Lateinisch-Griechisch

Lateinisch gleich römisch, griechisch gleich katholisch

 

Das Markenzeichen der katholischen Kirche war über Jahrhunderte das Latein. Bis heute zitieren Theologen und Bischöfe gerne in Latein. Bis zur Liturgiereform 1969 wurden die Messe in Latein gefeiert, danach sind erst die Landessprachen auch Gottesdienstsprache geworden, wenn es sich nicht um Andachten und Prozessionen handelte - hier wurde auch früher in der Landessprache gebetet. Das Latein war auch Basis der europäischen Kultur, die mit der Kulturpolitik Karls d. Gr. ihren Aufstieg nahm. Nicht nur die liturgische, sondern auch die philosophische, medizinische, die juristische wie die theologische Fachliteratur waren in Latein verfasst. An den päpstlichen Fakultäten, so auch der der Orden, wurden teilweise bis zum II. Vatikanischen Konzils nicht nur in Latein doziert, sondern auch die Prüfungen in dieser Sprache abgenommen. Eigentlich sind es erst die Nationalstaaten, die sich nach dem Ende des Mittelalters langsam entwickeln, die auch eine Nationalsprache mit eigener Literatur hervorbrachten. Die Bibelübersetzung Luthers, es war nicht die erste, wurde deshalb auch zu einem kulturellen Phänomen, weil sie die Bibel für Menschen außerhalb der Gelehrtenwelt lesbar machte. Weil der Reformator in Deutsch schrieb, blieb die Reformation nach dem Modell Luthers eine nordeuropäische, eine germanische Angelegenheit. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren die evangelischen Pfarrer in der Regel nationaler eingestellt die als die katholischen.

Einen internationalen Ansatz hatte der Marxismus. Nach dem Ende des Kommunismus brach dann auch sein Reich wieder in die Nationalstaaten auseinander. Nicht nur machten sich die sog. Satteliten selbstständig, sondern auch die ehemalige Sowjetunion brach auseinander. Als dann China sich dem kapitalistischen Modell anschloss, war erst die Globalisierung möglich, deren Verkehrssprache Englisch ist.

Anzumerken ist, dass der andere große Reformator, Johannes Calvin, in Latein schrieb, was sicher auch dazu führte, dass diese Richtung der Reformation ins sehr viel mehr Ländern Resonanz fand, allerdings auch eher in Nordeuropa. Sein Hauptwerk ist die Institutio Christianae religionis (dt. „Unterweisung in der christlichen Religion“).

Weiter ist festzuhalten, dass die sog. romanischen Sprachen, Französisch, Italienisch, Spanisch, aber auch das Rumänische, sich aus dem Lateinischen entwickelten.

Macht aber das Latein die römische Kirche damit schon katholisch? Das muss verneint werden, denn die eigentlich katholische Sprache ist die, in der die Schriften des Neuen Testaments verfasst sind. Paulus hat seine Gemeinden Briefe in Griechisch geschrieben, weil die wenigsten Mitglieder Aramäisch verstanden. Die Juden, die er in Kleinasien und Griechenland erreichte, sprachen ebenfalls Griechisch. Sogar die späten Texte des Alten Testaments sind in Griechisch verfasst. Griechisch hatte im römischen Reich eine ähnliche Funktion wie heute das Englische. Auch der Hebräerbrief, der wohl in Rom entstanden ist, ist in Griechisch verfasst, denn damals sprach die römische Kirche griechisch und feierte auch in dieser Sprache ihre Gottesdienste. Erst Papst Damasus (305-384) führte die lateinische Sprache für den Gottesdienst der Stadtkirche Roms ein.

Was jede Sprache zuerst zu einem kulturellen und damit auch zu einem politischen Faktor werden lässt, ist die Literatur. Für die Kirche sind das die Hymnen, die theologischen Texte, die Heiligenbiographien.

Wie die Übersetzung Luthers hat auch eine lateinische Bibelübersetzung die abendländische Sprachgeschichte geprägt. Hieronymus 347-419, ein Priester der westlichen Kirche, ließ sich in Bethlehem nieder und übersetzte die Bibel, die als Vulgata, die „Gewöhnliche“ Basis für die mittelalterliche Liturgie und Theologie blieb. Die anderen Autoren, die die Grundlagen für eine abendländische Theologie legten, schreiben auch in Latein, Tertullian, er lebte um 200 noch in der Zeit der Verfolgung, Ambrosius von Mailand (339-397), Augustinus von Hippo (354-430), Papst Gregor I. (540-604).

Das Lateinische verbindet die römische Kirche mit den Kulturleistungen des alten Rom, hier besonders mit dessen Rechtstradition. Das ÞKirchenrecht prägt daher die Struktur und auch das Handeln der römischen Kirche mehr als das der Orthodoxen.

Nun ist das Lateinische nicht einfach aus unserer Kultur verschwunden, es gibt viele Worte, die sich aus dem Lateinischen ableiten, im Englischen sogar noch mehr, weil durch die Normannen das Latein in seiner altfranzösischen Variante Eingang in den englischen Sprachschatz gefunden hat. Die Mediziner und Biologen bewegen sich in einer lateinisch geprägten Namenswelt.

Nachdem nach der 1969 eingeführten Liturgie das Lateinische als Gottesdienstsprache fast verschwunden ist, regen sich heute wieder Initiativen, die Messe lateinisch zu feiern. Eine kleine Gruppe, die Piusbruderschaft, die vom Bischof Lefebrve als Protest gegen manche Beschlüsse des II. Vatikanischen Konzils gegründet worden war, hält nicht nur an der lateinischen Sprache, sondern auch an dem Messritus fest, der nach dem Konzil von Trient 1570 eingeführt wurde. Papst Benedikt XVI. hat ihn wieder zugelassen. Man muss sich aber nicht am sog. tridentinischen Ritus orientieren, wenn man eine Messe in Latein feiern will.

Es ist deutlich, dass das Latein zur Kultur des Abendlandes gehört, dass aber katholisch weiter ist als lateinisch.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ