Soziallehre

Die katholische Kirche hat eine eigene Lehre, wie die sozialen Verhältnisse zu gestalten sind. Das ist, wenn man sich auf den Standpunkt Luthers stellt, eine erstaunliche Sache. Eine Kirche maßt sich die Kompetenz an, die Organisationsform der Wirtschaft zu bestimmen und die Rechte der Arbeiter zu definieren und damit Einfluss auf die Wirtschaft und die Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens zu nehmen. Das ist eine sehr weltliche Sache, für die eigentlich der Staat zuständig ist, der ja auch nach der theologischen Konzeption Luthers auch die äußere Kirchenorganisation bestimmt hat. Woher weiß die katholische Kirche, die sich eigentlich mit den Fragen der Erlösung und des Gebets beschäftigen sollte, so viel über wirtschaftliche Fragen. Hat eine Kirche die fachliche Kompetenz, um für die Gesetzgebung deutliche Vorgaben zu machen? Es sind auch nicht einfach sozialethische Prinzipien, sondern es ist eine Lehre, die sagt, wie es zu sein hat.

Im Neuen Testament finden sich dafür kaum Vorgaben, denn die erste christliche Generation ging von dem bald kommenden Weltende aus. Paulus erklärt den Korinthern, wie es ablaufen wird, wenn sie zu Lebzeiten das Weltende erleben sollten. Als man dann realisierte, dass mit einem baldigen Abschluss der Geschichte nicht zu rechnen ist, begannen die Verfolgungen, die im letzten Buch der Bibel, in der Geheimen Offenbarung, Thema sind. es war wieder keine Zeit, sich mit der Gesellschaftsordnung zu befassen. Im Alten Testament gab es allerdings Vorgaben für die Ordnung des Zusammenlebens. Und hier liegt auch der Ansatzpunkt, woher die Katholische Kirche das Selbstbewusstsein nimmt, in Fragen der Volkswirtschaft mitreden zu können. Das Alte Testament geht von der Grundannahme aus, dass Gott seinem Volk auch die Ordnung gibt, nach der ein gedeihliches Zusammenleben möglich ist. Ähnlich denkt die Katholische Kirche, dass nämlich die Ordnung der Schöpfung von Gott gewollt ist. Wie es von Gott der Natur eingestiftete Gesetze gibt, so auch für die Abläufe der Wirtschaft. So wie die Naturgesetze kann auch der menschliche Verstand die Gesetze erkennen, die Gott für das Zusammenleben in der Schöpfungsordnung grundgelegt hat. Basis ist die Idee der Gerechtigkeit, auf der die menschliche Gesellschaft aufgebaut werden muss. Das hatten bereits die mittelalterlichen Theologen entworfen.

In der katholischen Soziallehre schlägt sich die korporative Sicht der Kirche nieder. Ausgangspunkt des Denkens ist nicht das einzelne, erlösungsbedürftige Individuum, sondern der Neue Bund, den Gott mit denen schließt, die an ihn glauben. Aus diesem Bund geht das neue Volk Gottes hervor. Wirtschaftlicher und damit gesellschaftlicher Fortschritt sind nicht durch den Wohlstand und den Besitz des einzelnen garantiert, so wie es die calvinistische Sicht des Wirtschaftsgeschehens beinhaltet. Auch die liberale Konzeption passt nicht in das katholische Bild vom Zusammenleben, nämlich dass viele reiche Bürger für die anderen Wohlstand schaffen. Die Armutstraditionen der verschiedenen Orden und Reformbewegungen schieben da einen Riegel vor. Im Vordergrund steht vielmehr das Gemeinwohl. Nicht, wenn es vielen einzelnen gut geht, wird es auch der Mehrheit gut gehen, sondern wenn die Gesamtgesellschaft sich entwickelt, hat der einzelne am meisten davon. Es geht also nicht um den Erfolg der Unternehmen. Dieser wird nicht abgelehnt, aber entscheidend ist die Entwicklung des Ganzen. Das klingt nach der marxistischen Konzeption. Jedoch lehnt die erste Enzyklika das freie Unternehmertum nicht ab und führt sogar ein Prinzip ein, das heute für die Ordnung der Sozialleistungen herangezogen werden muss: Das Subsidiaritätsprinzip. Dieses besagt, dass die übergeordnete Ebene nur dann tätig werden darf, wenn die jeweils darunter liegende Unterstützung braucht. Der Staat soll nicht Unternehmer sein, wenn es unterhalb der staatlichen Ebene Unternehmen gibt. So ist auch die katholische Kirche organisiert. Die Pfarrei muss, auch finanziell, erst einmal selbst zurecht kommen. Das gilt für die meisten Länder, die keine Kirchensteuer kennen. Hier kann der Bischof kein Füllhorn über die Gemeinden ausschütten.

Ein weiter tragendes Element der katholischen Konzeption ist das Solidaritätsprinzip. Das leitet sich unmittelbar aus dem Denken Jesu ab: Der eine ist für den anderen da, ob es sich um Wohnung, Kleidung oder Nahrung handelt. Hinzu kommt die Sorge für die Kranken. Man soll eben das untereinander teilen, was zur Verfügung steht.

Eine neue Entwicklung der katholischen Soziallehre, die bereits in den mittelalterlichen Lehrbüchern zu finden ist, war durch die Industrialisierung gefordert. 43 Jahre nach dem kommunistischen Manifest schrieb Papst Leo XIII. 1891 das erste päpstliche Lehrschreiben zu den „Neuen Dingen“, Rerum Novarum heißen die ersten beiden Worte der Enzyklika, unter der diese wie die anderen Enzykliken bibliographisch gefasst wird.

Seit dieser Enzyklika sind neue geschrieben worden. 40 Jahre später heißt die Enzyklika Quadragesimo anno, 1931 von Pius XI. herausgegeben. Johannes XXIII. schrieb 1961 Mater et Magistra, Mutter und Lehrerin, gemeint ist die Kirche. Populorum Progressio, von der „Entwicklung, dem Fortschritt der Völker“ schreibt Papst Paul VI. 1967 In seiner langen Regierungszeit hat Johannes Paul II. drei Sozialenzykliken geschrieben. Benedikt der XVI. veröffentlichte 2009 „Caritas in Veritate“, die Liebe in der Wahrheit. (Enzykliken u.a. Dokumente)
Diese teils genauen Vorstellungen über die Ordnung des Wirtschafts- und Sozialsystems und die Bedingungen für die Arbeitnehmer sind päpstliche Initiativen. Geschrieben werden die Enzykliken natürlich von Fachleuten, so Quadragesimo Anno von dem damals jungen Jesuiten Oswald v. Nell-Breuning. Der Vorteil der römischen Warte liegt darin, dass Entwicklungen, die in einzelnen Ländern erfolgt sind, aufgegriffen und so für die ganze Kirche fruchtbar gemacht werden. So hat die letzte Enzyklika die Idee des Geschenks zur Basis des menschlichen Miteinanders gemacht. Ausgangspunkt ist die Erkenntnis, dass der Mensch, ehe er selbst etwas erwirtschaften kann, vieles geschenkt bekommen hat. Seine Intelligenz und Schaffenskraft, die Ausbildung, Förderung u.v.a. Da vor jedem Verdienst das Empfangen von Geschenken liegt, ist erste Pflicht, von dem Geschenkten etwas wieder zu schenken. Diese Idee, die eigenen Gaben und Ressourcen einzubringen, hat die amerikanische Kirche zur Grundlage des Fundraisings gemacht. Weiter stellt die Enzyklika von 2009 die gewachsene Bedeutung der Non-Profit-Unternehmen heraus und erklärt sie nicht einfach als Anhängsel des Wirtschaftsgeschehens, sondern als integralen Bestandteil des Marktes. Hier werden Entwicklungen aus Deutschland mit den vielen kirchlichen sozialen Einrichtungen aufgegriffen.

Deutlich haben die letzten 120 Jahre gezeigt, dass die Soziallehre ständig weiter entwickelt werden muss, weil sich das Wirtschaftssystem weiter entwickelt und damit auch neue Armutsrisiken schafft.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ