Jungfrau Maria

Das Madonnenländchen (der östliche Odenwald) gibt sich schon durch den Namen als katholische geprägte Region zu erkennen. Marienstatuen scheinen etwas Katholisches an sich zu haben, obwohl der lateinische Westen des damaligen römischen Reiches die Marienverehrung von den heute orthodoxen Kirchen übernommen hat. Schon lange vor der Reformation, im 12. Jahrhundert, kam es zu einer Blüte der Marienverehrung im Abendland, durch die Zisterzienser verbreitet. Viele Marienkirchen haben daher ein hohes Alter und auch lutherische Kirchen, die Maria geweiht waren, haben bis heute ihren Namen behalten.

Angestoßen wurde die Verehrung der Mutter Jesu noch früher, nämlich durch das Konzil von Ephesus 433. Im Konzil ging es nicht um Maria, sondern um das Verständnis der Person Jesu. Eine komplizierte Frage stand im Hintergrund. Ist Jesus von Anfang an Gottes Sohn gewesen oder wurde er sozusagen erst später, konkret bei der Taufe im Jordan, von Gott als Sohn adoptiert. Denn bei der Taufe hörte Jesus eine Stimme, die sagte: „Dieser ist mein geliebter Sohn, an ihm habe ich Wohlgefallen.“ Nicht wenige christliche Theologen neigten damals dieser Interpretation des Textes zu. Das würde bedeuten, dass zuerst der Mensch Jesus geboren worden wäre und sich erst später mit dem ewigen Wort Gottes vereint hätte. Man müßte als Konsequenz dann annehmen, dass es zwei Söhne gab, den von Maria Geborenen und den ewigen Sohn Gottes, der aus dem Vater hervorgegangen ist. Das widerspricht aber dem Johannesevangelium, das im 1. Kapitel sagt: „Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Jesus war also von Anfang an Sohn Gottes, Maria hat nicht nur einen Menschen geboren, sie ist Gottesbärerin (Theotokos) und nicht nur Christusgebärerin. Diese Aussage des Konzils, die eigentlich nur eine theologische Lehrmeinung präzisierte, stieß die Verehrung der Gottesmutter an. Wenn bisher in den Kirchen Jesus als Weltenherr in der Apsis dargestellt wurde, konnte nun dieses zentrale Motiv über dem Altar auch Maria mit dem Kinde sein. Die älteste Darstellung, kurz nach dem Konzil von Ephesus gemalt, wurde für Maria Maggiore in Rom gemalt. Im Barock wurde die Aufnahme Mariens in den Himmel zentrales Altarmotiv. Im 19. Jahrhundert gab es einen neuen Aufschwung der Marienverehrung, ausgelöst durch viele Marienerscheinungen.

Was fasziniert die Katholiken an dieser Frau. Sie war Jesus persönlich der nächste Mensch, sie hat ihn bei seiner Mission begleitet, stand unter dem Kreuz und hat den Leichnam ihres Sohnes in den Armen gehalten. Viele Mütter konnten sich, gerade in Kriegszeiten, von der Mutter Jesu verstanden fühlen. Maria ist aber nicht nur die Leidende, sie wird von den Menschen auch als Schutzmantelmadonna verehrt. In den Türkenkriegen, als viele Katholiken mit dem Rosenkranz gegen die drohende Gefahr beteten, wurde ihr mehrere Siege zugeschrieben. Das Rosenkranzfest am 7. Oktober wurde anlässlich der Seeschlacht von Lepanto 1571 eingeführt. In Österreich und Bayern finden sich Marienstatuen auf Siegessäulen als Dank für die erfahrene Gebetshilfe.

Im 19. Jahrhundert war es wieder ein theologischer Impuls, der die Marienverehrung beflügelte. 1854 kam eine weitere schwierige theologischer Frage zu einer Klärung: War Maria bei Ihrer Geburt frei von der Erbsünde oder wie alle Menschen in den Schuldzusammenhang verstrickt, der von dem ersten Sündenfall immer neue Verfehlungen hervorgebracht hat? Jesus, der Sohn Gottes, konnte nicht von einer Frau geboren sein, die mit der Sünde in Berührung gekommen war. Andererseits musste Maria als Tochter Evas wie alle anderen erlöst werden. Die theologische Klärung besagte, dass Maria sozusagen im Vorgriff auf die Erlösung, die ihr Sohn noch zu vollbringen hatte, von der Erbsünde befreit war. Wie alle Geschöpfe bedarf Maria der Erlösung, trotzdem kommt ihr eine Ausnahmestellung zu. Das hängt mit einem spezifischen Freiheitsverständnis des katholischen Denkens zusammen. Maria war für die Erlösung unbedingt notwendig, denn durch ihr Ja zur Geburt des Erlösers hat sie diesem das Tor in die Menschheitsfamilie geöffnet. Ihr Ja ist die erste Glaubensantwort auf die Initiative Gottes, die Menschheit zu retten. Gott stülpt dem Menschen das Heil nicht einfach über, sondern will es im Dialog mit den Menschen verwirklichen. Maria hat stellvertretend für das jüdische Volk und für alle, die später zum Glauben kommen, Ja zu Menschwerdung des Sohnes Gottes und damit zum Heilshandeln Gottes gesagt. Weil sie auch hätte ablehnen können, aber es nicht tat, sind die Christen in Ost und West so von Maria fasziniert, denn das entscheidende Ja des Glaubens ist von ihr gesprochen.

Im Ja auf die Antwort Gottes, in der Glaubensantwort beginnt Kirche. Der nächste Schritt für die Sammlung des Volkes Gottes ist die Auswahl der 12 Apostel, die stellvertretend für die 12 Stämme Israels stehen. Mitten unter den Aposteln empfängt Maria am Pfingsfest, den Heiligen Geist, Gründungsdatum der Kirche. Das Fest von der „Unbefleckten Empfängnis“, d.h. dass Maria ohne Übertragung der Erbsünde gezeugt wurde, wird am 8.Dezember gefeiert, da auf dem 8. September das Fest der Geburt Marias liegt.

 „Wir grüßen dich, Maria, Mutter Gottes, Ehrwürdiger Schatz, der der ganzen Welt gehört, nie erlöschendes Licht…, nie zerstörter Tempel, der den umschließt, welcher nicht umschlossen werden kann, Mutter und Jungfrau … Durch dich wird die Dreieinigkeit verherrlicht. Durch dich ist das Kreuz Gegenstand der Verehrung in der ganzen Welt, Durch dich herrscht im Himmel Jubel, deinetwegen freuen sich die Engel und Erzengel. Durch dich werden die Dämonen verjagt. Durch dich wird der Versucher, der Teufel, aus dem Himmel vertrieben. Durch dich wird die gefallene Kreatur zum Himmel erhoben, durch dich ist die ganze Schöpfung, die das Opfer des Wahnsinns der Götzenanbetung geworden war, zu der Erkenntnis der Wahrheit gelangt, durch dich erlangen die Gläubigen die Taufe und das Öl der Freude, durch dich wurden die Kirchen in der ganzen Welt gegründet, durch dich werden die Völker zur Bekehrung angeleitet.“

Der Verfasser der Predigt ist unbekannt, zitiert nach Laurentin: "Kurzer Traktat der marianischen Theologie"; Regensburg 1959, S. 77

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ