Mittelalter

Das Mittelalter und seine Lichttempel

Wer eine gotische Kirche betritt, findet sich in einem für das Licht gebauten Raum wieder. War das Mittelalter ein Zeitalter des Lichts?

Das Mittelalter scheint im Rückblick als etwas Katholisches – schwarz und düster, mit Folterkammern und, so reiht sich die Assoziationskette weiter – mit den Hexenprozessen. Letztere sind aber ein Phänomen der mit der Reformation beginnenden Neuzeit und der Jahre nach dem Dreißigjährigen Krieg. Das Mittelalter war gar nicht so dunkel, sondern eine Epoche des Lichtes, das durch die Glasfenster in die gotischen Kirchen strömt. Nichts scheint für heutige Touristen so faszinierend wie diese mittelalterlichen Kirchenräume. Wie aber haben es die mittelalterlichen Baumeister verstanden, dass trotz des Negativen, was uns bei dem Wort Mittelalter einfällt, den Kölner Dom und viele andere Kirchen zu Magneten für die Tourismusindustrie zu machen? Es ist die Idee des Lichtes. Lichtdurchlässig sind die gotischen Räume konstruiert, alles andere als moderne Zweckbauten. Im Hintergrund stand eine Vorstellung, die Himmel und Erde verknüpfte. Im Mittelalter wusste man nicht, dass das Licht etwas Materielles ist. Es wurde als schwerelos und vom Himmel kommendimmel kommendHH erlebt. Man ging davon aus, dass das Licht auf der Erde so wie im Himmel scheint. Die Menschen leben am Tag in dem gleichen Licht wie Gott und die Heiligen. Die Licht-Räume der Gotik sind aus diesem Denken heraus gebaut worden. In der ersten gotischen Kirche, der ehemaligen Benediktinerabtei Saint Denis im Norden von Paris, wurden erstmals die Mauern durch Glas ersetzt. Das wäre schon vorher möglich gewesen, als man die Kreuzrippe entwickelt hatte. Um die Gewölbe leichter zu bauen, wurden zwischen den Säulen diagonal zwei sich kreuzende Rippen in Bogenform gebaut, um dann in die vier Felder leichte Steine zu hängen. Dadurch wurde das sehr viel schwerere romanische Tonnengewölbe abgelöst. Solche Kreuzrippen finden sich bereits in romanischen Kirchen wie dem Speyerer Dom. Auch wenn in diesem Dom das Gewölbe nur noch auf den Pfeilern ruht, war man noch nicht auf die Idee gekommen, das Mauerwerk durch Glas zu ersetzen. Dazu bedurfte es der neuen Wahrnehmung des Lichtes.

Das Licht lässt uns erkennen. Es gibt den Blick frei auf die Natur; das Licht des Verstandes ermöglicht Gotteserkenntnis. Die Erkenntniskraft des menschlichen Geistes reicht ohne das Licht nicht weit, sie kann im Dunkeln nichts erkennen, deshalb muss das, was wir erkennen, „licht“ sein. Interessanterweise wird die Aufklärung in England und Frankreich „Zeitalter des Lichts“ genannt. Die Protagonisten der Aufklärung wie Kant und Voltaire, wollten nichts mit dem Mittelalter zu tun haben. Sie erhoben den Anspruch, das Zeitalter der Vernunft begründet zu haben. Man musste das Mittelalter als eine dunkle Zeit hinstellen. Aber auch das Mittelalter hatte sich der Logik, der Mathematik und der Naturkunde verschrieben. Die großen theologischen Summen, die mathematischen Studien – sie bilden sich in den Bauwerken ab. Die Bauidee der Aufklärung ist die vollkommene Form, das Quadrat und der Kreis. Man knüpfte an die Bauideen der Antike an. Wie die Kunst der Griechen und Römer als klassisch definiert wurden, wird dieser Baustil Klassizismus genannt. Eigenartigerweise strömen die Touristen nicht in die klassizistischen Kirchen dieser Epoche, sondern in diejenigen aus der Zeit der Gotik. Gotik ist übrigens auch eine Art Schimpfwort. Es wurde in Italien für die in Frankreich entwickelte Gotik gebraucht, in Erinnerung an die wilden Germanen, die Goten, die Italien erobert und in Ravenna ein Reich errichtet hatten.

Die Beschäftigung mit der Geometrie erklärt ein weiteres Geheimnis, das die mittelalterlichen Kirchen so anziehend macht. Für die Raumaufteilung legte man ein Wissen zugrunde, dessen Geltung sowohl für die Erde wie für den Himmel angenommen wurde, die Geometrie. Die idealen Maße der Geometrie sind die Größenverhältnisse 1:2, 2:3 und 3:4. Das entspricht in der Musik der Oktav, der Quart und der Quint. In diesen drei Maßverhältnissen sind die Kirchen gebaut. Oft ist das Mittelschiff doppelt so hoch wie breit (Oktav). Die anderen Maßverhältnisse finden sich im Chor und in den Seitenschiffen. Das gilt bereits für die Romanik. Eine mittelalterliche Kirche „klingt“ genauso harmonisch wie der gregorianische Choral und andere Musik der Zeit.

Auch wenn wir heute sagen, dass das Licht nicht materielos ist und die Geometrie durch die Relativitätstheorie erweitert werden musste, um den kosmischen Raum zu beschreiben, von der Philosophie und der Handwerkskunst der mittelalterlichen Baumeister sind wir trotzdem fasziniert und reden hoffentlich nicht mehr vom Mittelalter als einer dunklen Zeit.

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ