freitags Fisch

Freitags isst man kein Fleisch und keine Wurst, das ist zumindest für die älteren Katholiken ein Reflex. Das hebt diesen Wochentag heraus, allerdings nicht in festlicher Weise. Kann man an einem solchen Tag richtig satt werden, wenn nicht wenigstens ein kleines Stück Fleisch auf dem Teller liegt? Kein Fleisch zu essen, soll eine Einschränkung sein, weil der Freitag an den Karfreitag erinnert, als Jesus umgebracht wurde. Das ungute Gefühl, das jeder ungerecht Verurteilte in uns anklingen läßt, verbindet sich mit der Einschränkung, die an jedem Freitag daran erinnert, dass jeder eine Mitschuld an dem Tod hat. „Wegen unserer Sünden“ ist er gestorben, schreibt Paulus im Römerbrief. Es sollte nicht sein, auch nicht die Toten in den Konzentrationslagern oder in Srebeniza. Etwas haben wir mit den schlimmen Sachen zu tun. Damit hat der Freitag etwas Schweres, man spürt den Schatten. Das alles verbindet sich mit dem Fischgeschmack.

Dieses katholische Freitagsgefühl hat sich verflüchtigt und hängt nur noch in einigen alten Kleidern. Seit nicht mehr der Samstag, sondern der Freitag das Tor ins Wochenende geworden ist, hat dieser Wochentag etwas Leichtes bekommen, man arbeitet nicht mehr so lange, trifft abends Leute oder lädt Bekannte ein. Am Samstag kann man ausschlafen und hat noch zwei freie Tage vor sich. Seit Fisch von den Ernährungswissenschaftlern ein positives Vorzeichen bekommen hat und die mediterrane und die französische Kochkunst prägend geworden sind, wurde aus dem Nahrungsmittel für arme Leute eine Delikatesse. Die neue Kühltechnik hat dem Fisch seinen Salzgeschmack genommen, denn früher mußte er mit Salz konserviert werden. Auch schmeckt der Fisch nur noch selten „fischig“, weil er frischer zu kaufen ist. Außer denen, die nie Fisch essen, haben sich die meisten an den Fisch gewöhnt, so dass der Fisch nicht mehr mit dem alten Abstinenzgebot verbunden ist, das besagt, man solle sich am Freitag im Gedächtnis an das Sterben Jesu vom Fleisch enthalten („abstinere“ ist das lateinische Verb für sich enthalten.) Als die Bischöfe Ende der sechziger Jahre das Kirchengebot modifizierten, am Freitag statt Fleisch Fisch zu essen, protestierte die Fischindustrie. Die Kirche wollte neben dem Verzicht auf Fleisch noch andere Ausdrucksformen des Verzichts einführen, z.B. auf Genussmittel verzichten oder sich bewusst für eine Tat der Nächstenliebe entscheiden.

Der Freitag hat sich in seiner Grundstimmung geändert. Aber das Fernsehprogramm beinhaltet nicht nur Comedy und andere leichte Unterhaltung. Beim ZDF gehört der Freitagskrimi zum rituellen Ablauf des Freitagabends. Andere Sender bringen einen Thriller. Der Tod meldet sich auf der sog. Unterhaltungsschiene zurück. Das gewaltsame Zu-Tode-Bringen geht weiter. Beim Krimi sitzen wir als Zuschauer allerdings nicht auf der Anklagebank, sondern gehören zu denen, die den Täter ausfindig machen und einer gerechten Strafe zuführen sollen. Wir sind auf Seiten der Ermittler und können selbst das Urteil sprechen. Wie groß das Interesse des Publikums ist, zeigt sich daran, daß ein Viertel der Neuproduktionen in Deutschland Krimis sind, in der Zahl weit vor den Liebesfilmen liegend. Die Vorliebe für Krimis spiegelt offenbar das Gefühl der Zuschauer, dass es oft nicht mit rechten Dingen zugeht und Menschen Opfer werden – von Neid, Rachegefühlen, Rivalität, enttäuschter Liebe und all dem, was die Seele vergiftet. Da jeder das im Verlauf der Woche erlebt hat, bietet der Freitagskrimi die Möglichkeit, sich mit erfahrenen Verletzungen und Benachteiligungen auseinanderzusetzen. Der Krimi oder Thriller am Freitagabend ist eine Art Reinigungsbad der Gefühle, das uns in „aufgeräumter“ Stimmung ins Wochenende entlässt. Dass wir selbst nicht nur Opfer, sondern auch Täter sind, das bleibt als untergründiges Gefühl. Davon ist natürlich auch in den Zeitungen zu lesen und im Fernsehen zu sehen und zu hören – oftmals im Tatort am Sonntag, der doch eigentlich der Tag der Freude über die Erlösung ist.

 

 

Autor: Dr. Eckhard Bieger SJ