Heilige für jede Situation

Die Katholiken haben für verschiedene Angelegenheiten Heilige mit der Wahrnehmung ihrer Anliegen betraut. Der hl. Antonius hilft, Verlorenes wiederzufinden. Nikolaus beschützt die Kinder vor Tempelprostitution, er ist Patron der Schiffer und der Gefangenen. Die hl. Agatha kann man bei Feuer, den hl. Vitus bei Gewitter angerufen werden. Der Apostel Judas Thaddäus, nicht der Judas, der Jesus verraten hat, hilft in verzweifelten Fällen. Vor der hl. Anna können Frauen ihre Sorgen mit den Kindern aussprechen. Autofahrer haben den hl. Christopherus zum himmlischen Helfer erkoren. Man muss die Heiligen nur anrufen und kann sich dann himmlischer Hilfe sicher sein. Auf jeden Fall hilft Maria. Sie hat im Himmel den besten Zugang zu Christus. Das wird nicht nur in Liedern besungen. An vielen Wallfahrtsorten finden sich Täfelchen mit der Aufschrift „Maria hat geholfen“.

Die Gläubigen sind sich sicher, dass wenigstens im Himmel, wenn schon nicht hier auf der Erde, das Anliegen verstanden wird. Wenn die Bitte nicht erhört wird, sät das bei den meisten Katholiken keinen Zweifel daran, dass vom Himmel Hilfe zu erwarten ist. Bei einigen Gläubigen, meist Männern des Mittelmeerraumes, kann der Angerufene allerdings Flüche hören, wenn die Bitte sich nicht erfüllt. Kaum ein Katholik hat allerdings eine Vorstellung, wie die vielen Anliegen, die im Himmel ankommen, irgendwie koordiniert werden sollen. Manche Fürbitten schließen sich auch gegenseitig aus. Wenn der Dieb eine verlorene Geldbörse findet und dem hl. Nikolas, der auch ihr Patron ist, dafür dankt, dann muss er sich mit dem hl. Antonius abstimmen, der sich mehr für die zuständig fühlt, die etwas verloren haben.

Hinter all dem steckt die Überzeugung, dass wir hier auf Erden mit unseren vielen Nöten und Bedrängnissen nicht vergessen sind. Es kümmern sich viele um die Erdenbürger und versuchen, die Unebenheiten des Lebens zu glätten, so gut es geht. Denn perfekt wird diese Welt auch durch das himmlische Wohlwollen nicht. Ziel ist es ja, dort anzukommen und den ganzen Ärger, den dieses Leben macht, hinter sich zu lassen. So war für viele Christen der Übergang von diesem Leben in das andere von hoher Bedeutung. Das Gebet um eine gute Todesstunde war zentral, eigene Bruderschaften halfen, sich auf den Tod vorzubereiten. Viele Heiligen können für einen gute Sterbestunde angerufen, so Franz Xaver, für einen ruhigen Tod die hl. Ursula, für einen sanften Tod die hl. Brigitta.

Die Anrufung der Heiligen scheint auf den ersten Blick eine magische Praxis zu sein. Sie lebt aber aus der Überzeugung, dass die himmlische, auch die triumphierende Kirche genannt, mit der hier auf Erden wandernden, der pilgernde Kirche verbunden ist. Diese himmlische Kirche ist nicht eine ferne Welt, sondern ragt in diese Welt hinein. Das sehen die Gläubigen in ihren Kirchen. Zumindest finden sie eine Marienstatue, meist eine Statue des hl. Antonius und des hl. Joseph. In gotischen und barocken Kirchen stehen Apostel an den Säulen. Wenn Gottesdienst gefeiert wird, dann ist das eigentlich Teilnahme an der himmlischen Liturgie. Deshalb stehen die Heiligen nicht auf der gleichen Höhe wie die Menschen, sondern über ihren Köpfen. Warum soll man die Heiligen, die so nahe sind, nicht in die eigenen Sorgen einbeziehen?

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ