Vatikanisches Konzil

Mentalitäswandel nach dem II. Vatikanischen Konzil

Wenn Katholiken, vor allem die ältere, tragende Schicht des Gemeindelebens gefragt werden, was für ihr religiöses Leben und ihr Engagement prägend ist, dann würde die Mehrheit sagen „Das Konzil“. Gemeint ist das II. Vatikanische Konzil, das in 4 Sitzungsperioden zwischen dem 11. Oktober 1962 und dem 8. Dezember 1965 stattfand. Das Konzil hat zu vielen Fragen wegweisende Dokumente verfasst, genauso wichtig ist aber seine emotionale Wirkung. Im Zusammenhang mit dem Konzil kam es zu einem Stilwandel des religiösen Lebens. So fühlen sich die Laien durch dieses Konzil aufgewertet, auch wenn sie in ihren ÞVerbänden bereits vorher eine große Eigenständigkeit hatten. Deutlichste Veränderungen im Alltag der Pfarreien war die Einführung der Muttersprache bei der Messe. Bis zum Konzil wurde die katholische Messe auf der ganzen Welt in Þlateinischer Sprache gefeiert, ausgenommen nur die ÞUnierten Kirchen. Zugleich wurden Katholiken, die sich für die Gestaltung von Gottesdiensten interessieren, an der Vorbereitung von Messen, vor allem der Kinder- und Familiengottesdienste, beteiligt.

Ein Zweites ist die Einrichtung eines gewählten Gremiums, das die seelsorglichen Aktivitäten mit trägt. Neben dem für Finanzen, Gebäude und Personal zuständigen ÞKirchenvorstand oder in Bayern Kirchenverwaltung genannt, ist der ÞPfarrgemeinderat Ausdruck, dass die Verantwortung für die Pfarreien nicht allein bei den Hauptamtlichen liegt, sondern von allen Gemeindemitgliedern mit getragen wird.

Darunter liegt noch eine Schicht, die seltener zur Sprache kommt, nämlich eine andere Beziehung zu Gott. Die katholische Mentalität war bis dahin mehr von der Strenge, dem Willen, Verpflichtungen nachzukommen geprägt und hatte auch ein Gottesbild, das mehr von einem strengen Richter ausging. Zwar war die Lebensführung nicht so strikt wie bei den reformierten Christen, aber es war doch eher der furchteinflößende Gott, wie ihn das 14. Jahrhundert (Þevangelisch-katholisch) gesehen hat. Die Katholiken, Priester wie Laien, hatten eher den strengen Vater vor Augen. Jesus wurde in der ÞHerz-Jesu-Verehrung mehr den Menschen zugewandt gesehen und bei Maria fühlte sich der Katholik mütterlich aufgehoben.

Der Jansenismus
Geprägt hatte die katholische Mentalität auch eine rigorose Grundströmung, der Jansenismus, eine Frömmigkeitsbewegung, die sich parallel zu der Entwicklung der reformatorischen Kirche in den katholischen Herzen ausbreitet. Blaise Pascal (1623-1662) steht als bekannteste Person für die Bewegung des Jansenismus. Diese rigorose Frömmigkeitsrichtung geht auf den belgischen Bischof Cornelius Jansen (1585–1638) zurück und hatte in Port Royal in Frankreich ihr Zentrum. Dass diese rigorose Frömmigkeitsrichtung den Katholiken damals nicht aufgezwungen werden musste, zeigen 18 Briefe Pascals, die er anonym veröffentlichte. Sie werden „Lettres provinciales“ genannt, ihr vollständiger Titel lautet „Briefe von Louis de Montalte an einen befreundeten Provinzler sowie an die Jesuiten über die Moral und die Politik dieser Patres“ Pascal setzt sich unter dem Pseudonym Lous de Montalte mit von den Jesuiten vertretenen Theologie auseinander, vor allem wie sie den Verpflichtungsgrad ethischer Forderungen einstuft. Bis heute haftet den Jesuiten, die eigentlich die Reformen des Trienter Konzils umgesetzt und Wesentliches für die Ausbildung eines engagierten Klerus geleistet hatten, der Geruch des Zurechtbiegens moralischer Forderung auf einen gerade noch akzeptablen Gebrauchswert an. Ihnen wird unterstellt, die Moral nach dem Prinzip „Der Zweck heiligt die Mittel“ dem Zweckdenken untergeordnet zu haben. Dabei haben die Jesuiten nur den Grundsatz vertreten, dass die Freiheit Vorrang hat und ethische Forderungen nur sparsam die Freiheit eingrenzen sollen. Dem gegenüber liegt dem Jansenismus das Prinzip zugrunde: Was nicht ausdrücklich erlaubt ist, ist verboten.

Aus heutiger Sicht würde man sagen, dass die Päpste diese Frömmigkeitsform in die katholischen Herzen infiltriert hätten. Geschichtlich zutreffend ist aber, dass Rom diesen Rigorismus eingegrenzt und einige Aussagen des Jansenismus als mit der christlichen Lehre für unvereinbar erklärt hat. Pascal hat sich aus dem theologischen Streit zurückgezogen, um in seinen Pensees, den „Gedanken“ eine Grundlegung des Christentums zu formulieren. Geschichtlich wirksamer blieb er, natürlich neben seinen mathematischen und physikalischen Arbeiten, durch die Lettres.

Im Untergrund des Katholischen beeinflusste der Jansenismus bis ins 20. Jahrhundert das Denken und noch mehr das religiöse Grundgefühl der Katholiken. Verbunden war diese Grundströmung mit einer rigorosen Sexualmoral, die in gleicher Weise die sog. bürgerliche Gesellschaft wie die protestantischen Konfessionen prägte.

Öffnung durch das Konzil
Im Zusammenhang mit dem II. Vatikanischen Konzil und sicher durch die Ausstrahlung von Papst Johannes XXIII., der das Konzil einberufen hatte, kam es zu einem tiefgehenden Wandel des religiösen Grundgefühls. Gott Vater, bisher eher der strenge himmlische Regent, wurde in der Predigt Jesu neu entdeckt, der Vater, der im Vaterunser angerufen wird, der die Menschen liebt und sie retten will. Damit verlor die vermittelnde Rolle ÞMarias, die über ihren Sohn Fürsprache für die sündigen Menschen einlegt, an Gewicht. Mit dem Wandel des Gottesbildes verlor der moralische Druck, den die Katholiken anders als die Glaubensgenossen im 17. Jahrhundert, nicht mehr weitertragen wollten, zurück, auch wenn die von den Päpsten verkündete Sexualmoral abgelehnt wurde.

Wodurch kam der Umschwung in Deutschland zustande: Sicher einmal durch die erfolgreich gestaltete Nachkriegszeit. In einer Phase des Aufschwungs will man als Katholik nicht Trübsal blasen. Aber das ist höchstens eine Erklärung für die Disposition, auf die der von dem Konzil ausgelöste Aufbruch traf. Entscheidend war wohl der Papst, der das Konzil einberufen hatte, Johannes XXIII. In seiner Wahl des Namens drückte er aus, dass es ihm um die Liebe ging, die gerade der Apostel Johannes als zentrales Erbe Jesu formuliert hatte. Dabei war dieser Papst, der die meiste Zeit im diplomatischen Dienst des Vatikans gearbeitet hatte, selbst ein vorsichtiger Mensch, der z.B. als Nuntius in Frankreich den Arbeiterpriestern sehr kritisch gegenüber stand. Er hat im Alter zu einem tieferen Vertrauen gefunden und seine Glaubenüberzeugung nach außen gezeigt. Ein Zweites waren die intensiven Forschungen der Theologen, einmal für ein tieferes Verständnis der Bibel und zum andere die Wiederentdeckung der frühen Theologen, die Kirchenväter genannt werden.

Das Konzil hat auch deshalb eine Aufbruchsstimmung ausgelöst, weil erstmals die Presse und die anderen Medien positiv über die katholische Kirche berichteten. Sie ließen sich von den offenen Diskussionen in der Konzilsaula anstecken. Religion war nicht etwas Altes, an dem die Hierarchie (ÞPrälaten) der katholischen Kirche unbedingt festhalten wollte, sondern im Gespräch mit der modernen Welt fand die katholische Kirche zu neuen Aussagen. Diese finden sich in die insgesamt 16 Dokumenten des Konzils, die neben Liturgie und einer Beschreibung der Kirche das Gespräch mit den anderen Konfessionen und Religionen anstieß, die Erkenntnisse der Bibelwissenschaft rezipierte, die Medien für die kirchlichen Aufgaben entdeckte und zum Schluss ein Dokument „Freude und Hoffnung, Gaudium et Spes „über die Kirche in der Welt von heute“ verabschiedete.

Diese Einflussfaktoren lassen sich beschreiben. Aber wie in jeder Epoche gibt es noch tiefer liegende Strömungen, die die religiöse Mentalität mehr bestimmen als Texte eines Konzils. Sie wurden wohl durch Johannes XXIII. Und das Konzil zum Ausdruck gebracht, ohne dass man sagen kann, das Konzil sie die eigentliche Ursache für den religiösen Mentalitätswandel.

So inspirierend das Konzil wirkte, so lebendig das theologische Ringen und die Qualität der Dokumente war, in seiner Umsetzung wird es weithin kritisch gesehen. Eine kleinere Gruppe sieht das Konzil als Auslöser für eine zu große Anpassung an den modernen Zeitgeist. Die größere Gruppe sieht die Reformen des Konzils als auf dem halben Weg stecken geblieben. Verheirate Priester, die Möglichkeit, wieder zu heiraten, wenn die erste Ehe gescheitert ist, Empfängnisverhütung waren und sind die Themen, die immer noch verhandelt werden. Hinzugekommen ist die Forderung, dass wie in den Kirchen der Reformation auch Frauen die Priester- und Bischofsweihe empfangen können.

Diejenigen, die das fordern, sehen das Konzil auf ihrer Seite. Wenn man seine Reformschritte weiterführen würde, so die Argumentation, müssten die Ehelosigkeit des Priesters, das Gebot Jesu, keinen Geschiedenen zu heiraten und das Verbot der hormonellen Empfängnisreglung aufgegeben werden.

Historisch ist es wohl so, dass die Achtundsechziger-Bewegung und die sog. Sexuelle Revolution als Interpretationsrahmen für die Aussagen des Konzils unbewusst herangezogen wurden. Und die Öffnung zur Welt, die der Konzilspapst Johannes mit dem Bild vom Aufstoßen der Fenster zum Ausdruck gebracht hatte, müsste nach der Meinung der Mehrheit der Katholiken auch zu einem anderen Verhältnis zur Sexualität führen. Die Debatte um den sexuellen Missbrauch gerade durch Priester und Ordensleute wird die Koordinaten, mit denen menschliche Sexualität eingeordnet wird, wieder anders ausrichten.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ