Ökumene

Heute erwartet die Gesellschaft von den christlichen Kirchen, dass sie sich vertragen. In der Öffentlichkeit erscheint es so, dass die katholische Kirche den ökumenischen Prozess blockiert, zumindest verlangsamt. Auch viel Katholiken sind der Meinung, dass man endlich gemeinsam die Eucharistie feiern sollte. Aus der Sicht des katholischen Laiengremiums (ÞZentralkomitee) haben die Protestanten auch all das, was den Katholiken fehlt, verheiratete Pfarrer, Frauen als Pfarrerinnen, keine strengen Regelungen bei der Wiederverheiratung von Geschiedenen.

Ein näheres Zusammenrücken der Konfessionen wird von außen auch deshalb erwartet, weil weder Katholiken noch Evangelische in nicht mehr in von ihnen geprägten Gebieten wohnen. Das war eigentlich in der Reformationszeit so gedacht und wurde auch umgesetzt. Man hatte sich auf den Grundsatz geeinigt: cuis regio, eius religio. „Wessen die Herrschaft, dessen die Religion.“ Es bestimmte also nicht der einzelne frei, ob er evangelischen Bekenntnisses sein oder bei der alten Kirche bleiben wollte, sondern der jeweilige Landesfürst. Für die katholische Kirche lag eine solche Regelung nahe, denn das ganze Mittelalter waren die Fürsten und vor allem die Kaiser daran interessiert, dass es in ihrem Herrschaftsgebiet nur einen Glauben und eine kirchliche Organisation gab. Bis ins Hohe Mittelalter sorgten auch meist die Kaiser für die Besetzung der Bischofsstühle und auch für die ordentliche Wahl der Päpste. Erst die Reformbewegungen, die mit dem Namen des Reformklosters Cluny und den Gründungen der Zisterzienserabteien verbundne ist, erstritt das Papsttum das Recht für die Kirche, die Bischofsstühle selbst zu besetzen. Der Gang Kaiser Heinrichs IV. nach Canossa (1077) und das Wormser Konkordat 1122 stehen dafür, dass sich der Papst weitgehend durchsetzen konnte. Für die evangelischen Bekenntnisse ist das Prinzip deshalb eingeführt worden, weil die Reformation nicht nur eine spirituell-theologisch Auseinandersetzung war, sondern auch die Selbstständigkeit der einzelnen Fürstentümer gegenüber dem Kaiser beförderte. Damit wurde die Lehnshoheit des Königs faktisch abgeschafft. Da die Habsburger katholisch bleiben, wurden die Fürsten auch aus politischen Gründen evangelisch. Bis zum Ende des 1. Weltkrieges waren die protestantischen Fürsten auch kirchlich für ihre evangelischen Christen die Kirchenleitung, die Kirchenorganisation wurde im Innen- oder Kultusministerium angesiedelt.

Mit der Industrialisierung kam es erstmals zu einer Durchmischung konfessioneller Gebiete, durch die Flüchtlingsströme noch einmal zu einer räumlichen Annäherung von Christen verschiedener Konfessionen.

Parallel dazu hatten sich die Gruppen von Christen für eine größere Annäherung eingesetzt. Motiv dafür war die Erfahrung, dass man in den Missionsländern, um überzeugend zu sein, nicht zerstritten auftreten konnte. Daher kommt auch der Begriff Ökumene, ein griechisches Wort, das den bewohnten Erdkreis bezeichnet. Die ÞKonzilien, die für das ganze Reich Geltung haben sollten, so das von Nicäa 325, wurden ökumenisch genannt. Nach mehreren großen Konferenzen kam es 1948 zu dem ständigen Zusammenschluss im Ökumenischen Rat. 348 Kirchen aus 120 Ländern sind Mitglied, also eine Art UNO der chrisltichen Welt. Und genau da ist die katholische Kirche, anders als viele orthodoxe und protestantische Kirchen, nicht Mitglied geworden. Grund ist, dass sie sich nicht auf die gleiche Stufe wie die anderen Kirchen stellen will. Denn die Katholiken verstehen Einheit als Anerkennung des Papstes. Das ist eigentlich der einzige trennende Faktor gegenüber den orthodoxen Kirchen, denn deren Bischofsämter wie auch deren Eucharistiefeier werden von der katholischen Kirche anerkannt. Da Ökumene in Deutschland zwischen den evangelischen Kirchen und der katholischen Kirche erwünscht ist, stehen die Differenzen über die gemeinsame Eucharistiefeier im Vordergrund. Entscheidender Differenzpunkt zwischen den Kirchen der Reformation und der katholischen Kirche ist allerdings nicht die Eucharistie, sondern das ÞBischofsamt. Katholischerseits geht man davon aus, dass die Bischöfe in der Nachfolge der Apostel stehen (Þapostolisch oder evangelisch) und dass die Feier der Eucharistie an ein amt gebunden ist. Faktisch haben die evangelischen Kirchen nach dem Ende der fürstlichen Kirchenregiments auch das Bischofsamt wieder eingeführt, das administrativ ähnliche Vollmachten hat wie der katholische Bischof, jedoch nicht in Lehrfragen. Da die Protestanten praktisch keine Konzilien durchführen, die verbindliche Aussagen machen können, bleibt die Frage der Lehrautorität in der Schwebe. In dem Kapitel Þevangelisch-katholisch ist auch dargelegt, dass die Differenzen zwischen den Konfessionen letztlich nicht auf der Ebene liegen, die ständig von Theologen diskutiert wird, nämlich das kirchliche Amt oder die Sakramente, sondern in einem tiefen Wandel des Gottesbildes, der bereits im Mittelalter stattgefunden hat.

Tiefer liegender als die von den Theologen diskutierten Themen bleiben auch die Kommunikationsmuster, die sich seit den Jahrzehnten der Reformation nicht verändert haben.

Die Protestanten treten mit Forderungen an die katholische Kirche heran. Der Inhalt der Forderungen ändert sich, aber nicht das Muster. In den letzten Jahren ist es vor allem die Forderung nach gemeinsamen Abendmahlsfeiern. Geblieben ist die Forderung, dass Papst auf seine Vorrangstellung verzichten soll, vor allem auf das Dogma der ÞUnfehlbarkeit.

Die Katholiken arbeiten subtiler. Sie verweigern nicht nur die gemeinsame Eucharistiefeier, sondern sprechen den evangelischen Landeskirchen ab, im vollen Sinne Kirche zu sein. In Lehrfragen trifft das auch das Verständnis der evangelischen Landeskirchen. Die EKD, die Evangelische Kirche Deutschlands tritt zwar als Sprecherin aller in ihre zusammengeschlossenen Landeskirchen auf, sie ist aber als theologische Größe der Zusammenschluss selbständiger Kirchen. So sehen sich die Evangelischen gezwungen, gegen den Anspruch der katholischen Kirche zu protestieren, dass die katholische Kirche definiert, was den Status einer Kirche ausmacht.

Solange diese Kommunikationsmuster weiter gepflegt werden, müssen die theologischen Gespräche steckenbleiben. Allerdings haben sie dazu geführt, dass Katholiken und Protestanten erkannt haben, dass in dem entscheidenden Punkt der Reformation kein inhaltlicher, sondern nur ein sprachlicher Unterschied besteht, nämlich dass die Erlösung, die „Rechtfertigung“ allein aus der Gnade Gottes kommt und der Anteil des Menschen allein darin besteht, diese Gnade anzunehmen. Aber genau hier liegt noch einmal ein wesentlicher Unterschied zwischen den Konfessionen.

Die Rolle der menschlichen Freiheit: Glaube
Nicht die Gnade Gottes ist strittig, sondern was genau der Anteil des Menschen ist. Das wird an der Marienverehrung wie auch an den theologischen Aussagen über Maria deutlich. Für die Orthodoxie und die katholische Tradition ist Maria die erste Glaubende, weil sie auf die Botschaft des Engels geantwortet hat: „Mir geschehe nach deinem Wort.“ In dieser Zustimmung wird der Anteil der menschlichen Freiheit gesehen, den Gott anfragt. Jesus verlangt immer, auch vor Wundehreilungen, den Glauben, dass Gott bewirken kann, was er verspricht. Nun spielt auch im Verständnis der Reformatoren der Glaube eine entscheidende Rolle, „gerechtfertigt aus Glauben“ ist die theologische Aussage. Das „Glauben“ richtet sich gegen die sog. guten Werke. Darunter sind nicht nur soziale Taten zu verstehen, sondern auch Gottesdienstbesuche, Gebete und die Ablässe. Im Verständnis der menschlichen Zustimmung, nämlich im Akt des Glaubens gibt es eine entscheidende Nuance. Obwohl der Protestantismus für Freiheit steht, ist die „Freiheit eines Christenmenschen“, die Luther propagiert hat, eine Freiheit gegenüber menschlichen und kirchlichen Autoritäten. Wer vor Gott gerechtfertigt ist, muss sich nicht mehr vor menschlichen Autoritäten rechtfertigen. Die Gnade Gottes selbst bringt die Freiheit nicht so ins Spiel, wie es die Katholiken und auch die Orthodoxen sehen, denn die Gnade überwältigt die menschliche Freiheit. Maria konnte gar nicht anders, als „Ja“ sagen. Das sehen die älteren Kirchen anders, nämlich dass Maria mit ihrer Freiheit auf das Angebot Gottes geantwortet hat. Hätte sie nicht „Ja“ gesagt, wäre die Erlösung nicht so den Menschen zuteil geworden, wie es durch ihr Ja möglich wurde.

Es liegen also unter den in den Medien und den Kommissionen der Theologen diskutierten Themen schwerwiegende Fragen und ein Streitmuster, das zu keiner Lösung führen kann. Zwischen Katholiken und Protestanten ist immer noch so wie zwischen einem Ehepaar, das sich über die Nutzung des PKW streitet. Die Frage ist aber nicht, wer das Auto fahren kann, sondern warum man sich überhaupt über dessen Nutzung streitet.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ