Michael

 

Michael scheint besonders den Deutschen verwandt, aber er ist nicht der deutsche Michel. Das war ein Reitergeneral, der im Krieg gegen die Franzosen sich besonders hervorgetan hat.

Der Erzengel Michael ist jedoch der Schützer des Reiches. Ihm hat man viel zugetraut. Wer eine romanische Kirchenanlage mit ihrem massiven Westwerk aufragen sieht, der erkennt das Vertrauen, das Michael bei den Menschen genoss. Er sitzt nämlich im Westwerk der romanischen Dome und Abteien. Dort ist ihm oft eine Kapelle geweiht. Er wehrt das Böse ab, das vom Abend her droht. An der Westspitze Frankreichs ragt der Mont Saint Michel mit einem Kloster als Schutzschild gegen das Böse empor.

Woher kommt dieses Vertrauen? Es kommt aus dem letzten Buch der Bibel, das im Mittelalter viel mehr gelesen wurde als heute. In der Geheimen Offenbarung des Johannes geht es um den Kampf der guten gegen die bösen Mächte. Geschrieben ist das Buch aus den Erfahrungen der ersten Verfolgungen. Was die Christen auf der Erde erfahren, ist das Abbild eines himmlischen Kampfes, der sich unter den Augen Gottes abspielt. Gegenspieler sind der Drache mit seinen Engeln, ihnen tritt auf der anderen Seite Michael mit seiner Gefolgschaft entgegen:

”Da entbrannte im Himmel ein Kampf. Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die die ganze Welt verführt” (Offb 12,7-8).

Der Kampf zwischen den guten und den bösen Engeln ist noch nicht entschieden, weder im Himmel noch für die Gläubigen auf der Erde. Es gelingt Michael jedoch, den Drachen für 1000 Jahre zu fesseln, bevor es zur letzten Auseinandersetzung kommt. Die Idee eines tausendjährigen Reiches taucht dann immer wieder auf. Für das mittelalterliche Kaiserreich trifft die Dauer zu, das preußische Kaiserreich hatte zwischen 1871 und 1918 eine kurze Dauer, ehe der Kaiser abdanken musste. Das Tausendjährige Reich der Nationalsozialisten war nach 12 Jahren bereits zu Ende.

Der Drache schaut uns an mittelalterlichen Kirchen in Form der Wasserspeier an. Damit wird auch ein Bild der Geheimen Offenbarung aufgegriffen. Der Drache hat mit dem Wasser zu tun. Er ist ein Wesen, das viele Völker in ihren Mythen kennen. Er drückt Schrecken und Kraft aus und droht, den Menschen zu überwältigen. Der Drache oder die Schlange bewohnen das Weltmeer oder werden auch in der Milchstraße gesehen. Als Midgardschlange oder Leviathan umschlingt der Drache die Erde und bildet ihren äußersten Rand, der im Orkan seine Kraft beweist und den Menschen zu verschlingen droht.

Erdgeschichtlich gesehen kann sich darin auch eine Erfahrung der Menschheit in der Gestalt des Drachen spiegeln: Ein großer Komet prallte von Osten her auf die Erde. Wie ein Drache mit Feuerschweif erschien diese kosmische Katastrophe. Der Aufprall der Stücke im Meer erzeugte ungeheure, sich windende Wasserdampfwolken. Von daher lässt sich auch die Identität von Drache und Wasserschlange begreifen.

Wenn wir den Drachen als Sinnbild des Bösen anblicken, wird uns die Kraft, die uns verschlingen kann, vor Augen geführt. Der Drache lässt den Menschen nicht frei, sondern fesselt ihn, um ihn herabziehen zu können. Vor allen in romanischen Kirchen wurde den Menschen diese Seite des Daseins vor Augen geführt. Der Drache will die Frau, die ein Kind geboren hat, verschlingen. Die Frau steht wohl für die Kirche. Es heißt: “Als der Drache erkannte, dass er auf die Erde gestürzt war, verfolgte er die Frau, die den Sohn geboren hatte. Aber der Frau wurden die beiden Flügel des großen Adlers gegeben, damit sie in die Wüste an ihren Ort fliehen konnte. ... Die Schlange spie einen Strom von Wasser aus ihrem Rachen hinter der Frau her, damit sie von den Fluten fortgerissen werde. Aber die Erde kam der Frau zu Hilfe, sie öffnete sich und verschlang den Strom....” Offenbarung 12, 13ff

Dass Drachen als Wasserspeier an fast jeder mittelalterlichen Kathedrale zu finden sind, leitet sich von diesem Text her.

Trotz dieser bedrohlichen Szenarien weiß der Gläubige, dass der Drache am Ende nicht als Sieger, sondern als Besiegter dastehen wird. Der Erzengel Michael oder der heilige Georg halten ihn mit ihrer Lanze am Boden nieder. Genau in dieser Hoffnung unterscheidet sich die christliche Botschaft von den Mythen der Germanen. So, wie die isländische Edda die Glaubenswelt unserer Vorfahren wiedergibt, ist auch diese Welt von einem ständigen Kampf geprägt. Die schützende Macht verkörpern die Götter, die Gegenkräfte sind die Riesen. Die Edda endet damit, dass die Riesen die Götter besiegen und damit auch den Lebensraum der Menschen vernichten. Diese Ängste müssen die Menschen im frühen Mittelalter geplagt haben, sie haben Zuflucht bei dem starken Engel gesucht, der in seinem Namen bereits seinen Auftrag erkennen lässt, für die Sache Gottes zu kämpfen. Michael heißt übersetzt: Wer ist wie Gott!

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ