Hand- Mundkommunion

Handkommunion oder Mundkommunion?

Wenn man ein moderner Katholik sein will, dann lässt man sich beim Kommuniongang die Hostie in die Hand legen. Es gibt aber auch Gläubige, die sich wie früher die Hostie auf die Zunge legen lassen. Das eine wird Handkommunion, das andere Mundkommunion genannt. Mit der Mundkommunion wollen sie eine größere Ehrfurcht vor der Gegenwart Christi in der Hostie Ausdruck geben. Manche knien auch vorher nieder, ehe sie die Hostie empfangen. In diesem kleinen Unterschied spiegeln sich Jahrhunderte von theologischen Auseinandersetzungen im Abendland. Die Kirchen des Ostens haben nicht so um die Frage ringen müssen, wie Jesus in den Gaben von Brot und Wein gegenwärtig ist. Sie haben auch an der frühchristlichen Praxis, die Kommunion unter beiden Gestalten zu empfangen, festgehalten. Beide Gestalten sind Brot und Wein, die sie so erhalten, dass der Priester das Brot mit einem Löffelchen in den Wein taucht und es den Gläubigen in den Mund legt, also auch Mundkommunion.

Im Abendland gab es mit dem beginnenden Mittelalter ständig die Frage, wie man Christus in der Hostie begegnet. Die unterschiedlichen Positionen finden sich heute noch bei den Konfessionen und zeigen sich am Umgang mit der Eucharistie. Für die Katholiken ist Christus real in der Hostie präsent und bleibt auch präsent, so dass man den Gläubigen die in früheren Messen konsekrierten Hostien bei der Krankenkommunion oder in einer späteren Messe mit dem Wort „Leib Christi“ reichen kann. Die Hostie kann in der ÞMonstranz zur Anbetung aufgestellt werden. Für die Lutheraner ist Jesus nur im Augenblick des Empfangs in der Hostie präsent. Nicht verzehrtes Brot und nicht getrunkener Wein können daher nach der Abendsmahlsfeier weggeräumt, weggeschüttet werden. Für die von Calvin inspirierten Reformierten tritt das Abendmahl in den Hintergrund, Sie gehen von einer nur zeichenhaften Gegenwart Jesu in Brot und Wein aus, da der Leib Jesu im Himmel ist.

Wie die Gegenwart Jesu in Brot und Wein vorstellbar sein soll, führte zu einem großen Eucharistiestreit im frühen Mittelalter. Ein neues Denken war durch die Germanen in die Frömmigkeit gekommen, die für das Symbolische kaum Antennen besaß. Dass in dem konsekriertem Brot und Wein zwei Wirklichkeiten zusammenkommen, scheint diesem Denken nicht „wirklich“ genug. Entweder ist Jesus in der Materialität von Brot und Wein wirklich gegenwärtig oder er ist es gar nicht. Eine zu starke Fixierung auf die Gegenwart Jesu „jetzt“ in der Hostie löste aber die Beziehung der Eucharistiefeier zu ihrem Ursprung, nämlich zu Kreuz und Auferstehung Jesu, fast auf. Die Gefahr bestand, dass jede Eucharistiefeier als neues Kreuzesopfer Jesu missverstanden werden konnte. Deshalb lehnte Berengar von Tours den strikten Realitätsgedanken ab, nämlich dass man den realen Leib Jesu esse. Das erschien der anderen Richtung als zu lax, zudem bestand die Gefahr, dass der Unterschied zwischen einem Stück Brot und einer konsekrierten Hostie verwischt werden könnte. Berengar wird deshalb zu einer zentralen Person des frühmittelalterlichen Abendmahlsstreits, weil der auf einer Synode im Jahr 1029 zu dem Bekenntnis verpflichtet wurde, dass Brot und Wein nicht nur Zeichen für Leib und Blut Christi, sondern „in Wahrheit“ der wirkliche Leib und das wirkliche Blut Christi, die in Wirklichkeit von den Händen des Priesters berührt, gebrochen und beim Verspeisen mit den Zähnen „zerrieben“ werden.“ Aber man schränkte auch ein, dass es sich bei Brot und Wein nicht um reales Fleisch und Blut handle, sondern um sinnliche Zeichen. Aber was ist dann die Realität, wenn sie sinnlich nicht fassbar ist? Hier konnte das germanische Denken keine Lösung bieten. Als dann die aristotelische Philosophie über islamische Gelehrte ins Abendland kam, bot sich eine Lösung. Aristoteles unterscheidet zwischen der inneren Substanz und den äußeren Erscheinungsformen. Aristoteles war durch ein anderes Problem auf die Unterscheidung gekommen, nämlich dass sich ein Körper verändert – durch Bewegung, Temperatur, Farbe u.a., aber doch derselbe bleibt. Das, was bleibt, ist die Substanz, das was sich ändert, sind die Akkzidentien, die äußeren Zeichen. Nun ändert sich bei der Wandlung die Substanz in den Leib Jesu, die äußeren Zeichen bleiben unverändert  – so die Lösung, die mit dem Wort Transsubstantiation bezeichnet wird. Es verändern sich also nicht, wie bei den materiellen Körpern üblich, die äußeren Zeichen, sondern gerade das, was bei Körpern normalerweise unveränderlich bleibt, also wesentlich ist, die Substanz. Damit ist vorstellbar, dass Jesus wirklich in Brot und Wein gegenwärtig ist, ohne dass man es sieht. Der Begriff „Transsubstantiation“ konnte denjenigen eine Erklärung bieten, die an der Universität ausgebildet worden waren. Die Menschen, die damals in großer Zahl weder lesen noch schreiben konnten, suchten nach besonderen Zeichen. Legenden, dass Hostien entwendet und wieder gefunden wurden oder in der Messe umgeschütteter Wein zu Blutflecken auf dem Tuch führte, auf dem der Kelch gestanden hat, können vielleicht als Vergewisserung der realen Gegenwart Jesu in Brot und Wein verstanden werden. Ganz anders ist zu beurteilen, wenn Juden „Hosteinfrevel“ vorgeworfen wurde. Das war nichts anderes als üble Nachrede.

Da die Reformatoren den Einzug philosophischer Begrifflichkeit in die Theologie ablehnten, um zurück zur Bibel zu gelangen, lehnen sie die Transsubstantiationslehre ab, die vom IV. Laterankonzil 1215 bestätigt worden war.

Es zeigt sich auch hier, dass die Unterschiede zwischen Þevangelisch-katholisch bereits im Mittelalter liegen.

Und wie zeigt sich das in den unterschiedlichen Weisen, die Kommunion zu empfangen? Einmal steht das Mahl im Vordergrund. Wer an einem Mahl teilnimmt, muss nicht die Speise an sich verehren, indem er z.B. vor der Speise niederkniet. Im Verzehr verbindet sich der Essende mit dem Gastgeber, indem er sein Angebot, eine  Gemeinschaft zu bilden, annimmt. Im Abendmahl nimmt dieses Angebot eine besondere Art und Weise an. Denn beim Austeilen des Brotes und des Bechers mit Wein sagt Jesus „Das ist mein Leib“ und „Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Wer sich dagegen niederkniet und sich die Hostie auf die Zunge legen lässt, verehrt mehr die Gegenwart Jesu in der Hostie. Beides ist heute katholisch.

Wie soll man sich aber mit den heutigen physikalischen Kenntnissen von Körpern die Gegenwart Jesu vorstellen? Mit der Atomphysik hat sich der Begriff „Substanz“ aufgelöst, zudem seit Einsteins Relativitätstheorie Materie und Energie die zwei Seiten der gleichen Sache sind. Eine Möglichkeit, zu deuten, was mit realer Gegenwart gemeint ist, bietet z.B. eine Nationalfahne. Sie gilt, in Amerika für etwas Heiliges. Wer sie mit Füßen tritt, tritt auf der amerikanischen Nation herum. Es ist also eine mehr symbolische Betrachtungsweise, die es heute ermöglicht, die reale Gegenwart Jesu in Brot und Wein zu verstehen.

Der kurze Rückblick zeigt, dass es noch ein langer Weg ist, bis die verschiedenen Kirchen etwa das Gleiche unter der Gegenwart Christi in Brot und Wein verstehen. Zugleich wird aber auch deutlich, dass das jeweilige Weltbild, das in unserer Epoche von der Physik, im Mittelalter mehr von der Philosophie bestimmt war, zu einem jeweils neuen Verständnis von Realität führt und damit auch das Verstehen der realen Gegenwart Christi in Brot und Wein prägen. Die Geschichte zeigt, dass man an der realen Gegenwart Jesu in Brot und Wein festhalten kann, das Verständnis für diese Gegenwart sich aber entwickelt.

Zur Mundkommunion bleibt noch eine Frage. Wie kam man überhaupt auf diese Praxis, denn im Abendmahl hat Jesus das Brot weiter gereicht und die Apostel haben es mit ihren Händen angefasst? Hände können schmutzig sein. Zudem hat die Hand etwas Ambivalentes. Wir fassen alles Mögliche an, Sauberes und Dreckiges, aber auch Geld und andere zweideutigen Dinge. Weiter wird die Hand für die Körperhygiene gebraucht. Ehe es fließendes Wasser und Toilettenpapier gab, war das ein reales Problem.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ