Visitationen

Der Chefarzt im Krankenhaus macht eine Visite. Das Wort kommt vom lateinischen Wort „visitare“, besuchen. Als die katholische Kirche noch mehr den lateinischen Wortschatz pflegte, bedeutete das Wort „Visite“ in manchen Ordensgemeinschaften, zu einem kurzen Gebet in die Kapelle oder Kirche zu gehen. Man besucht Jesus, der in den konsekrierten Hostien im Tabernakel gegenwärtig ist.

Im Unterschied zu Visiten sind Visitationen Besuche von Aufsichtspersonen. Sie finden in der katholischen Kirche regelmäßig statt, meist besucht der Bischof oder ein Weihbischof die Gemeinden eines Dekanates. Das Kirchenrecht verlangt solche regelmäßigen Visitationen nach spätestens 5 Jahren. Der visitierende Bischof spricht mit den Seelsorgern, den Gremien, Pfarrgemeinderat und Kirchenvorstand, besucht den Bürgermeister und spendet meist die Firmung. Zugleich dient die Visitation der Überprüfung der Finanzen und der kirchlichen Bauten.

Das Gleiche kennen Orden. So sind in den Seelsorgsorden Visitationen, die auch Visiten genant werden, durch den jeweiligen Provinzialoberen üblich.

Bei Visitationen geht der Untergebene nicht zum Bischof oder Provinzial, sondern dieser kommt zu den Gemeinden oder Ordensgemeinschaften. Das ist erst einmal praktischer, denn es muss nur einer und nicht eine ganze Gruppe reisen. Der Hauptsinn einer Visitation wird durch den Besuch des Visitierenden jedoch dadurch erfüllt, dass dieser sich ein Bild von den Verhältnissen, bis hin zu den Finanzen und dem Zustand der Bauten, machen kann. So wird mit den Visitationen erreicht, dass der Standard in Liturgie, Gemeindentwicklung, sozialem Engagement, Unterricht und die Qualität der Leitung in Augenschein genommen und Verbesserungen vereinbart werden können.

Dass Bischöfe ihre Gemeinden besuchen, ist nun keine neue Erfindung. Sie wird von dem Apostel Paulus berichtet, der als Apostel ja mehr als bischöfliche Autorität beanspruchte. In Apostelgeschichte 15,36 heißt es: „Nach einiger Zeit sagte Paulus zu Barnabas: Wir wollen wieder aufbrechen und sehen, wie es den Brüdern in all den Städten geht, in denen wir das Wort des Herrn verkündet haben.“ Damit beginnt die sog. zweite Missionsreise des Paulus.

Apostolische Visitationen gibt es heute auch noch. Sie werden bei gravierenden Problemen und Mißständen gibt durch einen vom Vatikan Beauftragten durchgeführt. Apostolisch werden sie heute deshalb genannt, weil sich Rom auf die Apostel Petrus und Paulus stützt.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ