Unfehlbarkeit

Unfehlbarkeit der Kirche, Unfehlbarkeit des Papstes

Die katholische Kirche ist unfehlbar, zumindest wenn der Papst für die ganze Kirche spricht. Die Unfehlbarkeit bezieht sich auf Lehrraussagen, nicht auf das Handeln, die Personalentscheidungen und auch ernste Verfehlungen in den beiden Bereichen, in denen der Mensch besonders verführbar ist: Geld und Sex.

Aber sind die anderen Kirchen im Unterschied zur katholischen dann fehlbar – zumindest was ihre Lehraussagen betrifft? Die Orthodoxen Kirchen nehmen für sich einen höheren Grad von Übereinstimmung der Lehre mit den Aussagen der Bibel in Anspruch. Sie stimmen mit der katholischen Theologie darin überein, dass die gesamte Kirche in ihrem Glaubenssinn unfehlbar ist. Für die Orthodoxen sind die Katholiken jedoch nicht mehr strikt auf dem Pfad der ersten Konzilien, vor allem haben sie in den Augen der Orthodoxen zu viele neue ÞDogmen eingeführt, die eben nicht mehr orthodox sind.

Die Protestanten sind deshalb hervorgetreten und haben auch die Gefolgschaft vieler Christen gefunden, weil sie den Eindruck hatten, die römische Kirche sei vom Weg des Glaubens und eines ehrbaren Lebenswandels zu stark abgewichen. Um eine Reform zu Wege zu bringen, müsse man sich von Rom trennen. Weil Rom nicht mehr glaubhaft war, bezogen sich die Reformatoren auf die Bibel und wollten, wie übrigens jede christliche Reformbewegung, von der Bibel her die Erneuerung. Man kann also den anderen christlichen Konfessionen nicht den Willen absprechen, der Botschaft des Evangeliums möglichst nahe zu kommen und den Glauben, dass Gott die Menschen wirklich erlöst hat, zu bewahren. Auch im katholischen Verständnis ist eine Glaubensaussage gleicherweise nur dann unfehlbar, wenn sie der Bibel und den Entscheidungen früherer Konzilien entspricht.

Wenn es also die Bibel gibt, dann kann man dort immer nachsehen und braucht keinen unfehlbaren Papst. Das entspricht allerdings nicht den historischen Notwendigkeiten. Bereits die Apostel mussten entscheiden, wie mit Menschen, die nicht aus dem Judentum kamen zu verfahren sei. Die Frage war, ob jemand erst Jude werden muss, um dann erst die Taufe zu empfangen. Das Apostelkonzil entschied, dass man direkt durch die Taufe Christ werden kann. (Apostelgeschichte Kap. 15).  Als die Kirche unter Konstantin die Freiheit erlangte, musste ein Konzil einberufen werden, um die Frage zu klären, wie zu verstehen ist, dass Jesus der wirkliche Sohn Gottes ist. (Konzil von Nicäa, 325) Seitdem sind Kirchenversammlungen zu Klärung von Lehrfragen üblich und wurden auch von den Kirchen der Reformation weiter geführt. Diese Kirchen erkennen auch meist die Konzilien der ersten Jahrhunderte als verbindlich an.

Es ist deutlich, dass Unfehlbarkeit nicht ein in allen Punkten unterscheidbares Merkmal der katholischen Kirche ist. Es geht eigentlich um die Unfehlbarkeit des Papstes. Aber genügt der Papst nicht dafür, Personalentscheidungen zu treffen und die Fragen zu entscheiden, die innerhalb einer Bischofskonferenz nicht geklärt werden können, so wie es die Patriarchen von Konstantinopel, der koptische Patriarch, der auch Papst genannt wird, oder der Moskauer Patriarch tun.

Es scheint, dass die Katholiken leichter vom Glauben an das Evangelium abkommen als z.B. die orthodoxen Christen. Sie scheinen eine zusätzliche Garantie zu brauchen, um auf dem rechten Weg zu bleiben. Tatsächlich ist das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes in einer Situation der Bedrängnis und im Abwehrkampf gegenüber dem Anspruch der Wissenschaft, auch über Glaubensfragen mit Hilfe historischer und literaturwissenschaft­licher Methodik zu entscheiden, entstanden. Hier liegt ein Unterschied zur Orthodoxie: Als Kirche des Abendlands ist die katholische Kirche sehr viel mehr gezwungen, sich mit der Entwicklung der Wissenschaften und Gesellschaftstheorien auseinanderzusetzen.

Die Entscheidungssituation, in der das I. Vatikanische Konzil stand, war auch durch den Verlust des gesamten Kirchenstaates im Zusammenhang mit der Gründung des italienischen Staates geprägt. Im Vatikan befürchtete man, dass die Kirche von außen gehindert werden könnte, Konzilien einzuberufen. Die Entscheidungsfähigkeit in den vielfältigen geistigen Auseinandersetzungen musste gesichert werden. Das Konzil, das als das I. Vatikanische in die Geschichte eingegangen ist, musste dann auch wegen des Deutsch-Französischen Krieges abgebrochen werden, weil Frankreich seine Schutztruppen zurückzog und der junge italienische Staat die Gelegenheit nutze, die letzten Reste des Vatikanstaates in Besitz zu nehmen. Bestätigt haben sich Befürchtungen für Deutschland, denn das 1871 in Versailles gegründete Kaiserreich, das durch Akklamation der Fürsten den preußischen König als Kaiser installierte, bedrängte die Katholiken durch den Kulturkampf (1871-1878). Es ging nicht darum, einen Bürgerkrieg oder die Sezession katholischer Regionen zu verhindern, sondern dass die Katholiken sich dem Nationalstaat entzogen, indem sie den Papst als Autorität anerkannten. Da der preußische König wie die anderen evangelischen Fürsten für ihre evangelischen Untertanen die Kirchenleitung ausübten, wollten sie die Katholiken im gleichen Status regieren. Der Kulturkampf war dann die beste Strategie, die Katholiken emotional an den Papst zu binden. Es zeigte sich dann auch, dass der Verlust des Kirchenstaates den Papst aus dem politischen Geflecht der europäischen Staaten herauslöste und dadurch seine spirituelle Autorität stärkte. Die Missionsbewegung, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts dem Katholizismus eine große Dynamik verlieh, machte das Papstamt zu einer Institution, die nicht mehr einseitig an Europa gebunden war. Das Dogma der Unfehlbarkeit, das von einem Konzil beschlossen wurde, hat das Papsttum nicht geschwächte, sondern gestärkt.

Papst oder Konzil
Nun steht das Dogma, das das Petrusamt besonders heraushebt, in einem Spannungsverhältnis zu einem Beschluss des Konstanzer Konzils (1414-1418 mit Unterbrechungen). Dieses war in einem ganz anderen historischen Umfeld angetreten, um drei Päpste zum Rücktritt zu bewegen und die Wahl eines neuen Papstes in die Wege zu leiten. Dieses Konzil hat die Oberhoheit des Konzils über den Papst erklärt. So ist es eben im Katholischen: Man weiß nie so genau, woran man ist. Ist das Konzil jetzt die oberste Instanz oder der Papst. Das II. Vatikanische Konzil, hat das Verhältnis in seiner Komplexität so gefasst: Der Papst ist ebenso Bischof und damit Mitglied des Bischofskollegiums. Diesem kommt insgesamt Unfehlbarkeit zu, weil es in der Nachfolge des Apostelkollegiums steht. Zugleich hat der Papst eine herausgehobene Stellung und kann als einzelner Bischof für die ganze Kirche sprechen. Er ist auch faktisch derjenige, der ein Konzil einberufen kann.

Wie wird der Papst nun unfehlbar: Er muss ausdrücklich sagen, dass er für die ganze Kirche eine Lehraussage trifft.

„Zur Ehre Gottes, unseres Heilandes, zur Erhöhung der katholischen Religion, zum Heil der christlichen Völker lehren und erklären wir endgültig als von Gott geoffenbarten Glaubenssatz, in treuem Anschluss an die vom Anfang des christlichen Glaubens her erhaltene Überlieferung, unter Zustimmung des heiligen Konzils: Wenn der Römische Papst in höchster Lehrgewalt (ex cathedra) spricht, das heißt: wenn er seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen waltend in höchster apostolischer Amtsgewalt endgültig entscheidet, eine Lehre über Glauben oder Sitten sei von der ganzen Kirche festzuhalten, so besitzt er aufgrund des göttlichen Beistandes, der ihm im heiligen Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit der der göttliche Erlöser seine Kirche bei endgültigen Entscheidungen in Glaubens- und Sittenlehren ausgerüstet haben wollte. Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich.“ (Beschlossen am 18. Juli 1870)

Die Unfehlbarkeit bezieht sich nur auf das überlieferte Glaubensgut
Nun geht es bei solchen Lehrentscheidungen nicht um neue Aussagen zum Erlösungshandeln Jesu, denn die katholische Kirche geht wie die meisten anderen Konfessionen davon aus, dass mit der Rezeption der Bücher des Neuen Testaments als verbindlicher Kanon die Offenbarung abgeschlossen ist. Da der Papst für die ganze Kirche spricht, muss er sich über den Glauben der Kirche abstimmen, das tut er faktisch, indem er die Bischöfe konsultiert. Das hat Pius XII. gemacht, als der 1950 die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel  als zur Glaubenssubstanz der Kirche gehörend erklärte. Das ist übrigens die einzige Lehrentscheidung, die ein Papst seit 1870 ex Cathedra, also von seinem Lehrstuhl aus, verkündet hat.

Was meist nicht bekannt ist, die Unfehlbarkeit des Papstes gilt nicht einfachhin, vor allem kann er nichts Neues in den Glaubensbestand der Kirche einfügen. In dem Konzilsbeschluss wird erklärt:

„Den Nachfolgern des Petrus wurde der Heilige Geist nämlich nicht verheißen, damit sie durch seine Offenbarung eine neue Lehre ans Licht brächten, sondern damit sie mit seinem Bestand die durch die Apostel überlieferte Offenbarung bzw. den Glaubensbestand heilig bewahrten und getreu auslegten.“

Die strikte Formulierung des Unfehlbarkeitsdogmas „Diese endgültigen Entscheidungen des Römischen Papstes sind daher aus sich und nicht aufgrund der Zustimmung der Kirche unabänderlich;“ besagt, dass man eine solche Lehraussage nicht dadurch infrage stellen kann, dass man nachprüft, ob der Papst alle Bischöfe konsultiert hat. Das erklärt sich aus dem Gefühl der Bedrängnis und Ohnmacht, die vor und während des I. Vatikanischen Konzils in Leitung der Kirche herrschte.

 

Rezeption des Dogmas
Um die katholische Denkwelt zu verstehen, gibt es auf der einen Seite Entscheidungen, aber dazu gehört immer, was dann mit den Entscheidungen passiert. Das Dogma wurde von den Katholiken weitgehende rezipiert, aber von Rom bisher nur einmal angewandt. Insgesamt hat das Dogma die Autorität Roms gestärkt. Das zeigen auch folgende historische Daten:

Einige deutsche Bischöfe eisten vor der Abstimmung ab, nicht weil sie das Dogma nicht mittragen wollten, sondern weil sie Konflikte mit den meist evangelischen Landesfürsten, vor allem mit dem badischen Großherzog und dem preußischen König fürchteten.

Um den Münchener Kirchenhistoriker Ignaz von Döllinger sammelten sich dann die katholischen Gegner des Dogmas in Deutschland, das führte zur Gründung der altkatholischen Kirche, die sich in Deutschland und Österreich so nennt, in der Schweiz christ-katholische Kirche. Diese Kirchen blieben jedoch klein.

 

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ