Reliquienverehrung

In manchen Barockkirchen findet sich auf einem Seitenaltar ein Glassarg mit dem Skelett eines Verstorbenen. Manchmal sind die Knochen mit Gewändern umschlungen. Der Barock mit seiner Farbenpracht konfrontiert den Besucher der Kirche offensichtlich auch mit dem Tod, den die Menschen im Dreißigjährigen Krieg eigentlich durch die an die Decke gemalten Himmelsbilder vergessen wollten. Aber es ist nicht nur der ÞBarock, dem die Überreste von Heiligen bedeutsam sind. Das Wort „Reliquien“ kommt von „zurücklassen“. Die Knochen sind das, was die Heiligen zurückgelassen haben. Diese Reliquien werden verehrt. Im Kölner Dom steht ein Reliquienschrein mit den Gebeinen der Drei Könige auf dem Hauptaltar, hell erleuchtet. In Altäre katholischer Kirchen wird ein Stein mit einem Knochen eines Heiligen eingelassen. Das geht auf die Praxis zurück, Kirchen über den Gräbern von Heiligen zu errichten. Das kann man im Bonner Münster noch sehen, das über einem römischen Friedhof errichtet wurde. Unter dem Chor sind die Gräber der heiligen Cassius und Florentius, römische Soldaten, zu sehen.

Als die Reformatoren den ausufernden Formenreichtum des späten Mittelalters zurechtstutzten, wollten sie auch mit den Reliquien aufräumen, zu viele hatten sich in der abendländischen Kirche angesammelt. Sie warfen die sterblichen Überreste der hl. Elisabeth, die in einer ihr geweihten Kirche in Marburg verehrt wurde, in die Lahn. Die Katholiken haben an der Verehrung der Reliquien festgehalten. Hat diese Reliquienverehrung mit der Orakelpraxis mancher Stämme zu tun, bei denen der Medizinmann einige Knochen in die Luft wirft und aus der Anordnung der Knochen Hinweise auf zukünftige Ereignisse abliest?

Die Reliquien wurden nie benutzt, um aus ihrer Anordnung oder ihrem Zustand etwas über die Zukunft zu erfahren. Aber sie haben einen Bezug zur Zukunft, jedoch zu der einer anderen Wirklichkeit. Es ist Wirklichkeit, in der sich die Seelen der Verstorbenen befinden. Weil sie in diese Wirklichkeit hinüber getreten sind, aber noch nicht ihre endgültige Gestalt gefunden haben, mussten sie etwas zurücklassen, lateinisch relinquere. Bei der Vollendung der Welt wird der zurückgebliebene Körper mit der Seele wieder vereint, so wie Jesus mit Leib und Seele auferstanden ist und in einer neuen Wirklichkeit lebt. Die Überzeugung, dass Jesus leiblich auferstanden ist, hat sozusagen als Widerlager das Fehlen eines Grabes. Ebenso wie kein Grab von Jesus verehrt wird, wird auch von Maria keines verehrt, weil schon die ersten Generationen der Christen überzeugt waren, dass sie mit ihrem Leib im Himmel bei ihrem Sohn ist. Von Maria und Jesus werden als Reliquien Gewänder verehrt, so wird in Chartres ein Mantel Marias aufbewahrt, in Trier wird der „Heilige Rock“, in Turin das Grabtuch verehrt, Partikel des Kreuzes an vielen Orten.    

Die Reliquien heiliger Menschen werden deshalb verehrt, weil sie sich am Ende der Welt mit den Seelen im Himmel vereinigen, also eine Aufnahme in den Himmel erleben werden. Auch wenn es scheint, dass die Reliquienverehrung eine Art Totenkult darstellt, der die Überreste des Verstorbenen in den Mittelpunkt stellt, ist sie keine Verehrung der Knochen, sondern Ausdruck des Glaubens an die Auferstehung des Leibes eines jeden Menschen.

Das zeigt sich in der Beerdigungsform. Religionen, die davon ausgehen, dass die Seele allein die Vollkommenheit erreicht, indem sie dem Gefängnis des Leibes entfliehen kann, kennen die feierliche Verbrennung des Leichnams. Religionen, die die Auferstehung der Toten in ihrer Leiblichkeit erwarten, beerdigen ihre Verstorbenen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ