Marienerscheinungen

Die Katholiken scheinen von der Mutter Jesu mehr beachtet zu werden. Zumindest hat es in den letzten Jahrhunderten den Anschein, denn Maria erscheint vor allem Mitgliedern der katholischen Kirche, fast nie Priestern, Bischöfen oder dem Papst, sondern meist jungen Frauen oder Kindern. Bernadette Soubirous war 14 Jahre alt, als ihr in einer Grotte bei Lourdes eine Frau erschien: sie berichtet „Ich hörte ein Geräusch ähnlich einem Windstoß, ich erhob die Augen zur Grotte und sah eine weißgekleidete Dame, welche ein weißes Kleid, einen blauen Schleier und auf jedem Fuß eine goldene Rose trug.“ Insgesamt berichtet Bernadette von 18 Erscheinungen, beim 16. Treffen gab sich die Frau als die unbefleckt Empfangene zu erkennen. Vier Jahre vorher hatte Papst Pius IX. das Dogma von  der Unbefleckten Empfängnis Mariens verkündet, d.h. dass Maria ohne Erbschuld gezeugt wurde. Den drei Hirtenkindern Lucia dos Santos, Jacinta und Francisco Marto erschient 1917 Maria jeweils am 13. des Monats, beginnend mit dem Monat Mai. Neueren Datums sind die Erscheinungen in dem bosnischen Ort  Medjugorje. Am 25.Juni 1981 haben sechs Jungendliche, Jungen und Mädchen, Maria mit dem Kind auf dem Arm gesehen. Sie sind inzwischen verheiratet und haben, einige noch täglich, andere einmal im Jahr eine Erscheinung Marias. Die Jugendlichen sind während der Visionen von Ärzten der Universitätsklinik Montpellier untersucht worden. Sie gelten als voll zurechnungsfähig. Diese Erscheinungen betreffen nur einzelne. Umstehende können nur an den Reaktionen der jungen Menschen beobachten, dass mit ihnen etwas Besonderes geschieht. In Medjugorje wurden sie dabei von Ärzten beobachtet. Sie waren unempfindlich gegen Schmerzen. Die Erscheinungen geschehen nicht einfach nur, sondern sind mit einem Auftrag verbunden, Buße zu tun, für die Bekehrung der Menschen zu beten. Die Kinder von Fatima erhalten den Auftrag, für die Bekehrung Russlands zu beten. Die Kinder von Fatima berichten auch von drei Visionen, so von der Ermordung des Papstes. Johannes Paul II. hat das Attentat auf ihn am 13. Mai 1981 mit dieser Vision in Beziehung gesetzt. Das Wasser der Quelle in Lourdes hat nachweislich Heilungen bewirkt.

Während des Kulturkampfes unter Bismarck wird in Marpingen im Saarland von Erscheinungen berichtet, die Wallfahrt dorthin ist in den letzten Jahren wieder aufgelebt und zieht viele Menschen an.

Bekannte Wallfahrtsorte in Deutschland, z.B. Telgte, Kevelaer oder Altötting und viele andere haben ein Bild oder eine Skulptur. Heilungswunder oder Gebetserhörungen machen das Bild bzw. die Skulptur bekannt und haben Wallfahrten zur Folge. Es gibt auch den ausdrücklichen Auftrag Marias, ihr eine Kapelle zu bauen, so in Kevelaer. Ein Händler, Hendrick Busmann, hörte 1641 dreimal den Auftrag: "An dieser Stelle sollst du mir ein Kapellchen bauen!". Es ist die Kreuzung der Handelstraßen von Köln nach Amsterdam und von Münster nach Brüssel. Die Vorstellung, wie die Kapelle aussehen sollte, erhielt seine Ehefrau Mechel, als sie nachts ein großes, glänzendes Licht und in diesem Licht eine Kapelle mit einem Andachtsbild sah. Am 1. Juni 1642 weihte der Pfarrer von Kevelaer ein Bildstöckchen an der Wegkreuzung und wählte einen vervielfältigten Kupferstich als Gandenbild aus. Es stellt Maria als Trösterin der Betrübten dar.

Neben den bekannten Wallfahrtsorten gibt es viele andere Heiligtümer, die sich auf besondere Erfahrungen einzelner zurückführen, besonders in Frankreich und Italien, aber auch in Deutschland und Österreich. Wie kommen die Katholiken zu dieser Vorzugsbehandlung, wo doch Maria im Glaubensbekenntnis vorkommt und daher von allen christlichen Konfessionen beansprucht werden kann?

Diese besondere Form der Marienfrömmigkeit wird von unten getragen, denn in der Regel sind die katholischen Bischöfe erst einmal kritisch gegenüber Erscheinungen oder Gebetserhörungen und Heilungen eingestellt. Sie setzen Kommissionen ein, die den Sachverhalt prüfen. Natürlich sind nicht nur die Bischöfe kritisch, sondern auch viele Katholiken, nicht zuletzt die Theologieprofessoren. So erhielt der saarländische ort Marpingen bis heute keine kirchliche Anerkennung, anders als Lourdes und Fatima. Die von Lourdes berichteten Heilungen werden von Ärzteteams sorgfältig untersucht. Marienwallfahrten sind eine Laienbewegung, eine Kirche von unten, die zu den Erscheinungsorten wallfahren und auf besondere Gebetserhörungen hoffen. Es scheint sich auch mehr um eine Frauenbewegung zu handeln, denn es sind vor allem Frauen, die an den Wallfahrten teilnehmen. Wird Maria von ihren Verehrern zu einer Art Göttin stilisiert? Der Beobachter könnte das vermuten, jedoch knien die Menschen nicht, wenn eine Muttergottesstatue in einer Prozession durch den Ort getragen wird. In den Kirchen knien die Beter, sie feiern die Messe mit, in der Christus eindeutig im Mittelpunkt steht.

Die Erscheinungen, die erst seit dem 19. Jahrhundert bekundet werden, in denen Maria die Seher und Seherinnen direkt anspricht, beinhalten keine neuen Glaubenswahrheiten.

Eine Erklärung lässt sich nicht einfach formulieren. Nährboden ist sicher die besondere Verehrung Marias. Sie wird als Mutter wie auch als Fürsprecherin gesucht. Als Fürsprecherin wird sie deshalb von den Menschen gesehen, weil nach den allgemeinen Erfahrungen eine Mutter einen besonderen Einfluss auf ihren Sohn hat. Die besondere Verehrung Marias teilen die Katholiken mit den orthodoxen Christen. Sie beginnt mit dem Konzil von Ephesus 431, das Maria als Gottesgebärerin herausstellt. Das war damals eine besondere theologische Fragestellung, nämlich ob Jesus bereits bei seiner Zeugung ganz Gott und Mensch war oder ob dies erst mit seiner Taufe im Jordan geschah. Das Konzil sagt, dass das Kind in der Krippe bereits wahrer Gott und Mensch ist. Was damals auch heftig diskutiert wurde, war die Einheit von Gott und Mensch in Jesus. Es gab Thesen, dass Maria nur den Menschen Jesus geboren habe. Das Ganze drohte sich zu der Vorstellung zu entwickeln, es gebe „zwei Söhne“, den von Maria geborenen Menschen Jesus und den Sohn des Ewigen Vaters. Man gebrauchte für Maria den Titel Christotokos, Christusgebärerin. Das Konzil wollte alle Unklarheiten mit dem Titel Gottesgebärerin aus der Welt schaffen. Die Theologen bezeichnen das Göttliche und das Menschliche in Jesus jeweils als Natur, die göttliche und die menschliche Natur. Das klärt aber noch nicht, wie die Einheit von Sohn Gottes und Jesus als Menschen zu sehen ist. Für die damalige Vorstellung stiftete die Seele die Einheit des Menschen. Aber da Jesus als wahrer Mensch eine menschliche Seele haben muss, konnte das alte Erklärungsmodell nicht mehr ausreichen. Es musste ein anderes Einheitsprinzip geben, das nicht in der Seele zu sehen ist, sondern noch einmal Körper und Seele umfasst. Es wurde in dem Begriff Person entwickelt, der zuvor nur „Maske“ bedeutete, die die Theaterschauspieler trugen. Die Person ist Jesus, der Sohn Gottes der die menschliche Natur angenommen hat. Es gibt also zwei Naturen in Jesus von Nazareth, aber nur eine Person.

Aus dem Wort, das noch nichts über den Menschen aussagte, entwickelte sich der für die Fundierung der Menschenrechte tragende Begriff „Person“, den wir mit einer unverletzlichen Würde verbinden. Diese Würde liegt nach den modernen Verfassungen aller Gesetzgebung voraus und ist unbedingt zu achten.

Durch das Konzil von Ephesus entdeckten die Christen die besondere Würde seiner Mutter. Sie war schon dadurch gegeben, dass Maria Ja zur Menschwerdung des Sohnes Gottes gesagt hatte. Es entstanden die Bilder, die Maria mit dem Kind darstellen. Diese Marienbilder konnten in der Apsis der Kirchen angebracht werden, in die die Christen bisher ihren König, den Weltenherrscher Christus dargestellt hatten. In Maria Maggiore in Rom wurde die älteste Mariendarstellung in der Apsis angebracht. Die Kirche wurde in den Jahren 432 bis 440 gebaut. Die ursprüngliche Apsis wurde im 13. Jahrhundert umgebaut, sie zeigt heute die Krönung Marias.

Die besondere Verehrung Marias zeigt sich in der großen Zahl ihr seit dem Mittelalter geweihter Kirchen. Besonders die Zisterzienser verehrten Maria. Einen neuen Aufschwung nahm die Marienverehrung im Barock, sie wurde in den Kriegen gegen die Türken angerufen. Im 19. Jahrhundert kam es nach den napoleonischen Kriegen, als die Romantik nicht nur zum erneuten Aufblühen des Karnevals, sondern auch der Heiligenverehrung führte, zu einer intensiven Marienverehrung. All diese Bewegungen wurden nicht von der katholischen Kirche „gemacht“, sondern entstanden „von unten“.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ