommen.

 

 

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ