Verbände

 

Der deutsche Katholizismus ist mit der ersten Demokratiebewegung 1848 aufgewacht. Bis dahin wurde er von dem jeweiligen Landesfürsten gegängelt. Diese waren mehrheitlich evangelisch, denn 1803 hatten die Bistümer und Abteien ihre Landgebiet und damit ihre Untertanen verloren. Da die Katholiken mehrheitlich unter geistlichen Fürsten gelebt hatten, wurden sie jetzt von evangelischen Herrscherhäusern regiert. Diese hatten bereits Jahrhunderte lang als Bischöfe der lutherischen Kirchen gehandelt. Das findet sich heute noch in dem Wort Landeskirche wieder. Dass der Bischof der Dienstvorgesetzte seiner Pfarrer war, passte nicht in den vom evangelischen Kirchenverständnis geprägten Umgang mit einer Religionsgemeinschaft der protestantischen Fürstenhäuser. So war es in manchen der deutschen Staaten Pflicht des Bischofs, Briefe an einen seiner Pfarrer von einer Regierungsstelle des Fürsten genehmigen zu lassen. Dieses Verständnis wurde auch dadurch unterstützt, dass nach dem Wiener Kongress 1815 die deutschen Bistümer so neu geordnet wurden, dass sie jeweils ein Fürstentum oder Königreich umfassten. Denn nach den napoleonischen Kriegen entstanden aus den 365 deutschen Staaten jeweils größere Einheiten, die aber auch von einem Fürsten oder König ohne demokratische Kontrolle regiert wurden.

Die erste deutsche Demokratiebewegung, die zum Parlament in der Frankfurter Paulskirche führte, wurde von den Katholiken wesentlich mitgetragen. Sie waren es auch, die in Form einer sehr viel größeren Kirchenfreiheit von der an sich fehlgeschlagenen friedlichen Revolution profitierten.

In der Zeit des Paulskirchenparlaments entstanden zuerst sog. Piusvereine für religiöse Freiheit. Mit Pius war der damalige Papst Pius IX. gemeint.

Diese Zusammenschlüsse der Katholiken waren nicht mehr von spirituellen oder caritativen Zielen geprägt, so wie die mittelalterlichen Bruderschaften oder die Gruppen, die um die Orden bestanden. Die neuen Verbände verfolgten meist sozialpolitische Ziele. Die Katholiken organisierten sich in dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken und dieses veranstaltete bereits 1848 in Mainz den ersten Katholikentag, der sich als Delegiertenversammlung der neu entstandenen Verbände verstand und als „Generalversammlung des katholischen Vereins Deutschlands“ einberufen worden war. Die Verbände bildeten damit die Basis für das Entstehen einer katholischen Partei, des Zentrums, einer katholischen Presse und katholischer Gewerkschaften. Das ist heute kaum vorstellbar, denn nach dem Zweiten Weltkrieg fühlen die Katholiken ihre Interessen durch die CDU vertreten, durch die wesentliche Bestandteile der katholischen Soziallehre in die Gesetzgebung umgesetzt wurden.

Die Verbände waren meist an Berufen oder bestimmten Lebenssituationen orientiert. Der Kolpingverband ist 1846 in Wuppertal aus dem Motiv entstanden, den jungen Männern, die vom Land in die Stadt kamen, eine Heimat zu geben und sie fortzubilden, damit sie auf Grund ihrer beruflichen Qualifikation in der Lage waren, eine Familie zu gründen. Die katholische Arbeitnehmerbewegung begann 1849 mit der Gründung eines Arbeitervereins in Regensburg, der Verband hat die Interessen der Fabrikarbeiter aufgegriffen. Die im Handel Beschäftigten sind bis heute im KKV, dem Katholischen Kaufmanns  organisiert, der 1877 gegründet worden ist.

Auch die Frauen haben sich organisiert. Die katholische Frauengemeinschaft ist mit 600.000 Mitgliedern der größte deutsche Frauenverband. Er ging aus den 1856 gegründeten christlichen Müttervereinen hervor. Der Katholische Deutsche Frauenbund, 1903 in Köln gegründet, hat die Bildung der Frauen als Ansatz gesehen. Mitglieder des Verbandes waren Reichstagsabgeordnete.

Die cartitativen Initiativen, die die Sozialprobleme der beginnenden Industriegesellschaft aufgriffen, organisierten sich in Verbänden. Diese schufen sich in1897 im Deutschen Caritasverband eine Dachorganisation.

Die Jugendbewegung, die vor dem 1.Weltkrieg begann und dann in der Weimarer Republik zu einer Massenbewegung wurde, führte zur Gründung katholischer Jugendverbände, die bis zur Aufhebung durch den Nationalsozialismus etwa 1Million Mitglieder hatten.

 

Auch wenn viele Verbände durch Priester gegründet wurden, sind die Verbände nicht Teil der kirchlichen Struktur. Sie organisieren sich allerdings entsprechend den kirchlichen Strukturen. Jeder Verband hat in fast jedem Bistum eine Diözesanorganisation so wie die Parteien und Gewerkschaften Landesverbände haben. Weiter gibt es in den Pfarreien örtliche Gruppen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ