Jakobswallfahrt

Jakobspilger Warum macht sich Jenna, einer der Töchter von George W. Bush im Jahre 2004 auf den Weg nach Santiago de Compostella? Gut protestantisch erzogen, der Vater im sicheren Wissen, den Kampf gegen den Terrorismus und andere Feinde Amerikas im Namen Gottes zu führen, besucht sie den Heiligen, der in Spanien auch der Maurentöter genannt wird. Die vielen Pilger, täglich sind es mehr als tausend, die Santiago zu Fuß, zu Pferd oder auf dem Fahrrad erreichen, werden von einer Legende angezogen. Im Jahre 813 hatte ein Einsiedler einen Traum, der zur Wiederauffindung der Gebeine des Apostels Jakobus führte. Diese sollen mit einem Schiff an die Westküste Spaniens gelangt sein. Auf Grund des Traumes wurden die Reliquien auf dem Campus Stellae, dem Sternenacker, wieder gefunden. Nach dem Bericht der Apostelgeschichte, den niemand anzweifelt, ließ der König Herodes Jakobus, den älteren Bruder des hl. Johannes, mit dem Schwert hinrichten. Es soll das Jahr 44 gewesen sein. Vorher, so will es die Legende, hat Jakobus schon in Spanien gepredigt. So wie der Apostel Thomas von den indischen Christen und der Apostel Andreas, der Bruder des Petrus, von der Orthodoxie verehrt wird, ist Jakobus der Ältere der Schutzpatron Spaniens. Sein Gedenktag am 25. Juli versammelt den König und andere Repräsentanten des spanischen Volkes an seinem Grab im Nordosten Spaniens. Nachdem die Wallfahrt im 16. Jahrhundert zum Erliegen kam, belebt sie sich in den letzten Jahren, neben den Pilgern zu Fuß oder auf dem Fahrrad steuern viele Busreisende Santiago an, berühren die Säule am Eingang der Kathedrale mit dem Kopf und legen ihre Hand in das Löwenmaul am Fuß der Statue. Den ganzen Tag, auch während der Gottesdienste, steigen Besucher einige Treppen hinter dem Altar hoch, wo eine Büste des Apostels berührt wird. Die Anziehungskraft, die die Stadt des Heiligen Jakobus, (so die Übersetzung von Santiago = Sanctus Jakobus), ausübt, erklärt sich aus den Berichten der Pilger, die besondere Erfahrungen machen. Das Verwunderlichste ist, dass sie Kälte und Hitze, die Blasen an den Füßen, Regen und Hitze, den Durst und die Müdigkeit vergessen. Warum so viele diese Mühen auf sich nehmen, um gerade Santiago in einer abgelegenen Region Spaniens zu erreichen, kann nur der Heilige selbst erklären. Er ist ja an das Ende der damals bekannten Welt gekommen. Deshalb heißt der Zielpunkt der Wallfahrt Kap Finisterre (finis Terrae - Ende der Welt), 94 km weiter auf dem Wanderweg westlich von Santiago an der Küste. Offensichtlich empfängt dieser Heilige die Pilger auf ihrem Lebensweg. Sie machen sich auf, um ihre Sorgen, die Trauer um den verstorbenen Ehemann irgendwie Herr zu werden, um für ein krankes Enkelkind zu beten, die eigene Berufswahl zu klären oder sonstwie ihrem Leben eine neue Perspektive zu geben. Im Mittelalter konnte man sogar die Verurteilung zum Tode mit einer Wallfahrt nach Santiago abgelten. Die Wallfahrt war aber selbst auf den Tod gefährlich. Zwar haben die Benediktiner und Hospizorden Unterkünfte und Krankenversorgung angeboten, viele Stiftungen ermöglichten die Versorgung der Pilger, aber wer in der südlichen Auvergne oder in den Pyrenäen in einen Schneesturm geriet, wer sich verirrte oder unter die Räuber fiel, hatte kein Handy dabei, um einen Reiter anzufordern, den manche Hospize bezahlten, damit sie die verirrten Pilger einsammelten. Wer von Krakau oder Lübeck sich auf den Weg machte, konnte sich nicht die warme Jahreszeit aussuchen und auch nicht, wie viele Pilger heute, die Wallfahrt in Etappen auf mehrere Jahre verteilen. Vielleicht übt der Weg ans Ende der Welt die besondere Faszination aus. Vielleicht ist es auch die Gewissheit, wenn man Santiago erreicht, dort empfangen zu werden, von der Kirche, von den Menschen, dass man einen Gottesdienst feiern kann und das große Weihrauchfass durch das Querschiff geschwenkt wird und dass man die einmaligen Erfahrungen auf dem Weg mit anderen Pilgern austauschen kann. Das alles gibt es natürlich an anderen Wallfahrtsorten auch, die einmalige Anziehungskraft von Santiago, die bis nach Japan und den amerikanischen Kontinent reicht – die kann nur der heilige Jakobus selbst erklären.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ