Kirchenrecht

Katholiken unterliegen mehr Vorschriften als ihre evangelischen Mitchristen. Es gibt nicht nur gebotene Fast- und Abstinenztage, genaue Vorgaben für die Eheschließung. Viele Regeln für die Feier von Messe, Taufe, Hochzeit und Beerdigung lassen das katholische Leben etwas starr erscheinen. Die evangelischen Christen sind mehr auf ihr Gewissen verwiesen, so wie Luther sich gegen die päpstlichen Legaten auf sein Gewissen berufen hat. In der Reformation bricht dann auch ein Gegensatz auf, der schon bei der römischen Eroberung Germaniens deutlich wurde. Rom will die von ihm eroberten Gebiete zu Teilen seines Reiches machen, idem es sein Rechtssystem einführt. Im ganzen Reich gilt das gleiche Recht. Nicht mehr die örtliche Rechtssprechung entscheidet, sondern ein im fernen Rom ausgearbeiteter Kodex. Das germanische Recht beruht dagegen auf der Tradition der sich entwickelten Rechtsprechung. Anfangs ist nichts aufgeschrieben, die Richter, damals noch die Herzöge und Grafen, urteilen mehr nach der “Gewohnheit“. Regionale Traditionen haben darin viel mehr Gewicht.

Mit dem römischen Rechtssystem kamen auch die Reichssteuern, die auf sehr viel größere Ablehnung stießen als das römische Rechtssystem. Nicht nur war der Aufstand, den Hermann, der Cherusker 9 n. Christus anführte, durch die Steuereintreibung provoziert, auch im damaligen Palästina waren die Steuereintreiber Roms, die Zöllner, verhasst.

Die unterschiedlichen Rechtstradition zwischen den am römischen Recht orientierten Staaten und den vom germanischen Rechtsdenken geprägten Ländern zeigt sich bis heute in der anderen Stellung der Rechtssprechung, die in England und den USA die Gerichte haben, denn diese wenden nicht nur das vorgegebene Recht an, sie entwickeln durch ihre Rechtssprechung auch das Recht weiter.

Allerdings ist das römische System den Germanen nicht einfach auferlegt worden, denn sie haben ja die Römer zurückgedrängt und eigene Staatswesen aufgebaut. Die Franken herrschten nördlich der Loire und unterwarfen sich mehr und mehr die anderen germanischen Stämme, so Chlodwig die Alemannen und Karl d. Gr. die Bayern und dann in langen, grausamen Kriegen die Sachsen.

Als der Herrschaftsbereich immer größer geworden war, mussten die fränkischen Könige eine Verwaltung aufbauen. Wie früher die Römer mussten sie auch für eine Gleichheit der Rechtsanwendung sorgen. Es konnte nicht sein, dass bei einem bestimmten Vergehen das eine Gericht so, das andere anders entschied.

Die für die folgende Entwicklung grundlegende Entscheidung war, dass sich die fränkischen Könige nach Rom hin orientierten. Wichtige Vorarbeit hatte Bonifatius geleistet, der seine Reorganisation zuerst der bayerischen Kirche, sein Bemühen um die religiöse Vertiefung im Frankenreich und dann seine Missionstätigkeit im hessischen Gebiet in enger Anbindung an Rom durchführte. Karl d. Gr. hat dann die liturgischen Bücher und damit die Gottesdienstpraxis von Rom übernommen und damit die fränkischen Traditionen außer Kraft gesetzt. Die Kaiserkrönung im Jahr 800 war nur das äußere Zeichen eines tiefer gehenden Prozesses. Auf dieser Basis, ermöglicht durch die lateinische Sprache, entstand die Kultur des Mittelalters.

Der Gegensatz zwischen dem römischen Denken und Fühlen und dem Germanischen brach in der Reformation neu auf. In ihr überlagerte sich der Gegensatz der Fürsten gegen das habsburgische Kaiserhaus mit dem Affekt gegen Rom. Die Übersetzung der Bibel ins Deutsche („Latein“) war das deutlichste Zeichen, neben der Ablehnung der römischen Ordnungsprinzipien. Anders als die von Calvin geprägte Richtung des Protestantismus löste sich das Luthertum von rechtlichen Vorgaben. Das ist auch in der lutherischen Sicht der Kirche begründet, die als wahre Kirche nur unsichtbar in der Glaubenshaltung ihrer Mitglieder besteht. Die Darstellung der Kirche nach außen, ihre Ordnung und ihre Ämter sind in der Konzeption weltlich, sie haben nichts mit der Rechtfertigung zu tun. Sie wurden Jahrhunderte lang an den Staat delegiert. Nicht nur waren die Fürsten die Bischöfe der lutherischen Kirche, auch die Verwaltung der Kirche bis hin zum Einsatz der Pfarrer war Angelegenheit von Ministerien. Ein Kirchenrecht, mit dem die Landeskirchen ihre Angelegenheiten selbst regeln, entwickelte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Die Kirche im Abendland war den Königen und Fürsten nicht militärisch überlegen, wohl aber dadurch, dass sie über das Personal verfügte, das Lesen und Schreiben konnte. Es waren die in Abteien und an Domschulen herangebildeten Kleriker. In dem englischen Wort Clerk hat sich die Bedeutung erhalten, in einem Büro zu arbeiten. Ein eigenes kirchliches Recht ermöglichte es der Kirche des Abendlandes, sich als selbstständige Körperschaft zu sehen. Die Kirche kann nämlich Rechtsakte setzen, die keiner staatlichen Beglaubigung bedürfen. Das ist weniger bei Grundstücken der Fall, als bei der Ernennung des kirchlichen Leitungspersonals. Da die Franken und später die sächsischen Kaiser die Stabilisierung ihrer Macht zu einem guten Teil auf die Bischöfen und die Abteien stützten, wollten sie natürlich auch die wichtigen Posten mit ihren Leuten besetzen. Bekanntes Beispiel ist der hl. Bruno von Köln, er war Bruder Otto I. Natürlich führte das dazu, dass die meisten Bischöfe nicht mehr in erster Linie Seelsorger waren, sondern im politischen Spiel eine aktive Rolle einnahmen. Einer der vielen kirchlichen Reformbewegungen, hier diejenige, die vom burgundischen Kloster Cluny ausging, gelang es mit Papst Gregor VII., der aus ihren Reihen hervorgegangen war, den Kaisern das Recht zur Ernennung des Bischofs abzuringen. Dafür steht symbolisch der Gang Heinrichs IV. nach Canossa. Die Auseinandersetzung gewann die Kirche aber nur zu einem Teil, denn die Bischöfe blieben für ein bestimmtes Gebiet ihres Bistums Landesherren. Dafür wurden sie durch die Investitur von Kaiser weiterhin eingesetzt. Im Konkordat von Worms fand man eine Gewaltenteilung, die bis heute nach im Kleinen nachwirkt. Wenn nämlich ein Bischof vom Domkapitel gewählt ist, wird er erst verkündet, wenn er von der Landesregierung bestätigt wurde.

Das Kirchenrecht hat nicht nur die positive Wirkung, dass die Kirche eigene Angelegenheiten selbst verbindlich regeln kann, es beinhaltet in sich eine andere Grundausrichtung als die Prinzipien, die die Seelsorge prägen. Das Recht versucht aus sich heraus nach Regelungen, die für alle in gleicher Weise gelten und „ohne Ansehen der Person“ auch durchgesetzt werden können. Würde das Recht Ausnahmen machen, würde seine Anwendung gefährdet und es würde Unrecht produziert.

Auf der einen Seite verankert das alte Testament die Rechtsnormen im Willen Gottes, der Moses auf dem Berg Sinai das Bundesgesetz gegeben hat. Die Bibel stellt aber Gott auch als einen Verzeihenden vor, der nach dem Prinzip der Barmherzigkeit handelt und von Jesus nicht als Exekutor allgemeiner Rechtsprinzipien dargestellt wird. Zudem scheint die Polemik Jesu gegen die Schriftgelehrten diese Sicht zu unterstützen, vor allem wenn es darum geht, dass Jesus am Sabbat, dem Tag der Ruhe, Kranke heilt. Kirchliche Amtsträger werden, je höher in der Hierarchie desto häufiger, mit dem Vorwurf konfrontiert, sie würden dem Auftrag Jesu nicht gerecht. Unbarmherzigkeit ist das Wort, mit dem die Aussetzung einer Rechtsnorm eingeklagt wird. Die Kirche soll Gnade vor Recht ergehen lassen.

Dazu ein Beispiel aus der Geschichte. Im Mittelalter mussten der König und der Fürst als oberste Richter jemanden vergeben, der sich vor ihnen auf den Boden warf. Ott II., der Kaiser, der um die Jahrtausendwende auch Herrscher über Rom war, begnadigte einen Gegenpapst, als dieser sich vor ihm auf den Boden warf. Kaum war der Kaiser wieder nördlich der Alpen, begann derselbe sein Machtspiel um den Papstthron von Neuem. Als der Kaiser wieder in Rom war, verhinderte er, dass sich der Rebell vor ihm auf den Boden niederwerfen konnte. Er wurde hingerichtet.

Was sagt aber Jesus über die Gültigkeit des Rechts? Auf der einen Seite sollen wir unserem Bruder, der sich gegen uns versündigt hat, nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzig Mal, also immer wieder vergeben, weil auch Gott uns vergibt. Zugleich sagt er aber, dass er kein Gesetzt, noch nicht mal ein Jota, das Häkchen an einem Buchstaben einer Gesetzesvorschrift, ändern will.

Den Gegensatz von allgemein verbindlichen Normen und Vergebungsbereitschaft gegenüber dem Individuum lässt er bestehen.

Man kann die Spannung auch nicht auflösen. Auf der einen Seite braucht ein Gemeinwesen eine verbindliche Rechtsordnung, sonst zerfällt es. Ohne Recht, dessen Anwendung für den einzelnen eine große Härte beinhalten kann, gibt es keine Gerechtigkeit. Auf der anderen Seite bleibt das Prinzip der Barmherzigkeit.

Die katholische Kirche versucht die Spannung durch die Unterscheidung von Forum internum und Forum externum aufzulösen. Das Forum internum ist in der Beichte Thema, es unterliegt dem strikten Beichtgeheimnis, das niemand, auch der Papst nicht, verwässern kann. Hier geht es um die Vergebung der Sünden und es gilt das Prinzip göttlicher Barmherzigkeit. Im Forum externum geht es nicht um die persönliche Schuld, sondern das gegenüber der Gemeinschaft relevante Verhalten. Dafür hat die Kirche eine eigene Rechtsorganisation mit bischöflichen und vatikanischen Gerichten. Dabei bleiben die beiden Sphären strikt getrennt. Was in der Beichte im Namen Gottes vergeben wird, wirkt nicht auf ein kirchliches Gerichtsverfahren ein, allein schon wegen der unüberwindbaren Barriere des Beichtgeheimnisses wird der Beichtvater nicht Zeuge im Prozess.  

Noch ein Weiteres ist von Bedeutung: Das Kirchenrecht gibt der katholischen Kirche das römische Profil. Es ist direkt mit der Liturgie verbunden, früher der lateinischen Messe heute mit den liturgischen Regeln, die für alle Diözesen auf der Welt gelten. Aber es gibt noch andere Liturgien, nämlich in den mit Rom Unierten Kirchen. Für diese Kirchen gelten eigene Rechtsbücher, so für die unierte Kirche in der Westukraine, die Maroniten im Libanon und in Syrien, die syromalebarischen Christen im Süden Indiens. Diese Gebiete wurden sehr früh von Missionaren der syrischen Kirche missioniert, weil vom persischen Golf aus Schiffe verkehrten, die den Apostel Thomas nach Indien gebracht haben sollen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ