Ritus

Ritus, Ritual

Evangelisch hieß im 16. Jahrhundert eine Abkehr von der spätmittelalterlichen Überfülle von Prozessionen, Andachten - und auch von den Ablässen. Die Reformatoren wirkten nicht durch die Liturgie, sondern durch die Predigt. Was die Predigerorden, Dominikaner und Franziskaner, bereits begonnen hatten, schlug bei der städtischen Bevölkerung ein – die Auslegung des Wortes Gottes. Die Drucktechnik mit beweglichen Lettern brachte eine neue Industrie in Aufschwung. Voraussetzung war natürlich, dass nicht wenige Menschen lesen konnten, auch dies eine Errungenschaft der Stadtkultur. Das war modern, während die rituell geprägte Frömmigkeit des Mittelalters ihren Glanz offensichtlich verloren hatte. Die Städte gingen dann fast alle zur Reformation über, auch weil sie die religiösen Angelegenheiten ohne einen Bischof regeln konnten.

So wie das Zeitalter der Reformation am Wort orientiert war, galt auch das Rituelle in den sechziger und siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts als eine rückständige Form von Religion. Ende der achtziger Jahre änderte sich das kaum merkbar. In den Neunziger wurde es an den Einschaltzahlen für die Gottesdienstübertragungen im ZDF deutlich. Während alle Sendungen, auch die der Kirchenredaktionen, Zuschauer verloren, verdoppelte sich die Zuschauerschaft der Gottesdienstübertragungen bei Katholiken wie bei Portestanten. Der Sinn für das Rituelle kehrt zurück. Trotz des Rückgangs des sonntäglichen Gottesdienstbesuchs heiraten die Menschen in der Kirche, bringen ihre Kinder zur Taufe, die Erstkommunion ist weiterhin ein großes Familienfest.

Nun war der Ritus keine Erfindung des Mittelalters. Die frühe Kirche kannte, da sich viele Erwachsene taufen ließen, einen ausgeprägten Taufritus. Da wurde nicht nur der Kopf mit Wasser übergossen, sondern der ganze Körper, hinter Tüchern verborgen, im Taufbecken untergetaucht. Dafür wurden eigens Taufkirchen gebaut. Wenn eine alte Kirche Johannes den Täufer als Patron hat, deutet das auf eine Taufkirche hin. Der Hochzeitsritus hat auch ohne die Kirche aus sich eine große Bedeutung, besonders wenn sich Familien durch Heirat ihrer Kinder auf Dauer verbinden.

Die Sorge für die Toten war etwas, mit dem die Christen im römischen Reich zeigten, dass sie auf den Tod eine neue Antwort hatten.

Neben den großen Liturgien sind es auch viele kleine Rituale, die den Alltag prägen. Am Beginn des Gebetes das Kreuzeichen, das ÞWeihwasser, der ÞPalmzweig, der aus dem Palmsonntagsgottesdienst mitgebracht wird, das Anzünden einerÞ Kerze.

Was lässt den Ritus wieder für die persönliche Religiosität bedeutsam werden? Im Ritus passiert etwas mit mir. Es passiert natürlich auch etwas, wenn mich das Wort Gottes berührt. Aber das Wort kommt aus dem Mund und damit auch aus dem Denken des Predigers. Und viele der Worte sind nun mal nicht so überzeugend. Das Ritual als Handlung hat etwas Objektives. Die ÞSakramente als die zentralen Riten werden auf Christus zurück geführt. Er hat sie „eingesetzt“. Das ist nicht zuerst historisch zu verstehen, sondern theologisch. Die Sakramente vermitteln Heil, das nicht vom Menschen gemacht ist. Deshalb müssen auch die Riten von Gott selbst her kommen.

Nun ist der Ritus nicht eine äußere Handlung, die man an sich geschehen lassen könnte. Das eigentlich Rituelle steht am Ende. Dem geht voraus, dass der Mensch sich aus seiner verengten, seiner alltäglichen Lebenssicht herauslöst. Er geht über die Schwelle der Kirche, bekreuzigt sich mit Wasser aus dem Weihwasserbecken und orientiert sich auf das letzte, große Ziel, das am Ende seines Weges steht. Deshalb gibt es keine Sakramente ohne Glauben, der durch Verlesung biblischer Texte und eine Auslegung ins Wort gebracht und damit neu geweckt wird. Paulus spricht davon, dass die Taufe den Glauben „besiegelt“.

Da die Welt Gottes meist in Konflikt zur alltäglichen Lebenssicht steht, wie sie am Arbeitsplatz oder am Stammtisch verhandelt wird, kommt mit dem Eintritt in das Ritual die Alltagswelt mit der Welt, wie sie sein soll, in Konflikt. Daher muss sich der Mensch reinigen, sich aus den Gesetzmäßigkeiten seiner Alltagswelt herauswinden. Und nicht selten bringen wir einen Konflikt in das Ritual mit. Es sind bei Taufe, Erstkommunion, Hochzeit, Beerdigung natürliche Konflikte. Die Konflikte, die in der Taufe bearbeitet werden, beziehen sich auf das Neugeborene und seine Aufgabe, zwischen Gut und Böse zu wählen. Mit der Namensgebung wird das Kind zum Bürger dieser Welt, auch wenn es den älteren Geschwistern schwer fallen mag, den kleinen Nebenbuhler zu ertragen, dem plötzlich alle Liebe gilt. Gott hat ein Auge auf das Neugeborene, es ist sein Geschöpf, er vertraut es der Familie an. Dieses Kind wird aber nicht in eine neutrale Welt, sondern in eine geprägte hineingeworfen. Es selbst muss es später zwischen Gut und Böse entscheiden. Die Taufe holt es auf die Seite des Guten. Denn die Welt ist zu sehr vom Bösen geformt. In dem Wasser wird es für das Gute geboren. Der Höhepunkt der Taufe ist die Salbung mit Chrisam, die das Kind als Glied des königlichen und priesterlichen Gottesvolkes einfügt, zum Christ macht.

Der Konflikt, der bei der Erstkommunion bearbeitet wird, ist der Übergang von der frühen in die zweite Phase der Kindheit. Das Kind wird jetzt eigenständiges Mitglied der Gottesdienstgemeinschaft. Das zeigt sich daran, dass es jetzt Messdiener, Messdienerin werden kann.

Der Konflikt, der in der Firmung angesprochen wird, bezieht sich auf den Übergang ins Erwachsenenalter. Die Firmung salbt mit Kraft für das Erwachsenwerden. Da in unserer Gesellschaft die Jugendzeit über 10 und mehr Jahre laufen kann und eigentlich erst mit der ersten beruflichen Anstellung bzw. freiberuflichen Tätigkeit endet, wird die Bedeutung der Firmung nur schwer erkennbar. Im Vergleich zur Firmung in einer Konsumgesellschaft bewirkt der Initiationsritus bei Naturvölkern den Übergang in die Erwachsenenwelt mit allen Rechten und Pflichten. Früher nannte man in Deutschland das Abitur eine „Reifeprüfung“. Heute ist es allenfalls der Einlassticket für ein Studium oder eine anspruchsvolle Berufsausbildung.

Der Konflikt, dessen Lösung die Hochzeit ist, erscheint ebenso wie der der Firmung verdeckt. Wer heute heiratet, sogar kirchlich heiratet, hat meist einen längeren Entscheidungsprozess hinter sich. Deshalb wird die Hochzeit oft unter der Überschrift wahrgenommen „Jetzt haben sie sich doch durchgerungen“. Kaum ist die Hochzeit vorbei, stellen die Eheleute fest, was die Hochzeit eigentlich bedeutete. Der hergelaufene Jüngling, in den sich die Tochter verliebt hat, wurde als Sohn adoptiert, er heißt jetzt Schwiegersohn, weil er der Vater der Enkel sein soll. Ebenso wird aus der Freundin des Sohnes die eigene Schwiegertochter. Die meisten Ehekrisen junger Paare wachsen nicht aus der Beziehung heraus, sondern sind durch die Einbindung in die Herkunftsfamilie des Ehepartners verursacht.

 Der Konflikt, der dem Beerdigungsritus zugrunde liegt, kommt in der späten Moderne wieder deutlich zum Tragen. Wenn viele Menschen sich nicht mehr rituell begraben lassen, dann folgen sie dem biologischen Menschenbild, nämlich dass mit der Auflösung des zentralen Nervensystems auch die Person verschwindet. Dem setzt der christliche Beerdigungsritus die Hoffnung auf die Vollendung der menschlichen Existenz bei Gott entgegen. Deshalb läuft der Ritus darauf hinaus, den Verstorbenen Gott zu übergeben und sich als Teilnehmer der Feier auf den eigenen Tod einzustimmen.

Die sonntägliche Messfeier spricht am Beginn den Menschen in dem Aufruf zu Umkehr und Buße als einen an, dem in der vergangenen Woche nicht alles gelungen ist, der andere verletzt hat, aber auch selbst verletzt worden ist. Das Hören auf das Wort Gottes soll das eigene Leben auf Kurs halten, der Empfang der Kommunion Kraft für die nächste Woche geben.

Riten und kleine Rituale halten das Leben auf Kurs und helfen, das letzte Ziel nicht aus dem Auge zu verlieren.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ