Papst-Katholiken

Wozu brauchen Katholiken einen Papst

Protestanten und Orthodoxe brauchen offensichtlich keinen Papst. Alles, was päpstlich ist, ist katholisch. Man braucht also nur nicht-päpstlich zu sein, dann weiß man schon, dass man zu seiner Kirche nicht gehören muss. Dann ist man griechisch orthodox, reformiert, lutherisch oder anders. Aus der Sicht der Protestanten scheinen die Katholiken den Papst zu brauchen, weil sie nicht selbst in der Lage sind, die Bibel zu lesen. Sie müssen sich sozusagen vom Papst sagen lassen, wie man die Bibel richtig interpretiert. Manche Katholiken machen es sich in den Augen der Evangelischen dann auch noch leicht, weil sie erst gar nicht in der Bibel lesen, sondern den Rosenkranz beten. Und dann kann der Papst nicht immer recht haben, er ist ein Mensch und genauso wie jeder Christ kann er auch nichts anderes sagen als das, was in der Bibel steht.

Der Katholik weiß, dass er mehr in der Bibel lesen sollte. Nach dem II. Vatikanischen Konzil gehört es sich für einen Katholiken, in der Bibel zu lesen. Dann soll er noch, wie der Papst auch, zur Beichte gehen. Auch eine unerledigte Aufgabe. An Weihnachten und Ostern gehört der Papst mit dem Segen „Urbi et Orbi“ zum Festtagsprogramm. Überhaupt scheint der Papst Rom, der Urbs, zu gehören. Dort kann man ihn mittwochs bei der Audienz treffen. Von Rom kommen dann auch die unangenehmen Worte, woran man sich zu halten hat. Irgendwie kann man das nicht ganz abstreifen. Und dann noch manche Bischofsernennungen – das Katholiksein könne, so scheint es, einfacher sein, wenn es diese Instanz nicht gäbe. Aber ein Papst hat für die Kirchenmitglieder auch Vorteile. Es bleibt nicht beim diffusen Unbehagen, dass mit der eigenen Kirche und dem eigenen Christsein nicht so alles stimmt. Wenn Rom so viel falsch macht, dann soll es auch den Schwarzen Peter bekommen.

Wenn man als Katholik feststellt, wie sehr der Papst für das Katholisch-sein steht, müsste man sich mit ihm auch identifizieren. Er gehört ja zu den Katholiken und man gehört irgendwie zu ihm. Er ist nun mal der Nachfolger des Petrus und regelt im Auftrag Jesu die Sachen. Petrus erscheint uns schon sympathisch, mit seinem Eifer, mancher Unbesonnenheit, daß er feige wurde und Jesus verleugnete, noch mehr die Tränen, die er dann geweint hat. Jesus hat Petrus gemocht, wahrscheinlich mag er auch seinen jeweiligen Nachfolger. Der Papst ist ein Mensch und nicht Jesus, da darf auch schon mal etwas nicht so elegant sein, sondern holprig in der Wortwahl und nicht in der einfachen Sprache Jesu. Und wie Jesus mit seinen Jüngern zurecht kommen musste, muss auch der Papst mit den Kardinälen und Bischöfen das Schiff Petri über die stürmische See steuern. Anders als Jesus gebietet er nicht über den Wind, so dass das Schiff nicht selten zu kentern scheint. Aber ganz untergehen wird es nicht, das hat Jesus versprochen, auch wenn oft viel Wasser in den Kahn schwappt.

Der Papst scheint auch deshalb notwendig, weil irgend jemand diese katholische Vielfalt ordnen muß. Wer als heilig verehrt werden soll und wer noch nicht, dafür braucht es eine Instanz. Dann die vielen Leute, die eine Marienerscheinung hatten. Welche soll man ernst nehmen? Der Papst hilft, die Spreu vom Weizen zu trennen. Oder wer greift durch, wenn mal richtig etwas danebengeht. Wenn ein Bistum bankrott macht oder eine ganze Kirchenprovinz durch sexuellen Mißbrauch erschüttert wird. Da ist man doch froh, wenn Rom eingreift und man nicht alles den staatlichen Gerichten überlassen muss. Irgendwie verantwortet der Papst die Fehler jeder Kirchenregion mit und er ist manchmal sogar hilfreich, wenn der Schaden besprochen werden muss. Da fahren die Bischöfe nach Rom, auch, weil sie von dort Hilfe erwarten. Das ist der Dienst des Petrusamtes

Wenn sich die Katholiken unbedingt eine solche Vielfalt an Heiligen, an Orden und Kongregationen, an Festen mit ihrem Brauchtum leisten, dann brauchen sie jemanden, der eine gewisse Ordnung wahrt, sonst geht bald alles drunter und drüber. Und sie brauchen eine Instanz, die das wieder gerade biegt, was ohne die römische Hilfe vielleicht länger krumm bleiben würde. Da in den anderen Kirchen auch nicht immer alles so läuft, wie es in der Bibel steht, brauchen diese auch eine Instanz, die das regelt, wozu die einzelnen Kirchenbezirke nicht in der Lage sind. Die orthodoxen Kirchen haben Patriarchen, die eine ähnliche Funktion wie der Papst haben. Auch die Protestanten haben eine Person, die im Auftrag Jesu sagt, wo es lang gehen soll. Die Lutheraner Luther, die Reformierten Calvin, die Zwinglianer Zwingli, die Methodisten Thomas Wolsey, jede Konfession hat ihre papstähnliche Person, die faktisch weiter Papst ist. Damit das religiöse Leben nicht wie am Ende des Mittelalters ausufert und die Gefahr besteht, dass die zentralen Aussagen aus dem Blick geraten, war das Christentum von den Reformatoren auf wenige Prinzipien reduziert worden. Ohne klare Prinzipien müsste es tatsächlich eine Instanz geben, die den religiösen Wildwuchs immer wieder ordnet.

Weil die Katholiken es nicht so rational wollen, brauchen sie einen Papst, der aber nur so lange etwas zu sagen, wie er lebt. Petrus war in dem Moment nicht mehr Papst, als er „seine Seele Gott zurückgegeben hat“. Dann kam ein neuer Papst, Linus hieß er, man weiß nicht viel von ihm. Zwar können die Katholiken den Papst nicht wie einen Bundeskanzler abwählen, aber Gott ruft ihn zu sich, wenn er es für richtig hält. Das ist auch realistisch, denn sollte Petrus immer noch der insgeheim regierende Papst sein, er wäre mit den verschiedenen Zeitläufen überfordert. Da ist es schon besser, wenn immer wieder ein neuer Papst das Steuer des Kirchenschiffs in die Hand nimmt. Offensichtlich leisten sich Katholiken einen Papst, um öfters einen neuen zu bekommen. Da sie immer in der Gegenwart einen haben müssen, redet dieser ihnen vielleicht zu oft in die konkreten Angelegenheiten rein. Dafür hat er keine Fernwirkung aus seiner himmlischen Existenz. Denn nur wenn ein Papst die Katholiken überzeugt hat, kann er noch als Heiliger weiter wirksam sein, die Sympathien, wenn es um das konkrete christliche Leben geht, haben aber meist die Heiligen aus den Orden. Ein Benedikt imponiert immer noch mit seiner Regel, ein Franziskus durch seine poetisch gelebte Armut, ein Ignatius von Loyola durch seine Exerzitien. Die Ordensgründerinnen des 19. Jahrhunderts wie Franziska von Chervier oder Pauline v. Mallinckrodt leben in den von ihnen aufgebauten Kranken- und Waisenhäusern weiter. Nur wenige Päpste haben eine solche Nachwirkung.

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ