Meinung, Gute

Die gute Meinung

Eigentlich soll man den ganzen Tag beten, das rät der Apostel Paulus der Gemeinde von Thessaloniki: „Betet allezeit.“ Im ältesten Text des Neuen Testaments heißt es als Schlussmahnung:

„Freut euch zu jeder Zeit!
Betet ohne Unterlass!
Dankt für alles; denn das will Gott von euch, die ihr Christus Jesus gehört.
Löscht den Geist nicht aus!“ (1 Thess 5,16-19)

Im Epheserbrief heißt es ähnlich „Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen.“ (Eph 6,18),

Aber wie kann man immer auf Gott ausgerichtet sein, wenn man einen Motor repariert, einen Kunden berät, das Mittagessen kocht, eine unruhige Klasse unterrichtet oder im Karneval einer Büttenrede zuhört? Die Katholiken bekommen auch das hin. Sie „erwecken die gute Meinung“, d.h. sie richten alles, was sie am Tag tun werden, auf Gott aus. Dieses Gebet am Morgen formuliert der einzelne frei, es genügt auch zu sagen „Dein Reich komme!“

Dann ist alles, was der einzelne tut, auch Geschirr spülen oder die Steuererklärung machen oder auch die Übertragung eines Fußballspiels im Fernsehen verfolgen, in diesen großen Rahmen gestellt. Denn getan werden müssen die Dinge sowieso, dann kann man sie auch in die Ausrichtung auf Gott hinein nehmen.

Das klingt erst einmal naiv. Was hat der Sieg meiner Mannschaft mit dem Kommen des Reiches Gottes zu tun? Der Sieg gar nichts, auch wenn die Fans der unterlegenen Mannschaft sich von der Glücksgöttin verlassen fühlen. Bei der Guten Meinung kommt es nicht auf das Gewinnen, sondern auf die Gesinnung an. Wer sich am Morgen eingestimmt hat, der kann vielleicht noch abends die Wirkung spüren. Er wird dann vielleicht anerkennen, dass die andere Mannschaft die bessere war, auch wenn man für die eigene den Sieg erhofft hatte.

Die Menschen, die sich jeden Morgen auf die Gute Meinung einstimmen, nämlich alles, auch die Kleinigkeiten, mit in das Gebet zu nehmen, spüren auf die Dauer die Wirkung dieser inneren Ausrichtung. Sie leben eine Mystik des Alltags: dass nämlich die kleinen Dinge genauso wie die großen die Schöpfungskraft und das Erbarmen Gottes widerspiegeln.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ