Weihrauch

Von der Kuppel der Kathedrale von Santiago de Compostella hängt ein riesiges Rauchfass, das am Ende der Pilgermessen durch das Querschiff geschwungen wird. Mehrere Kirchenschweizer sind notwendig, um über ein Seil das Fass zu bewegen, so dass es hoch durch den Kirchenraum schwingt. Eine einfache Erklärung für den Brauch ist die Geruchswirkung des Weihrauchs. Pilger kommen verschwitzt an ihrem Wallfahrtsziel an. Weihrauch gehört aber nicht nur an Wallfahrtorten zum Empfang der Pilger, sondern gibt in der katholischen und wie der orthodoxen Liturgie dem Gottesdienst eine feierliche Note. In Deutschland war nach der Liturgiereform im Jahr 1969 der Weihrauch weitgehend aus dem Kirchenraum verschwunden. Dahinter stand wohl der Verdacht, dass die Geruchsstoffe die Gemüter vernebeln und den Verstand ausschalten, damit dieser leichter zur Annahme der Glaubenswahrheiten überredet werden kann. Inzwischen haben die Priester die Verstandesstrenge etwas gemildert, mit der alles katholische Brauchtum in den siebziger Jahren auf magische und allzu volkstümliche Bestandteile abgeklopft wurde. Gewinner der Rückkehr sind die ÞMessdiener, die jetzt wieder die anspruchsvollste Aufgabe ausüben können, nämlich nicht nur das Rauchfass zu schwingen, sondern zu inzensieren. Das geschieht u.a. in der Messe am Ende der Gabenbereitung. Der Priester hat das Rauchfass über Ziborium und Kelch geschwungen und den Altar inzensiert. Er gibt den Messdienern das Rauchfass. Diese schwingen es dreimal in Richtung des Priesters, dann zu den anderen im Altarraum und treten dann vor den Altar, um die Gemeinde zu inzensieren, d.h. sie schwingen das Rauchfass nicht einfach, um die Kohle am Glühen zu erhalten, sondern heben das Rauchfass in Brusthöhe und schwingen es von der Brust weg in Richtung dessen, der inzensiert werden soll. Mit der Inzenz wird der einzelne geehrt, nämlich in seiner Würde als Teilnehmer am Gottesdienst.

Es sind jeweils zwei Messdiener, die für das Rauchfass zuständig sind. Einer trägt es, schwingt es und inzensiert, der andere hat den Weihrauch in einer Metallbüchse, die wie ein kleines Schiff geformt ist und daher Schiffchen heißt. Natürlich ist der Status desjenigen höher, der das Rauchfass schwingt. In der Fachsprache heißt er Thuriferar, lateinisch „der das Rauchfass trägt“. Thuribulum heißt das Rauchfass, ferre ist das Verb für tragen. Oft wird das lateinische Wort Thuriferar im deutschen auf Thurifer verkürzt. Aber auch er oder sie, wenn eine Messdienerin in der Hierarchie so weit aufgestiegen ist, dürfen nicht selbst den Weihraum aus dem Schiffchen mit einem kleinen Löffelchen auf die glühende Kohle in das Fass legen. Das ist dem Priester bzw. Bischof vorbehalten.

Das Rauchfass wird nicht während des gesamten Gottesdienstes im Kirchenraum geschwungen, sondern nur am Beginn, wenn der Priester während des Eingangsliedes den Altar mit dem Rauchfass umschreitet und das Kreuz inzensiert, dann bei der Evangelienprozession. Der Diakon oder der Priester inzensieren das Evangelienbuch. Während der Wandlung inzensiert der Thurifer, mit dem Schiffchenträger vor dem Altar kniend, die heiligen Gaben.

Bei Andachten kommt der Weihrauch auch zum Einsatz, beim Segen mit der Monstranz wird die Monstranz inzensiert, wie bei der Wandlung in der Messe knien die beiden Messdiener in einigem Abstand. Bei der Vesper wird Weihrauch geschwungen, wenn das Magnifikat gesunden wird.

Der Einsatz des Weihrauchs zeigt, dass es sich um eine Geste der Verehrung handelt. Im Orient gehörte der Weihrauch zum Begrüßungszeremoniell für den Kaiser und Gesandtschaften. So wird im Gottesdienst der Altar als Symbol für Christus durch Weihrauch verehrt, das Evangelienbuch, das Jesus in seinen Worten repräsentiert, die gewandelten Gaben, Priester, Altardiener wie auch die Gemeinde.

Der aufsteigende Rauch wird schon im Alten Testament als Bild für das Gebet gesehen. In Psalm 141,2 heißt es „Wie ein Rauchopfer steige mein Gebet vor dir auf.“ Ähnlich lesen wir im letzten Buch der Bibel, in der Geheimen Offenbarung über die Verehrung Gottes im himmlischen Thronsaal: „Alle trugen Harfen und goldene Schalen voll von Räucherwerk, das sind die Gebete der Heiligen.“ Kap 5,8. Im Himmel ist der Weihrauch nur noch reiner Duft und mischt sich nicht mehr mit dem Geruch schwitzender Menschen.

Weihrauch wird aus dem Harz des Olibanum-Baums gewonnen, der auf der arabischen Halbinsel wächst. Das Harz kann durch andere Duftstoffe angereichert werden. Weihrauch wurde schon im alten Ägypten zu kultischen Zwecken eingesetzt und hat wegen seiner desinfizierenden Wirkung auch eine Bedeutung in der Heilkunde gehabt.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ