Katholikentage

Wie die Parteien sich zu ihren Parteitagen treffen, so die Katholiken zu ihren Katholikentagen. Vergleichbar sind die evangelischen Kirchentage. Inzwischen veranstalten die Christen beider Kirchen ihre Treffen hin und wieder gemeinsam.

Mit den Parteitagen haben die Katholikentage tatsächlich die Gemeinsamkeit, dass sie aus der Zeit stammten, in der sich in Deutschland die Gesellschaft nicht mehr in Zünften, Studentenverbindungen und über regionale Feste organisierte, sondern eigene Vereinigungen gründete, um die Gesellschaft mit zu gestalten. Es entstanden nicht nur Parteien, sondern auch Vereine und Verbände. Damit sich diese Gruppierungen über den lokalen Bereich hinaus organisieren konnten, brauchten sie Medien, damals Zeitungen, so dass die Forderung nach Pressefreiheit und die Freiheit, ohne staatliche Kontrolle Presserzeugnisse herauszugeben, Teil des gesellschaftlichen und politischen Aufbruchs Mitte des 19. Jahrhunderts war. Dieser hat sich in den sog. bürgerlichen Revolutionen verschiedener Länder gezeigt und führte zur Umwandlung von Ständerversammlungen in Parlamente und Schritt für Schritt zum allgemeinen Wahlrecht. In Deutschland versammelten sich in der Paulskirche 1848 diejenigen, die eine stärkere Mitbestimmung der Bürger forderten und zugleich auf einen deutschen Staatenbund drängten. Im Zusammenhang mit dieser Bewegung kam es auch zu einem Aufbruch unter den Katholiken.

Das katholische Leben war im Zusammenhang mit den napoleonischen Kriegen sehr beeinträchtigt worden. Mit der Säkularisierung 1803 verloren die Bistümer und Abteien ihren Grundbesitz und die katholische Kirche damit ihre wirtschaftliche Basis. Da die Seelsorge bis dahin zu einem guten Teil über Stifte und Abteien organisiert war, die die Sprengel um ihr Stift bzw. ihre Abtei herum betreuten, musste mit dem Organisationsprinzip Pfarrei im 19. Jahrhundert die Seelsorge neu organisiert werden. Da die Bistümer und Abteien bis 1803 auch eigenständige kleine Staaten waren und jeder Bischof nicht nur geistlich das Oberhaupt des Bistums war, sondern für einen Teil des Gebietes auch der Landesherr, lebten die Katholiken bis dahin meist unter einem katholischen Herrscher. Da es neben Bayern unter den Fürsten kaum katholische Häuser gab, waren die Katholiken nach 1803 meist Untertanen evangelischer Landesherrn. Diese wollten die katholische Kirche genauso regieren wie die evangelische Landeskirche, deren Bischof sie waren. Die Verwaltung der Evangelischen Kirche war nämlich bis zum Ende des 1. Weltkriegs Teil der Landesregierung, vor allem die Besetzung der Pfarrstellen wurde in einem Ministerium entschieden. Die katholische Kirche wollte dagegen an der Trennung von Staat und Kirche, wie sie im Mittelalter durchgesetzt und im Wormser Konkordat 1122 zwischen Papst und deutschem Kaiser neu geregelt worden war, festhalten. Es ging vor allem darum, dass die Bischöfe nicht, wie bis zum 12. Jahrhundert üblich, von der staatlichen Gewalt, sondern von der Kirche eingesetzt wurden.

Mit der bürgerlichen Revolution 1848 erkämpften die Katholiken sich erstmals einen größeren Freiraum und konnten sich weitgehend der Bevormundung durch den jeweiligen Landesherrn entziehen. Mit dem damaligen gesellschaftlichen Aufbruch bildeten sich auch schnell katholische Vereine, die bereits in ihrem Namen einen starken Bezug auf den Papst zum Ausdruck brachten, denn in der ersten Gründungswelle nannten sich viele nach dem damaligen Papst Pius IX. „Piusvereine für religiöse Freiheit“. Aus diesen frühen Gründungen sind dann die Verbände hervorgegangen, die bis heute das kirchliche Leben prägen.

Diese Vereine koordinierten sich im ÞZentralkomitee der Verbände, heute Zentralkomitee der Deutschen Katholiken genannt. Dieses veranstaltet die Katholikentage. Der erste fand 1848 in Mainz statt, 1948 der erste wieder nach dem Krieg, nachdem die NS-Regierung die Katholikentreffen untersagt hatten. Über die Katholikentage bündelten die Verbände ihre Interessen in Bezug auf die gesellschaftlichen Fragen. Als sich 1870 katholische Abgeordnete im preußischen Abgeordnetenhaus zum Zentrum zusammenschlossen, war nach einem langen Vorlauf eine Interessenspartei der Katholiken gegründet, die auch in den Reichstag, in das Parlament des am 18. Januar 1871in Versailles ausgerufenen Deutschen Reiches, gewählt wurde und sogar zweitstärkste Fraktion war. Es ging der Partei neben der Verteidigung der Rechte der Katholiken und der katholischen Kirche vor allem um die sozialen Probleme der Industrialisierung. Es kam zum Aufbau einer katholischen Presse, faktisch einer Presse des Zentrums, so wie die anderen Parteien ebenfalls ihre Anhänger über eine Tages- oder Wochenzeitung an sich zu binden suchten. Es gab bereits im 19. Jahrhundert Probleme mit der Landwirtschaft. Weiter mussten sich die Katholiken entscheiden, ob sie eine eigene Gewerkschaft gründen oder sich den bestehenden Gewerkschaften anschließen wollten.

Vergleicht man die Tagesordnung der Katholikentage in den ersten 100 Jahren mit dem heutigen Themenspektrum, dann hatten diese Treffen nicht nur viel weniger Besucher, sondern es fehlten auch die Kirchenthemen wie Zölibat, Diakonen- und Priesterweihe für Frauen. Dass sich die Katholikentage von einem Forum über gesellschaftspolitische Themen zu einem Podium für innerkirchliche Reformen verwandelten und die Bischöfe heute die gesellschaftspolitischen Standpunkte formulieren, hängt mit zwei Entwicklungen zusammen.

  1. Das Zentralkomitee hat faktisch eine große Nähe zur CDU. Seine Präsidenten sind seit langem prominente Politiker von CDU und CSU. Der Bischofskonferenz gelingt es inzwischen sehr viel überzeugender, katholische Standpunkte in die Öffentlichkeit zu bringen als dem katholischen Laiengremium.
  2. Das Zentralkomitee als Veranstalter der Katholikentage ist das auf Bundesebene agierende Gremium der Pfarrgemeinderäte. Diese sind durch das II. Vatikanische Konzil eingerichtet und werden durch Wahlen beschickt. Diese Gremien sind sehr viel stärker an innerkirchlichen Fragen interessiert und bestimmen in den letzten Jahrzehnten nicht nur die Themen, sondern auch die Zusammensetzung der Teilnehmerschaft der Katholikentage.  

 Den Katholikentagen gelingt es, viele Jugendliche für die Teilnahme zu gewinnen.

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ