Kreuzwege

Kreuzwege und Kruzifixe

 In jeder Kirche findet man einen Kreuzweg. Entlang den Seitewänden sind die Stationen des Prozesses und der Hinrichtung Jesu als Szenen dargestellt. Wenn es keine bildlichen Darstellungen gibt, markieren zumindest Kreuze die meist 14 Stationen.

Auf dem Kreuzweg soll der einzelne Jesus folgen, jeder soll sein Kreuz auf sich nehmen und es, entsprechend dem Vorbild Jesu, ohne Murren tragen.

Die Verehrung des Kreuzes hat sich erst im Verlauf der Frömmigkeitsgeschichte entwickelt. In den ersten Jahrhunderten, als man die Kreuzigung als Form der Hinrichtung noch kannte, stellten die Christen das Kreuz nicht so heraus. Es wirkte wohl zu abschreckend. Die gerichtlichen Auseinandersetzungen über aufgehängte Kreuze in den letzten Jahren zeigen, dass der Anblick des Gekreuzigten offenbar immer noch nicht zumutbar erscheint.

Dabei ist vom Kreuz als Zeichen und dem Kruzifix zu unterschieden. Kruzifix kommt von dem lateinischen Wort für „Gekreuzigter“ und zeigt immer den zerschundenen Leib Jesu.

Als die mittelalterliche Mystik eine große innere Nähe zu Jesus suchte, versenkten sich die Beter und Beterinnen in das Leiden. Langsam rückte das Kreuz, das vorher eher als Siegeszeichen in den Gottesdienst getragen wurde, in die Mitte des Chorraums. Das große Kreuz, an dem der Gekreuzigte von Schmerzen gekrümmt dargestellt wird, gibt es erst seit der Gotik. Die Kreuze der Romanik zeigen Jesus in herrscherlicher Gestalt, oft noch mit offenen Augen, so in Altenstadt bei Schongau, das Gereonskreuz im Kölner Dom oder das in der Seitenkapelle des Mainzer Doms.

Die Idee des Kreuzwegs hatten Jerusalempilger mitgebracht, denn am Karfreitag gingen die Christen schon früh den Weg Jesu vom Ort seiner Verurteilung zur Anhöhe Golgatha. Zuerst wurden die Kreuzwege daher auch außerhalb der Kirchen einen Berg hinauf geführt. An vielen Orten finden sich diese Kreuzwege bis heute.

Im Kreuzweg werden die Kirchenbesucher mit den Leidensstationen Jesu konfrontiert. Es gibt in jedem Gesangbuch Meditationen, die man einzeln oder in Form einer gemeinsamen Andacht beten kann. Die Meditationen zielen nicht nur auf das Mitgefühl der Beter, sondern stellen ihm auch die Ursache vor Augen, nämlich die Sünden der Menschen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Indem der einzelne als Sünder und damit auch Mitverursacher des Leids angesprochen wird, vermeidet der Kreuzweg den Fehlschluss, die damaligen Zeitgenossen Jesu, die „Juden“, hätten Schuld auf sich geladen und man könne mit dem Finger auf sie zeigen. Die Kreuzwegandachten lenken eher den Blick auf die Menschen, die heute verfolgt und misshandelt werden.

Mitgefühl mit den Leidenden und die Erkenntnis der eigenen Schuld, mit der der einzelne das Leiden Jesu mit verursacht hat, soll der Kreuzweg bewirken.

Mitgefühl, Eingeständnis der eigenen Schuld und auch die Annahme des eigenen Leids haben die Kreuzverehrung immer wieder dem Verdacht ausgesetzt, hier würde Unterwürfigkeit, falsches Sich-Ergeben in ungerechte Verhältnisse und überhaupt charakterliche Schwäche befördert. In seinem letzten Buch „Antichrist“, hat Friedrich Nietzsche das Mitgefühl und die Versenkung in das Leid anderer als Schwäche gebrandmarkt. Er geht sogar soweit, diese, von der Kirche gewünschte Haltung des Mitleids, als eine Strategie zu entlarven, den Gegner zu schwächen. Damit unterstellt er den Juden wie den Christen, sie würden das Mitgefühl mit Leidenden dazu missbrauchen, ihren Gegner die innere Kraft zu rauben.

Es ist sicher richtig, dass Kreuzwege keine revolutionäre Gesinnung entfachen. Deshalb ist der Kreuzweg mit der Achtundsechziger-Bewegung in der katholischen Kirche aus dem Blick geraten, in Mode war er nie.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ