Koninuität-Reform

Kontinuität gegen Reform

In der katholischen Kirche wird immer noch um die Ergebnisse des II. Vatikanischen Konzils gerungen. Auch 40 Jahre nach Ende des Konzils gibt es immer noch Katholiken, teils innerhalb, teils außerhalb der Kirchengemeinschaft stehend, die einige der Entscheidungen des Konzils bekämpfen, weil sie nicht der bis zum Konzil geltenden katholischen Lehre entsprechen sollen. Die Piusbruderschaft tritt, nachdem der Papst auf ihren Wunsch hin den Kirchenbann aufgehoben hat, selbstbewusst auf. Sie wollen einiges rückgängig machen, so vor allem den Dialog mit dem Judentum und den anderen Religionen sowie das Verständnis der Religionsfreiheit.

Das waren aber die Beschlüsse, die dem II. Vatikanischen Konzil die Zustimmung der Öffentlichkeit in den westlichen Ländern gebracht hat. Das Ende des Konzils fiel mit der Epoche zusammen, die sich unter der Überschrift „Reform der Institutionen“ ans Werk gemacht hatte. Was die Studentendemonstrationen an den Universitäten thematisiert hatten, wurde von den sog. Achtundsechzigern in Gesetze und Lehrpläne gegossen. Mitbestimmung wurde nicht nur in den Universitäten eingeführt, sondern auch in den katholischen Pfarreien. Wie in der Gesellschaft sollte durch die von dem Konzil eingeleiteten Reformen alles besser werden. Und vor allem sollte es wie in den westlichen Gesellschaften mit den Reformen weitergehen. So rennen die öffentliche Meinung und viele Katholiken gegen das Beharren Roms auf der an die Ehe gebunden Sexualität an. Sie wollen das Verbot, dass Geschiedene mit dem Segen der Kirche einen anderen Partner heiraten können, aufgehoben sehen, sie setzen sich dafür ein, dass Frauen die Priesterweihe gespendet wird, dass Partnerschaften von Homosexuellen den Segen der Kirche erhalten. Immer ein Nein aus Rom. Mangelnde Reformbereitschaft wird der Kirche in zumindest monatlichem Rhythmus unterstellt. Katholiken, die die öffentliche Zustimmung zu den Reformen des Konzils erlebt haben, fällt es immer schwerer, ihrer Kirche zu folgen. Fehlender Nachwuchs in den Priesterseminarien könnte aufgefangen, der Rückgang der Gottesdienstbesucherzahlen gestoppt werden, wenn die katholische Kirche sich nicht so unnahbar gegenüber Reformen verhielte. Da der Wind der öffentlichen Meinung der Kirche meist  ins Gesicht bläst, verengt sich ihr Spielraum immer mehr.

Hier kollidiert das Selbstverständnis, vor allem der westeuropäischen Kulturen, mit dem der romanischen Länder. Im Kapitel über das ÞWahrheitsethos wird das Thema auch aufgegriffen. In Italien und anderen Ländern, die nicht so stark vom Gedanken der Aufklärung geprägt sind, gibt es viel weniger Proteste gegen den vom Vatikan aufgestellten Moralkodex, auch wenn in Sachen Ehescheidung und Abtreibung keine günstigeren Verhältnisse bestehen. Im Norden und Westen Europas erträgt man es weniger, wenn zwischen den moralischen Normen und der Alltagswirklichkeit die Kluft wächst. Dort versucht man dann, die Normen mehr der Realität anpassen. Diese Bestrebungen prallen an den Mauern des Vatikans ab. Vor allem wenn es um die Abtreibung geht.

Nun ist der Papst, obwohl sein Amt mit einer großen Entscheidungsbefugnis ausgestattet ist, nicht einfach frei, sondern an die Festlegungen seiner Vorgänger gebunden. Zwar hat es in der Geschichte der katholischen Kirche schon mehr Veränderungen gegeben, als man es vom Hort des Konservativismus erwartet, aber der Papst hat eigentlich nur da wirklichen Handlungsspielraum, wo er Neuland betritt. Das liegt an der immanenten Logik der Lehrautorität. Würde der Papst eine Festlegung eines seiner Vorgänger nicht nur fortschreiben, sondern verändern, würde er seinen Vorgänger als fehlbar hinstellen. Zudem könnte sich jeder Katholik auf frühere Dokumente berufen und das Papstamt dem Verdacht aussetzen, es passe sich dem Zeitgeist zu sehr an.

Nun ist die Grundtendenz „Kontinuität“ der katholischen Kirche auch durch die Reformtoren sozusagen eingeprägt worden. Denn was blieb damals der in Bedrängnis geratenen Kirche anders übrig, als möglichst wenig vom Überkommenen aufzugeben, denn das Neue versprachen ja die Reformatoren.

Ganz anders fällt der Blick von den östlichen Kirchen auf die Lateinische. Von dort her gesehen steht die katholische Kirche unter dem Verdikt der östlichen Kirchen, zu viel am Bestand des „Glaubens der Väter“ geändert und zuviel neue Dogmen eingeführt zu haben. Diese Kirchen nennen sich daher „orthodox“. Recht haben die Orthodoxen darin, dass dem römischen Papstamt die Versuchung eingepflanzt ist, zu allem und jedem etwas Verbindliches zu sagen. Da der Westen stärker vom römischen wie dem germanischen Rechtsdenken geprägt ist und weniger auf die symbolische Kraft der christlichen Mysterien vertraut, wird auch mehr ausformuliert und damit festgelegt. Ob einmal Fixiertes noch zwei Generationen später die Wirklichkeit bestimmen kann, ist ein großes Risiko.

Es zeigt sich deutlich, dass die Kirchentrennungen auch immer zu Einseitigkeiten führen. Die Spannweite von orthodox bis protestantisch ist nicht so leicht auszuhalten, aber sie kann sich wirklich katholisch nennen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ