Wahrheitsethos

In protestantischen Ländern gelten Steuersünden nicht als Kavaliersdelikt, sondern eben als „Sünden“. So sieht es nicht nur der Finanzminister gern, sondern auch das Moralverständnis vieler evangelischen Christen. Den Aussagen von Protestanten kann man auch mehr glauben als den von Katholiken – im Allgemeinen.

Was die Steuermoral betrifft, hängt das in den USA und anderen, vom Calvinismus geprägten Ländern sicher auch damit zusammen, dass die Menschen das Gemeinwesen aufgebaut haben und sich nicht als Untertanen fühlen, früher der Fürsten, heute des Staates.

Da die verschiedenen Reformatoren gegen eine nicht mehr glaubhafte, von vielen Mißständen gezeichnete spätmittelalterlichen Kirche „protestieren“, liegt im Protestantismus ein Pathos der Wahrhaftigkeit, nämlich wieder auf der Kern der Sache zu kommen – und das ist schon im Neuen Testament der Glaube. Da die Protestanten die bisherigen kirchlichen Autoritäten ablehnten, mussten sie eine andere Basis für ihre Kirchengründungen finden. Das war die Bibel. Da die Bibel darauf zielt, in ihr das Erlösungshandeln Gottes zu erkennen, wird mit der Herausstellung der Heiligen Schrift auch der Glaube besonders betont.

Die Lektüre der Bibel und ihre genaue Untersuchung mit den jeweils zur Verfügung stehenden Methoden der Literaturwissenschaften haben den protestantischen Theologen über viele Jahrzehnte einen Vorsprung, vor allem in der an deutschen Fakultäten betriebenen Bibelwissenschaft, geführt. Die katholischen Bibelwissenschaftler haben erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den evangelischen Kollegen aufgeschlossen.

Allerdings macht die Konzentration auf die wissenschaftliche Erforschung der Bibel den Protestantismus verletzlich, mehr als den Katholizismus. Als sich nämlich herausstellte, dass der Schöpfungsbericht keine Reportage der Ereignisse ist, sondern eine sinnbildliche Erzählung, die den Aufbau der Schöpfung in das Wochenschema einpasst, begann die Frage, wie glaubwürdig die biblischen Texte als historische Quelle überhaupt sind. Besonders schwierig sind die Berichte von den Erscheinungen Jesu nach seiner Kreuzigung. Sind es nur Phantasien der Frauen gewesen, die Jesus als leiblich von den Toten auferstanden sahen, mit denen sie die Jünger dann noch angesteckt haben oder handelt es sich um historisch verifizierbare Ereignisse? Da Jesus nicht in diese Welt zurückgekehrt ist, sind die Erscheinungen nicht physikalisch, z.B. mit einem Fotoapparat, dokumentierbar. Was ist wirklich geschehen? Diese Frage treibt die Forschung bis heute um. Der dem Wahrheitsprinzip verpflichtete Forscher wird eher dazu neigen, den Realitätsgehalt der Erscheinungen nicht so herauszustellen. Der katholische Kollege ist in gleicher Weise den Prinzipien der Wissenschaft verpflichtet und wird den Sachstand der Forschung darlegen. Als Mitglied der Kirche wird er sich aber ebenso vom Glauben der Gemeinschaft getragen fühlen.

Das katholische Glaubensbewusstsein setzt zwar auch auf den einzelnen, aber nicht nur. Es gibt für den Katholiken den „Glauben der Kirche“, der unabhängig vom Individuum besteht. Er beginnt bei den Aposteln. Ihre Berichte, ihr „Zeugnisgeben“, wie die Bibel es sagt, ist die Basis. Diese haben schon einmal geglaubt und nach ihnen die Märtyrer, die mit ihrem Leben Zeugnis für den Glauben abgelegt haben. Wenn die Apostel von der Tatsache der Auferstehung überzeugt waren, dann wird man sich auf ihr Zeugnis verlassen können, auch wenn der biblische Befund, wie sich die Wissenschaft auszudrücken pflegt, nicht so einfach in eine beweisbare Behauptung, wie sie die Naturwissenschaften verlangen, umzusetzen ist. Anders ist die Bedeutung der Kirche für den Glauben des evangelischen Christen. Für ihn hat sie höchstens eine nachrangige Bedeutung. Deshalb ist der Protestant bei seiner Wahrheitssuche ganz auf sich gestellt. Neben dem „puritanischen“ Ursprung der Reformation, die alles überflüssige mittelalterliche Beiwerk wegschneiden wollte, ist das Wahrheitsethos auch ein Zug, der den Protestantismus strenger erscheinen lässt. Der Katholik kann schon eher etwas im Unbestimmten lassen und abwarten, wie die Forschung sich entwickelt. Liegt dem evangelischen Christen eine wissenschaftliche Erkenntnis vor, die einen bisherige Glaubensüberzeugung in Frage stellt, dann muss er dieser Wahrheit folgen und, das haben nicht wenige Theologieprofessoren getan, Sätze des Glaubensbekenntnisses in Abrede stellen.

Natürlich spielt der Glaube als einer der drei göttlichen Tugenden auch im katholischen Weltbild eine zentrale Rolle. Das von der katholischen Kirche herausgestellte Lehramt soll ja die Wahrheit Þunfehlbar verbürgen. Aber die Hoffnung und vor allem die Liebe als die beiden anderen göttlichen Tugenden werden ebenso hoch gehalten. Hier ist die Quelle für soziales Engagement zu sehen. Die Katholiken nehmen es da schon lockerer mit der Wahrheit, zumal sie sich gerne auf den Satz zurückziehen: „Die Liebe deckt eine Menge Sünden zu;“ der von Paulus stammt. Aber im Ganzen ist die katholische Seele nicht so von einem strikten Wahrheitsanspruch bestimmt wie die evangelische. Mal etwas an der Wahrheit vorbei zu reden, ist für den Katholiken nicht so ehrrührig wie für den evangelischen Mitchristen. Hinzu kommt das für Außenstehende schwierige Verhältnis, das die Katholiken zur Lehrautorität des Papstes pflegen. Die deutschen Katholiken reagieren da protestantischer als z.B. die italienischen. Diese billigen dem Papst zu, dass er sagt, was verboten und erlaubt ist und an was man zu glauben hat. Der Papst darf sich um die objektive katholische Welt bemühen, die subjektive sieht dann anders aus. Gerade in sexualethischen Fragen wird das deutlich. Während die deutschen Katholiken vom Papst erwarten, dass er die Richtlinien lockert, wenn die Vorstellungen über den Stellenwert der Sexualität sich in der Gesellschaft verschieben, gehen andere Länder mehr oder weniger darüber hinweg. Sie halten es gut aus, dass ihre Praxis von der offiziellen Lehre ihrer Kirche ein gutes Stück abweicht. Das empfindet der protestantische Geist als unwahrhaftig. Wort und Tat müssen übereinstimmen. So kommt der Eindruck von Doppelmoral der Katholiken zustande, der aber erst einmal nur darauf beruht, dass der Vatikan von bestimmten Grundsätzen nicht abweicht und seinen Gläubigen auch nicht entgegenkommt, selbst wenn er weiß, dass die Katholiken es mit der Umsetzung verpflichtender Normen nicht immer ernst genug nehmen. Um der Wahrhaftigkeit willen würde der Protestant und mit ihm viele deutsche Katholiken dafür plädieren, die Lehre mehr der Praxis anzugleichen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ