Nuntiatur

Nuntius ist lateinisch das Wort für „Gesandter“. Die Botschaften des Vatikans bei Regierungen haben diesen lateinischen Namen und an der Spitze einen Nuntius. Diese Nuntiaturen vertreten auf der einen Seite einen Staat. Der ist auf 0,44 Quadratkilometern reduziert. Er erstreckte sich einmal über weite Teile Mittelitaliens. Insofern gehörte der Kirchenstaat zu den europäischen Regierungen, war aber fast immer auf den Schutz, zuerst der mittelalterlichen Kaiser, dann von Österreich Habsburg angewiesen. Mit der Gründung des italienischen Staates verlor der Kirchenstaat immer mehr Territorien, 1870 eroberte König Victor Emmanuel Rom, es wurde Hauptstadt der italienischen Monarchie. Der frühere Kirchenstaat reduzierte sich auf den Vatikan. Der Status dieses Gebildes blieb bis zu den sog. Lateranverträgen unter Mussolini ungeklärt. Seitdem ist der Vatikan ein souveräner Staat mit eigener Post, einem Radiosender und dem Papst als Oberhaupt.

Die Bedeutung der päpstlichern Botschaften in den meisten Ländern erklärt sich jedoch nicht aus dem Status des Vatikanstaates, sondern aus der religiösen Institution Vatikan. Der Vatikan schließt mit den Staaten Verträge, Konkordate genannt, die die Angelegenheiten regeln, in denen sich staatliche Hoheitsrechte und kirchliche Belange berühren, so die Seelsorge beim Militär und in den Gefängnissen, der Religionsunterricht an staatlichen Schulen, und überhaupt der öffentliche Charakter der Religionsausübung, den die katholische Kirche in jedem Land sichern will.

Die Sicherung der Religionsausübung könnte auch durch Gesandtschaften, heute würde man von Delegationen sprechen, geregelt werden. Eine ständige Präsenz des Oberhauptes der katholischen Kirche bei den Regierungen und Parlamenten gab es aber schon früher. Diese Aufgabe erfüllten zuerst päpstliche Delegaten. Seit dem 16. Jahrhundert richtete jedoch der Vatikan zuerst bei den katholischen Staatsoberhäuptern Nuntiaturen ein. Die erste Nuntiatur wurde 1529 in Wien eingerichtet. Nuntien gab es auch bei den größeren deutschen Fürstentümern.

Traditionell ist in den meisten Ländern der Nuntius Doyen, der erste unter den Botschaftern. Hier setzt sich die alten Diplomatensprache und nicht das Latein durch, Doyen heißt im französischen „Dekan“.

Das Personal der Nuntiaturen wird an einer eigenen päpstlichen Diplomatenschule ausgebildet. Ehe man Nuntius wird, ist man an verschiedenen Nuntiaturen tätig gewesen. Mit der Ernennung zum Nuntius ist die Bischofsweihe verbunden, der Nuntius hat den Rang eines Erzbischofs. Oft werden sie später an die römische Kurie berufen und können dann Kardinal werden, wenn sie ein päpstliches Ministerium, eine Kongregation oder ein päpstliches Gericht leiten.

Nuntien gibt es da, wo es Katholiken gibt. Aber dort gibt es auch jeweils eine Bischofskonferenz. Als Bischof gehört der Nuntius zu diesem Gremium. Jedoch verlässt er in den meisten Ländern, z.B. in Deutschland, die Konferenz nach der Begrüßung. Der Nuntius ist sozusagen das Auge des Vatikans in dem jeweiligen Land und koordiniert die Vorbereitungen für eine Bischofsernennung, nämlich das Einsammeln von Namensvorschlägen und Stellungnahmen zu den Personen. Sein Einfluss ist groß in den Ländern, in denen auf der Basis von Vorschlägen aus dem jeweiligen Land der Vatikan einen Bischofsstuhl besetzt. In den Diözesen Deutschlands, außer in den bayerischen Diözesen und im Bistum Speyer, hat das Domkapitel das abschließende Wahlrecht. Es kann aus einer Liste von drei Kandidaten auswählen, die ihm vom Vatikan vorgelegt wird. Damit ist die Zustimmung des Papstes zu jedem der Kandidaten eingeschlossen. Der Kandidat braucht dann noch die Akzeptanz der jeweiligen Landesregierung. Die wird vom Leiter der Wahl, dem Dompropst oder Domdekan eingeholt.

Die Zuständigkeit der Länder für Kulturangelegenheiten lässt den Nuntius in Deutschland vor allem zum Gesprächspartner der Länder werden, mit diesen werden die Konkordate abgeschlossen. Aber auch auf Bundesebene gibt es Verträge, z.B. für die Militärseelsorge.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ