Sakramente

Heiligende Zeichen sind für Katholiken entscheidend. Zwar hören sie auch einer Predigt zu, aber wichtiger ist, dass der Priester die Eucharistie feiert. Da nimmt man ihn auch ernster. Ob man sich von seinen Worten überzeugen lässt, das entscheidet der Katholik für sich. Dass er nach dem Wortgottesdienst die Eucharistie feiert, das nimmt man ihm ab, ob die Predigt gefallen hat oder nicht. Denn weniger die Predigt, sondern dass er die Messe „gültig“ feiern kann, das ist eigentlich der Ernstfall des sonntäglichen Gottesdienstes. Als ÞPriester ist er dazu in der Lage und da fordern die Katholiken auch den Dienst des Priesters ein. Die Katholiken trennen auch deutlicher zwischen Amt und Person. Kraft seines Amtes feiert der Priester die Sakramente, spricht in der Beichte im Namen Gottes von den Sünden los, tauft und spendet die Krankensalbung. Wenn er predigt, kommt es mehr auf seine sprachliche und theologische Kompetenz an.

Mit den als Riten gestalteten Sakramenten erfährt der Gläubige zu einem bestimmten Zeit- und Raumpunkt das Heil. Er wird gesalbt, mit Wasser übergossen, erhält ein Stück Brot, ihm werden die Hände aufgelegt, die Brautleute stecken sich gegenseitig die Ringe an. Es geschieht etwas, das erlebt werden kann. Natürlich sind die Riten mit Worten verbunden, ohne Worte wären es nur Gesten, keine Heilshandlungen, aber die Riten erlauben ein anderes Wirklichkeitserleben als Worte alleine.

Auch wenn es immer wieder Auseinandersetzungen um die Bedeutung der Riten, ihre Realitätsgehalt, ihre Wirkung auf die Gläubigen gab, sind sie bereits Praxis der Urkirche gewesen, so die Taufe. Die Firmung steht im Zusammenhang mit dem Pfingstfest, sie wird nach Berichten der Apostelgeschichte von den Aposteln gespendet. Das erste Abendmahl hat Jesus mit den Jüngern am Vorabend seiner Hinrichtung gefeiert und es ihnen als Gedächtnismahl anvertraut. Im Neuen Testament wird es mit dem Begriff “Brotbrechen“ bezeichnet. Dass die Jünger im Namen Gottes Sünden vergeben können, ist bereits Praxis, als Jesu die Jünger zum Predigen ausschickt. Am Abend des Ostertages vertraut der Auferstandene die Lossprechung von den Sünden ausdrücklich den versammelten Aposteln an. Die ÞKrankensalbung wird im Jakobusbrief erwähnt. Schließlich geschieht die Einsetzung in ein Amt durch Handauflegung, heute noch der zentrale Ritus von Diakonen-, Priester- und Bischofsweihe.

Auch die Eheschließung ist ein Sakrament. Was die meisten nicht wissen: Nicht der Priester oder der Diakon, sondern die Eheleute spenden sich das Sakrament. Der kirchliche Amtsträger ist nur Zeuge.

Die Beerdigung ist ein wichtiger Ritus, für die Menschen von hoher Bedeutung, aber kein Sakrament.

Die Sakramente meinen in ihrer Mehrzahl den einzelnen. Durch die Taufe wird er mit Gott versöhnt und in den Leib der Kirche eingegliedert, die Firmung stärkt für das erwachsene Glaubensleben, die Eheschließung bindet den einen Partner an den anderen, in der Beichte wird dem Einzelnen persönlich die Vergebung der Sünden zugesprochen, mit der Handauflegung wird er in ein Amt eingesetzt, die Krankensalbung soll ihn stärken. Im Unterschied dazu ist die Eucharistiefeier weniger ein Sakrament des einzelnen als der Gemeinde.

Das zeigt, dass die Sakramente mit Lebenswenden und auch Krisen, Schuldigwerden und Kranksein verknüpft sind. So real die Lebenswenden sind, z.B. der Eintritt in das Jugendalter, der durch die Firmung gestärkt wird, oder der Beginn einer lebenslangen Gemeinschaft zweier Partner, den das Ehesakrament heiligt, so real sind auch die Sakramente. Als Riten beinhalten sie nicht nur Worte, sondern lassen sich an Zeichen festmachen, seien es die Ringe bei der Heirat oder das Salböl bei der Krankensalbung. Die heiligenden Zeichen konstituieren eine neue Wirklichkeit für den einzelnen und seine Beziehung zu anderen Menschen – er wird in der Taufe Mitglied der Kirche, ihm wird in der Firmung die Verantwortung für die Verbreitung des Glaubens anvertraut, aus Verlobten werden Eheleute, aus einfachen Mitgliedern der Kirche Amtsträger. Auch die Beichte verändert die Beziehung zu den anderen. Das war im ersten Jahrtausend deutlicher erfahrbar. Denn diejenigen, die beichten wollten, wurden am Beginn der Fastenzeit in den Stand der Büßer versetzt, sie trugen ein entsprechendes Gewand und standen während der Fastenzeit außerhalb der Gottesdienstgemeinschaft. In diese wurden sie am Gründonnerstag wieder aufgenommen.

Aber es wird nicht nur die realitätsverändernde Kraft der Riten erlebt, die Gläubigen fühlen sich durch die Sakramente auch unmittelbarer von Gott berührt. Die Sakramente setzen nicht nur eine Lebenswende in Beziehung zu Gott, sie lassen das erlösende Handeln Gottes in entschiednen Augenblicken erfahrbar werden. Sakramente bewirken die Gnade, die sie bezeichnen – so ein alter theologischer Grundsatz. Auch wenn kirchliche Amtsträger die sakramentalen Riten vollziehen, für den Gläubigen handelt nicht der Priester oder der Diakon, sondern Gott.

Aber sind die Sakramente nicht magisch Praktiken? So wurden sie von manchen Gläubigen, besonders im späten Mittelalter, missverstanden. Deshalb richtet sich die Skepsis der Reformatoren gegen die damalige sakramentale Praxis. Magische Praktiken können jedoch von den Sakramenten deutlich unterschieden werden. Der Unterschied liegt im Stellenwert des menschlichen Handelns. Magische Praktiken wollen die Gottheit beeinflussen, Sakramente wollen dem einzelnen das zusprechen, was Gott längst gewirkt hat, die Erlösung. Deshalb leiten sich alle Sakramente von Tod und Auferstehung Jesu her. In der Taufe wird der Tod symbolisch durch das Untertauchen vollzogen, das Wiederauftauchen aus dem Wasser weist auf die Auferstehung hin. In der Eucharistiefeier sind Tod und Auferstehung die Wirklichkeit, die zeichenhaft durch Brot und Wein bedeutet werden. In der Beichte wird dem Gläubigen die Lossprechung durch Jesu Tod und Auferstehung zugesagt. Sakramental ist daher die ganze Wirklichkeit der Kirche, sie ist durch Tod und Auferstehung und die Ausgießung des Geistes geschaffen worden. Wenn Menschen anderen helfen, wenn sie verzeihen, wenn sie von Christus Zeugnis geben, ist das bereits sakramental, jedoch nicht so definitiv wie in den Riten, Diese sind herausgehobene Handlungen, in denen Christus selbst handelt, der kirchliche Amtträger vermittelt das Handeln nur. Der Amtsträger garantiert im Auftrag der Kirche dafür, dass der sakramentale Ritus tatsächlich vollzogen wird. Die Kirche muss sich um den ordnungsgemäßen Vollzug der Riten kümmern, denn Riten werden nur als heilsstiftend erlebt, wenn sie nicht von jedem Amtsträger anders gespendet werden. Die Verlässlichkeit kommt nur zustande, wenn der Ritus dem Amtsträger vorgegeben wird. Da nicht jeder Amtsträger in jedem Augenblick seine Lebens würdig ist, den Ritus zu vollziehen, ist die kirchliche Norm sehr niedrig angesetzt. Er muss das vollziehen, was die Kirche will. Das entlässt die Gläubigen aus dem Zwang, die Lebensweise des Amtsträgers ständig zu überprüfen, um sicher zu sein, ob er die Sakramente gültig gespendet hat.

 

Das II. Konzil von Lyon hat die im Mittelalter sich herausbildende Verständigung auf die Siebenzahl der Sakramente 1274 bestätigt: Taufe, Firmung, Eucharistie, Beichte, Diakonen- Priester- und Bischofsweihe, Ehe, Krankensalbung.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ