Fronleichnamsprozession

Im Mittelalter hatte eine Nonne, Juliane von Lüttich, eine Vision. Die Scheibe des Vollmondes, Symbol für die Kirche, zeigte durch einen schwarzen Fleck das Fehlen eines Festes zu Ehren der Eucharistie an. Das war 1209. 1246 wurde das Fest in Lüttich gefeiert. Der aus Lüttich stammende Papst Urban IV. führte das Fest 1264 für die ganze Kirche ein. Die erste Prozession wurde in Köln 1279 durchgeführt. Die schnelle Verbreitung des Festes zeigt, wie es der Frömmigkeit des Hochmittelalters Ausdruck verliehen hat. Auch der Barock und das 19. und 20. Jahrhundert feierten Fest und Prozession mit großer Intensität. Neben der Gotik und den theologischen Summen ist das Fronleichnamsfest das für das Hochmittelalter charakteristischste Fest. Es stellt die gewandelte Hostie in einer Monstranz aus. Das Wort leitet sich vom lateinischen monstrare, zeigen, her. Gezeigt wird das Brot an Fronleichnam den Häusern der Stadt und den Feldern, die damit gesegnet werden. Der Papst beauftragte den bedeutendsten Theologen des 13. Jahrhunderts mit der Formulierung der Texte zu dem neuen Fest. Die Hymnen, die Thomas v. Aquin gedichtet hat, werden bis heute gesungen. Der folgende Text fasst die Lehre von der Eucharistie zusammen. Brot und Wein stehen für den gekreuzigten Messias, zugleich ist der Glaube herausgefordert, im Brot den Leib und im Wein das Blut Jesu zu erkennen. Das Geheimnis lasst uns künden, das uns Gott im Zeichen bot: Jesu Leib für unsre Sünden hingegeben in den Tod Jesu Blut, in dem wir finden Heil und Rettung aus der Not...... Gottes Wort, ins Fleisch gekommen, wandelt durch sein Wort den Wein und das Brot zum Mahl der Frommen, lädt auch die Verlornen ein; Der Verstand verstummt beklommen, nur das Herz begreift`s allein .... Die Menschen können im Brot Christus selbst schauen, die Monstranz, oft als Sonnenscheibe gestaltet, unterscheidet die Brotscheibe und hebt sie heraus. Vorausgegangen war, dass der Priester, nachdem er die Abendmahlsworte Jesu über das Brot und Kelch gesprochen haben, die Hostie und den Kelch jeweils über den Kopf gehalten hat, damit die Menschen die Gegenwart Jesu schauen konnten. Das entsprach ganz dem Denken und Fühlen der gotischen Epoche, die auf das Schauen eingestellt war. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass die Mauern der Kirchen durch bemalte Glasfenster ersetzt wurden. Dieser Glaube an die sinnlich fassbare Gegenwart des auferstandenen Jesus in dem konkreten Brot und dem Wein wurde von den Reformatoren nicht mehr geteilt. Auch hier drang eine Fragestellung des Mittelalters in den Vordergrund, ob nämlich das Brot und der Wein nicht nur ein Zeichen für die Gegenwart Jesu, sondern die Gegenwart selbst sein konnten. (Kommunion in die Hand) Das Abendland hatte unter dem Einfluss des germanischen Denkens das Symbolverständnis der frühen Kirche verloren. Die Gegenwart musste deutlicher sein, die Verbindung von dem Leib Christi, der die Kirche ist, und dem Leib, der in den Gestalten von Brot und Wein gegenwärtig ist, wurde nicht mehr deutlich gesehen. Die Gläubigen beten den Leib Jesu an, ohne noch im Bewusstsein zu haben, dass sie selbst durch das Brot zum Leib Jesu aufgebaut werden. Die Orthodoxie hat das symbolische Denken der frühen Kirche bewahrt, nämlich dass die Gegenwart Jesu nicht einfach physisch, sondern als im Geist Gottes gewirkte Gegenwart zu verstehen ist. Symbol heißt immer, dass in einem greifbaren Zeichen eine andere Wirklichkeit anwesend ist. Da ein Symbol nicht statisch, sondern in einen Prozess eingebunden ist, tendiert die Hostie, verzehrt – oder eben durch die Straßen getragen zu werden. Die Menschen schmücken die Häuser und legen Teppiche aus Blumen aus, über die die Monstranz mit dem gewandelten Brot, das „Allerheiligste“ getragen wird. Der Segensgestus wird durch vier Altäre unterstrichen, die auf die vier Himmelsrichtungen ausgerichtet sind. An jedem der Altäre wird mit der Monstranz der Segen ausgesprochen, indem die Monstranz in Kreuzform geschwenkt wird. Wenn immer die Obrigkeit den Katholiken nicht wohl gesonnen war, wurde Fronleichnam zu einer öffentlichen Demonstration katholischer Religiosität. Hier wird das Erbe der frühen Christen wieder lebendig: Der eigentliche Herr, der König, ist der auferstandene Christus, der nicht durch Waffen herrscht, sondern indem sich die Menschen seinem Gesetz des Handelns anschließen.

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ