Kirche – eine oder viele

Kirche kommt jedem heute als eine Vielzahl von Konfessionen entgegen. Die katholische unterscheidet sich dadurch, dass sie darauf beharrt, unter dem Papst die eine, wahre Kirche darzustellen. Protestanten sind diejenigen, die diesen Anspruch nicht akzeptieren. Die schnell wachsenden Pfingstkirchen berufen sich auf den Geist, der sie inspiriert und so immer wieder Kirche entstehen lässt. Dann gibt es die Kirchen des Ostens, die älter sind als die Kirchen des Westens und auf ihrer Orthodoxie bestehen, d.h. dass sie die Kirchenstruktur wie auch die Lehren der ersten Konzilien am treusten bewahrt haben. Wie hat die Einheit in der frühen Kirche funktioniert?

Nach dem Ende der Verfolgungen durch den römischen Staat lag der Schwerpunkt des kirchlichen Lebens im Osten. Hierhin verlegt Konstantin auch die Reichshauptstadt, nämlich nach Byzanz, das in Konstantinopel umbenannt wurde. Im Edikt von Mailand hatte er 313 den Christen Religionsfreiheit gewährt. Damit erhielt der Patriarch von Konstantinopel, ein besonderes Gewicht. Es gab aber auch in Jerusalem, in Antochien und Alexandrien Schwerpunkte, so dass die Bischöfe den Rang eines Patriarchen hatten. Moskau kam später hinzu. Diese Patriarchen hatten die gleichen Funktionen wie der Papst für die abendländische Kirche. Sie wurden von Synoden gewählt und hatten über die anderen Bischöfe eine Art päpstliche Funktion. Für den Ausdruck kirchlicher Einheit gab es einen Ritus, nämlich ein Bischof, der neueingesetzt und zum Bischof geweiht war, sandte ein Glaubensbekenntnis an die Nachbarbischöfe, so auch die Patriarchen untereinander. Die Glaubensbekenntnisse waren deshalb Ausdruck der Einheit, weil diese vor allem durch Lehrunterschiede bedroht war. So ging es im Arianismus um den Kernbestand des christlichen Glaubens. Arius, ein Priester der alexandrinischen Kirche sagt von Jesus, dieser sei zwar vor der Erschaffung der Welt von Gott hervorgebracht, aber nur als Geschöpf. Das würde bedeuten, dass nicht Gottes Sohn, sondern ein Geschöpf die Menschheit erlöst hat. Konnte man aber dann der Erlösung sicher sein? Hier ergriff Kaiser Konstantin die Initiative und berief in seine Sommerresidenz nach Nicäa, einem Vorort von Konstantinopel, 325 ein Konzil ein. Dieses verurteilte die Lehre des Arius. Unter dem Gesichtspunkt der Einheit war es also der Kaiser, der eine für die ganze Kirche repräsentative Synode einberufen hat, weil er es offensichtlich konnte. Auch die nächsten Konzilien wurden von Kaisern einberufen und von ihnen geleitet.

Dann kam es zum Bruch zwischen Ost und West. Beide Seiten hatten sich auseinander gelebt. In Rom war das Papsttum spirituell erstarkt. Man hatte gegen den deutschen Kaiser ein Mitspracherecht bei der Besetzung von Bischofssitzen durchgesetzt. Natürlich wollte man den päpstlichen Einfluss auf den Osten ausdehnen, zumal dieser durch den Ansturm des Islams geschwächt war. Aber dass sich ein Patriarch einfach der römischen Oberhoheit unterwirft, war nach der Jahrhunderte alten Tradition nicht zu erwarten. 1054 legten päpstliche Gesandte auf den Altar der Hagia Sophia, der Patriarchenkirche von Byzanz, eine Urkunde, die den Patriarchen von Byzanz aus der Gemeinschaft ausschloss, ebenso tat es der Patrairch von Konstantinopel mit dem römischen Patriarchen. Gern würde Rom diese Handlung ungeschehen machen. Sie nistet aber tief im Gedächtnis gerade der Griechen. Hinzu kommt, dass der IV. Kreuzzug sich in Streitigkeiten in Byzanz einmischte und die Gelegenheit nutzte, die reiche Stadt 1204 zu plündern. 1453 wurde Konstantinopel von den Türken erobert und ist seitdem eine muslimische Stadt mit wenigen Christen, aber immer noch mit dem ersten unter den Patriarchen des Ostens.

Im Abendland war Rom immer wieder als Zentrum bedeutsam. Papst Gregor (540-604) schickte Benediktiner zur Missionierung nach England. Ebenso erfolgte die Mission des Bonifatius im Einverständnis mit dem Papst. Aber über das ganze Mittelalter hinweg war die Kirche auch auf den Kaiser ausgerichtet, denn dieser hatte die Bischöfe mit Regierungsgewalt für Teile ihres Bistums ausgestattet, die sie in katholisch gebliebenen Gegenden bis zur Säkularisierung 1803 behielten. Zur Zeit des sächsischen Kaiserhauses kümmerten sich die Kaiser um die Kirche, viele Geschwister der Ottonen wurden Bischöfe oder Äbtissinnen. In Rom schafften sie Ordnung und setzen häufig deutsche Bischöfe als Päpste ein. Bischöfe, so die von Köln, Trier und Mainz, waren auch zur Kaiserwahl berechtigt. Durch den spirituellen Aufbruch Ende des 10.Jahrhudnerts wird die Verbindung von irdischer Herrschaft und bischöflicher Amtsgewalt immer suspekter. Als Mönche des Reformklosters Cluny schließlich Papst wurden, suchten sie das Bischofsamt von der kaiserlichen Bestimmungsgewalt zu lösen. Papst Gregor VII. zwang Heinrich IV. zum Nachgeben. Der Gang nach Canossa 1077 steht symbolisch für die Durchsetzung des Reformwillens. Seitdem steht der Papst für die Einheit der Kirche – aber nur für das Abendland. Das drückt sich vor allem darin aus, dass der Papst Konzilien einberuft. Als durch Spaltung im Kardinalkollegium zur Wahl mehrerer Päpste kommt, muss allerdings der Kaiser, Sigismund, für die Abdankung der inzwischen drei Päpste sorgen. So konnte das Konzil von Konstanz 1417 einen neuen Papst wählen. Der Anspruch Roms wird durch die Reformatoren abgelehnt, sie gründen neue Kirchen auf der Basis der Bibel, ohne dass sie ein Einheitsprinzip einführen. Mit der Abspaltung der Protestantischen Kirchen festigt sich die zentrale Bedeutung des Papsttums für die katholische Kirche und bietet in Verfolgungszeiten und für Katholiken in Diktaturen einen starken Rückhalt.

Die ökumenische Bewegung beginnt im 19. Jahrhundert innerhalb protestantischer Kirchen, herausgefordert durch die Mission. Denn waren bisher die Kirchen auf jeweils ein Territorium bezogen, trafen sie in den Missionsländern aufeinander. Das erforderte ein Aufeinander Zugehen. Faktisch hat sich aber in den Missionsländern die Vielzahl europäischer und US-amerikanischer Kirchen abgebildet. Dort ist das Klima zwischen den Kirchen allerdings sehr viele aufgeschlossener, was in den Herkunftsländern der Missionare erst langsam wuchs. Man besann sich auch auf den Auftrag Jesu, der Einheit unter seinen Nachfolgern gefordert hatte. Nach mehren Konferenzen, ausgehend von Missionsgesellschaften, kam es, verzögert durch den Zweiten Weltkrieg, zur Gründung des ökumenischen Rates. In der katholischen Kirche entstand auch eine ökumenische Bewegung, die das II. Vatikanische Konzil aufgriff und ihr mit einem Dokument zur Ökumene 1964 zum Durchbruch verhalf.

Der kurze Überblick zeigt: Einheit ist nicht einfach da und kann offensichtlich auch nicht institutionell garantiert werden. Das Papsttum hat sich über weite Strecken als einheitsstiftend bewährt, aber es ist auch Anstoß und sogar Verursacher des Schismas mit der Kirche von Byzanz. Die Kräfte der Einheit liegen sicher nicht allein in der Institution. Entscheidender ist vielleicht die Feier der Sakramente, wobei Taufe und Eucharistie eine zentrale Rolle spielen. Mit der Taufe wird man Christ und gehört damit zur gesamten Christenheit, sei diese auch in viele Konfessionen gespalten. Die Eucharistie als Ausdruck der Gemeinschaft dient immer wieder der Gewinnung von Einheit. Hier sind sich Orthodoxie und Katholiken sehr nahe, es gibt keine gravierenden Unterschiede, anders im Verhältnis der reformatorischen Kirchen zur katholischer und zu den orthodoxen Kirchen. Eine Rolle kommt auch dem Papstamt zu. Das Neue Testament kennt eine Einsetzung des Petrus durch Jesus. Er soll seine Brüder stärken. Mit vielen Romreisen zeigen die Katholiken, dass ihnen der Papst etwas bedeutet. Wenn er ein Land besucht, ist das auch Ausdruck seiner Aufgabe, zu Gläubigen zu stärken und in die Einheit der Kirche tiefer einzubinden ( Þ Katholiken-Papst). Wie die Vielzahl der Konfessionen und das einheits-stiftende Papsttum einmal in ein Verhältnis kommen, lässt sich kaum in den Konturen erkennen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ